Medizin

„Das Knie von Lindsey Vonn ist sicherlich ein Sonderfall“

  • Freitag, 30. Januar 2026

Berlin – Es ist sicherlich eines der erstaunlichsten Comebacks im Wintersport. Die US-Ausnahmeskifahrerin Lindsey Vonn hatte ihre Karriere 2019 bereits beendet, unter anderem wegen Kreuzbandrissen und starken Schmerzen im rechten Knie. Doch sie kam zurück und fährt mit 41 Jahren und Teilprothese im Knie wieder Weltcup-Rennen.

Läutet das eine neue Ära der künstlichen Knie ein? Das Deutsche Ärzteblatt hat darüber mit Christoph Becher, leitender Arzt am Internationalen Zentrum für Orthopädie der ATOS-Klinik Heidelberg, gesprochen.

Am Freitag, kurz nach dem Gespräch, stürzte Vonn – so wie mehrere andere Fahrerinnen auch – bei schwierigen Renn-Bedingungen in Crans-Montana. Sie hielt sich nach dem Sturz das linke Knie, die Teilprothese hat sie im rechten. Zunächst war ungewiss, ob sie schwerere Verletzungen erlitten hatte und ob sie wie geplant bei den am 6. Februar beginnenden Olympischen Winterspielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo antreten kann.

Christoph Becher /Paul Träger
Christoph Becher /Paul Träger

5 Fragen an Christoph Becher, Vorsitzender des Komitees für Endoprothetik der Deutschen Kniegesellschaft

Steht der Fall Vonn exemplarisch für Fortschritte in der Endoprothetik – oder eher für die Leidensfähigkeit und Risikobereitschaft einer Profi-Skifahrerin?
Sicherlich beides. Vor 20 Jahren war man noch sehr zurückhaltend, was die Belastung solcher Teilprothesen betrifft. Doch wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass Sport nicht unbedingt zu früherer Lockerung oder Versagen der Implantate führt. Durch bessere Materialien, bessere Ausbildung der orthopädischen Chirurgen und technische Neuerungen wie die robotische Assistenz sind die Ergebnisse besser geworden. Das Risiko späterer Komplikationen hat sich zudem verringert.

Aber das Knie von Lindsey Vonn ist sicherlich auch ein Sonderfall. Sie ist extrem gut trainiert, topfit und koordinativ perfekt vorbereitet. Mir ist kein anderer Leistungssportler oder Leistungssportlerin bekannt, der oder die auf diesem Niveau und mit diesen Belastungen mit einer Endoprothese Sport treibt. Das ist schon etwas Besonderes.

Allerdings ist auch wichtig zu wissen: Frau Vonn hat eine sogenannte Schlittenprothese im Knie, bei der nur Teile der Gelenkflächen ersetzt werden. Die Bänder bleiben im und um das Kniegelenk erhalten. Mit einer Vollprothese wäre ihr Comeback meines Erachtens nicht möglich gewesen.

Welche Risiken birgt es, wenn man mit einer solchen Prothese bei Olympia antritt?
Vor allem wäre bei einer neuen Verletzung, insbesondere einem Bruch des Kochens im Prothesenbereich oder einer Bänderverletzung, die Ausgangssituation mit einer Teilprothese deutlich schwieriger. Das Implantat funktioniert dann eventuell nicht mehr, und auch der Ersatz von Bändern wie des vorderen oder hinteren Kreuzbandes ist dann schwieriger. Grundsätzlich ist es aber nicht so, dass künstliche Knie weniger aushalten als normale Knie.

Ist das Knie von Frau Vonn in ihrem Arbeitsalltag Thema?
Ich benutze den Fall tatsächlich als Mutmacher für Patientinnen und Patienten. Manche haben Angst und sehen einen Eingriff kritisch, auch wenn es eine klare Indikation dafür gibt. Viele Patienten halten sich für zu jung für ein künstliches Knie. Denen kann ich dann am Beispiel von Frau Vonn erklären, dass eine Prothese auch bei jüngeren Leuten Sinn machen kann, und diese auch nicht mit Einschränkungen verbunden sein muss.

Gleichzeitig mache ich den Patienten aber klar, dass die Fähigkeit zu hohen sportlichen, kniebelastenden Leistungen nicht das primäre Ziel der OP ist. Ich operiere normalerweise, damit Menschen im Alltag wieder gut klarkommen, ihren Beruf ausüben  und spazieren, wandern oder Radfahren können.

Haben Ihre Patientinnen und Patienten oft überzogene Erwartungen?
Die Menschen, die zu mir kommen, sind sehr heterogen in der medizinischen Ausgangssituation, aber auch in ihrer Erwartungshaltung. Meine Aufgabe ist es, den Betroffenen ihre Aussichten richtig einzuordnen. Davon hängt auch ab, wie zufrieden sie später mit ihrer Prothese sind.

Wenn jemand vor der OP kaum eine kurze Strecke gehen kann, übergewichtig ist und keinen Sport treibt, dann wird er nach der OP nicht zum Spitzenathleten. Solche Patientinnen und Patienten muss man animieren, dass sie sich überhaupt wieder bewegen und sie werden zufrieden sein, wenn sie dies schmerzfrei tun können.

Gleichzeitig kann man jemandem, der vor kurzem noch Ski gefahren ist und ein sportlicher Typ ist, auch Hoffnung auf eine Rückkehr auf die Piste machen. Garantiert ist das aber nicht und das muss auch vorher angesprochen werden, um zu große Erwartungen nicht zu enttäuschen.

Wieviel Belastung dürfen normale Menschen ihrem künstlichen Knie denn zumuten?
Mittlerweile schränken die meisten Fachleute ihre Patientinnen und Patienten sportlich nicht mehr per se ein. Natürlich ist man in der Regel eher ein bisschen zurückhaltend und empfiehlt risikoärmere Sportarten. Aber es spricht an sich nichts dagegen, mit einer Teilprothese oder sogar Vollprothese auch Sportarten zu betreiben, die kniebelastend sind.

Wichtig ist, dass man sich nach einer OP an stärkere Belastungen herantastet. Hat der Patient ein normales Kniegefühl, ist er schmerzfrei im Alltag, beim Gehen, Radfahren und Wandern? Wenn das alles gegeben ist, und die Muskulatur ausreichend trainiert ist, dann dürfen die Betroffenen ihrem Knie auch stärkere Belastungen zumuten. Die Grenzen muss dann der Patient selbst ausloten.

fri

Diskutieren Sie mit:

1

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Kommentare (1)

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung