Politik

CSU will Arzneimittelforschung im Weltall fördern

  • Mittwoch, 29. Juli 2026
Eine Aufnahme aus der Kamera eines Nasa-Astronauten zeigt die Internationale Raumstation ISS und die Erde darunter./picture alliance, NASA
Eine Aufnahme aus der Kamera eines Nasa-Astronauten zeigt die Internationale Raumstation ISS und die Erde darunter./picture alliance, NASA
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Berlin – Die CSU-Landesgruppe im Bundestag will Arzneimittellabore im Weltraum aufbauen. Pharmaindustrie und Raumfahrtexperten sehen tatsächlich großes Potenzial in den Plänen. Der Bund steigt bereits in der Forschungsförderung ein.

Die Christsozialen setzen auf Zukunftstechnologien, die sie neben Drohnen und Robotik vor allem in der Raumfahrt sehen. „Der Weltraum wird ökonomisch immer wichtiger für Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit. Deutschland und Europa dürfen dabei nicht in Abhängigkeiten geraten“, schreibt die CSU-Landesgruppe in ihrem Beschlusspapier zur Klausurtagung im Kloster Banz.

Neben Raketenstartplätzen in Europa, Serienfertigung und Satelliten und Produktionskapazitäten für Trägerraketen hat die Landesgruppe insbesondere auf die Erforschung und Herstellung von Arzneimitteln im Weltall ein Auge geworfen.

„Wir wollen durch die Herstellung von Arzneimitteln im Weltraum schaffen, was auf der Erde nicht möglich ist“, heißt es im Beschlusspapier. „Wir wollen innerhalb der kommenden zehn Jahre das erste deutsche Medikamentenlabor im Weltall ermöglichen.“

In der Schwerelosigkeit würden Flüssigkeitsbewegungen und das Absetzen von Partikeln entfallen, was zu qualitativ hochwertigeren und kompakteren Ergebnissen führe. Dadurch könnten im All reinere und wirksamere Stoffe hergestellt werden, die dann beispielsweise in der Krebstherapie erhebliche Verbesserungen mit sich bringen könnten.

Fachleute sehen das ähnlich. Die Nutzung der Mikrogravitation im erdnahen Orbit biete faszinierende Impulse für die translationale Spitzenforschung, erklärt der Geschäftsführer Forschungspolitik des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa), Matthias Meergans. Das gelte insbesondere bei der Strukturaufklärung komplexer Proteine und im 3D-Bioprinting, aber auch für die Produktion von auf andere Weise kaum herstellbaren Medikamenten.

Es gebe Herstellungsschritte, die unter Mikrogravitation anders als unter normaler Schwerkraft ablaufen. „Es findet dann beispielsweise keine Sedimentierung statt, oder es bilden sich Kristalle von einheitlicherer Größe. Das haben einzelne Weltraumexperimente gezeigt“, erklärte er auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes. „Für die Herstellung von bestimmten Medikamenten könnte das einen Vorteil darstellen.“

In solchen Experimenten seien bereits Herstellungsschritte in der Erdumlaufbahn durchgeführt worden und durch die gesteigerte Frequenz von Weltraumflügen könne eine Produktion jederzeit hochskaliert werden – im Prinzip.

Denn dem stünden Kostenaspekte entgegen. Der Transport der Materialien ins All und zurück sei sehr teuer. „Es ist fraglich, ob diese Kosten in jedem Fall durch den Arzneimittelverkauf wieder beglichen werden könnten“, gibt er zu Bedenken.

Die CSU-Landesgruppe fordert vorerst mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie mehr, auch kommerzielle, Raumstationen mit Laboren. In spezialisierten Lehrstühlen und Instituten solle die medizinische Forschung im All gebündelt werden, um hier im internationalen Vergleich eine Führungsrolle einzunehmen.

ISS-Nachfolger sollen mehr als nur Grundlagenforschung betreiben

Dass schon in naher Zukunft auch permanente Arzneimittelforschung im Weltall betrieben wird, ist keine Science-Fiction mehr, sondern längst in Planung. Das Ende der Internationalen Raumstation (ISS) ist für den Januar 2031 vorgesehen; bereits jetzt arbeiten mehrere Konsortien an möglichen Nachfolgestationen, die schon in wenigen Jahren die Erde umkreisen sollen.

„Die Basistechnologie der ISS ist circa 40 Jahre alt. Daher werden sich neue und effiziente Möglichkeiten bieten, die eventuell auch neue Märkte erschließen“, sagte Raumfahrtingenieur Volker Schmid dem Deutschen Ärzteblatt.

Schmid ist Senior-Berater und Referent beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Er war unter anderem Missionsleiter von „Blue Dot“, „Horizons“ und „Cosmic Kiss“, der ISS-Langzeitmissionen der deutschen ESA-Astronauten Alexander Gerst und Matthias Maurer.

Die ISS sei auf Grundlagenforschung und Experimente fokussiert gewesen. „Die Post-ISS Stationen werden bei Forschung und möglicher Produktion neue Technologien und Verfahren berücksichtigen“, so Schmid. Nach einer gewissen Anlaufzeit würden sie sich mehr und mehr auf „Manufacturing in Space“ konzentrieren.

Einige Projekte sind bereits weit mehr als Gedankenspiele. So arbeitet unter anderem ein privates Konsortium aus der US-Firma Voyager Space, dem europäischen Konzern Airbus, dem japanischen Unternehmen Mitsubishi und der kanadischen Gesellschaft MDA Space Missions an einer ISS-Nachfolgestation namens Starlab.

Das Konsortium hat dabei neben der akademischen Wissenschaft vor allem ein Auge auf Kunden aus der chemischen und pharmazeutischen Industrie geworfen. Nach Angaben der Handelskammer Bremen – der europäische Sitz des Joint Ventures befindet sich dort – waren für die ersten Jahre bereits Ende 2025 rund 50 Prozent der Kapazitäten auf der privaten Forschungsstation ausgebucht.

Läuft alles nach Plan, soll sie bereits 2029, also noch vor dem Ende der ISS, ihren Betrieb mit einer vierköpfigen Besatzung aufnehmen.

Auch DLR-Raumfahrtingenieur Schmid sieht in solchen Projekten großes wirtschaftliches Potenzial für die pharmazeutische Industrie. Die Bedingungen der Mikrogravitation könnten bei ausgewählten Anwendungen Vorteile bieten, etwa bei der Kristallisation biologischer Moleküle für die Arzneimittelentwicklung oder perspektivisch in der regenerativen Medizin, beispielsweise für Zell- und Gewebetherapien.

„Gerade für hochinnovative biopharmazeutische Produkte könnten sich dadurch künftig neue Herstellungsansätze eröffnen“, erklärte er. „Für Deutschland bietet dies die Chance, frühzeitig Kompetenzen an der Schnittstelle von Raumfahrt, Biotechnologie und Medizintechnik auszubauen und so neue Wertschöpfung sowie internationale Wettbewerbsfähigkeit in einem entstehenden Zukunftsmarkt zu stärken.“

Bundesagentur will Projekte voranbringen

Potenziale von Zukunftstechnologien zu erkennen und deren Entwicklung zu fördern, ist eine der Kernaufgaben der Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) in Leipzig.

Bei ihr konnten sich bis Anfang Juli Start-ups um eine Forschungsförderung von bis zu 1,65 Millionen Euro pro Unternehmen bewerben. Ziel sei, die „Entwicklung und Validierung der ersten kommerziell tragfähigen Anwendungsfälle orbitaler Biotechnologie mit klarem, messbarem Mikrogravitationsvorteil“ voranzubringen, schreibt die Bundesagentur.

Denn die ersten kommerziellen Schritte in diesem Markt würden bislang vor allem in den USA gemacht. „Ein europäisches Gegengewicht fehlt“, schreibt Sprind. „Wer in den nächsten Jahren die ersten kommerziell tragfähigen Anwendungen unter Mikrogravitation entwickelt, prägt die Standards für einen Markt, der gerade erst entsteht. Damit geht es auch um technologische und industrielle Souveränität in einem strategischen Zukunftsmarkt orbitaler Produktion.“

Bei ihrer Ausschreibung gab die Bundesagentur drei Fokusbereiche vor, in denen Mikrogravitation einen wissenschaftlich belastbaren Vorteil verspricht und etablierte europäische Plattformen existieren, nämlich zellfreies Peptid-Manufacturing, Differenzierung von Stammzellen und Organ-on-a-Chip für Wirkstofftests.

Bei Organ-on-a-Chip-Technologien werden lebende Substrukturen von Organen in eine kontrollierte Mikroumgebung integriert, um die Funktionalität oder Erkrankung eines Organs abzubilden.

Neben der finanziellen Unterstützung sowie dem Zugang zu möglichen Kooperationspartnern und Experten will Sprind den teilnehmenden Unternehmen vor allem den Zugang zu Mikrogravitationsplattformen ermöglichen. Neben einer Parabelflugkampagne zur Validierung sei eine Orbitalmission zur privaten Raumstation Haven-1 geplant – die bereits Anfang 2027 mit einer Falcon-9-Rakete von Elon Musks Firma Space X in die niedrige Erdumlaufbahn geschossen werden soll.

lau

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