5 Fragen an...

„Der systembiologische Ansatz muss in den Köpfen der Medizinerinnen und Mediziner ankommen“

  • Freitag, 6. März 2026

Berlin – Endometriose, Wechseljahre, Gender Data Gap: In Politik und Öffentlichkeit wird in letzter Zeit immer mehr über die Frauengesundheit gesprochen. Mit dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) und dem Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) kümmern sich seit rund dreißig Jahren erstmals wieder aktiv zwei Ministerien – beziehungsweise zwei Ministerinnen – um die Weiterentwicklung der gesundheitlichen Situation von Frauen und stellen Forschungsgelder zur Verfügung. Es gibt nun beispielsweise einen Dialogprozess Wechseljahre und ein eigenes Referat Frauengesundheit im Forschungsministerium. Auf zwei Förderrichtlinien des BMG konnten sich Forschende kürzlich bewerben.

Eine der Bewerberinnen ist Ute Seeland, Fachärztin für Innere Medizin und Professorin für Geschlechtersensible Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Magdeburg. Die Stiftungsprofessur, die sie innehat, schließt eine Hochschulambulanz ein. Seit etwa 15 Jahren beschäftigt sich Seeland mit diesem Thema, zunächst an der Charité Universitätsmedizin in Berlin, seit zwei Jahren nun in Magdeburg. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt geht sie auf die verstärkte Aufmerksamkeit der Frauengesundheit in Öffentlichkeit und Politik ein und beschreibt den für sie wichtigen Ansatz der geschlechtersensiblen Medizin.

Ute Seeland /Kathrin Harms
Ute Seeland /Kathrin Harms

5 Fragen an Ute Seeland, Ärztin für Innere Medizin und Professorin für Geschlechtersensible Medizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Magdeburg.

Die Frauengesundheit rückt politisch immer mehr in den Fokus. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Zunächst habe ich gedacht, das ist nicht der richtige Weg. Wir sollten doch die Unterschiede zwischen Frauen und Männern erforschen, weil dies sehr viel schneller Fortschritte bringt. Der zweite Gedanke war aber: Das ist richtig. Wir haben die Datenlücke in der Medizin, den Gender-Data-Gap, und diese Lücke müssen wir mit Daten zu medizinischen Fragestellungen über und mit Frauen füllen.

Noch interessanter wird die medizinische Frauenforschung in der Kombination mit der Männerforschung. Die gebündelten Erkenntnisse sind für die geschlechtersensible Medizin mit dem systembiologischen Ansatz statt des organbezogenen Ansatzes von großer Bedeutung.

Das heißt, wir legen Systeme zugrunde wie das Immunsystem, die Stressachsen, die Systeme zur Blutdruckregulation, des Sexualhormonstoffwechsels und so weiter und erforschen sowohl die biologischen Geschlechterunterschiede (XX, XY, Intersex) als auch die Interaktionen mit soziokulturellen Einflussfaktoren.

Das macht uns unabhängiger von sprachlichen Konstrukten, die stark abhängig von der Kultur geprägt sind, um einen Menschen zu beschreiben: Frau, Mann, Mädchen, Junge, transidente Person.

Haben Sie sich mit Projekten auf die Fördermittel des BMG beworben?
Auf die Fördermittel vom BMG habe ich mich mit Projekten zur Hypertonie beworben: zum einen in der Schwangerschaft und zum anderen zu Unterschieden zwischen den Geschlechtern.

So treiben mich etwa die Blutdruckgrenzwerte um, die auf ganz viele Menschen nicht zutreffen. Man kann eine Hypertonie sehr viel besser versorgen, wenn man versteht, wie ein Bluthochdruck zustande kommt, dessen Entstehung nicht immer der gleiche Mechanismus zugrunde liegt.

Würden Sie sagen, dass die Fördermittel, die das BMG jetzt bereitstellt, erst einmal ausreichend sind, um im Bereich der Frauengesundheit etwas zu bewegen?
Das ist erstmal ein sehr guter Startschuss. Aber was uns natürlich helfen würde, wären Förderungen auf längere Zeit. Besser wären kontinuierliche, vielleicht auch etwas geringere Forschungsgelder als einmalig ein großer Betrag und dann ist das Thema Frauengesundheit wieder vergessen.

Und es kommt auf die geförderten Projekte an: In der Vergangenheit wurden sehr viele Projekte im Public-Health-Bereich gefördert. Wir brauchen jetzt nicht das hundertste Positionspapier, in denen immer wieder die gleichen Forderungen zu lesen sind und wie wir diese theoretisch umsetzen sollen.

Nein, wir wissen, was wir tun müssen. Wir müssen jetzt umsetzen und geschlechtersensible Medizin fördern. Wir wissen, dass wir ärztliches und Pflegepersonal sowie die Patientinnen und Patienten zusammenbringen müssen. Der systembiologische Ansatz muss in den Köpfen der Medizinerinnen und Mediziner ankommen, um neue Wege der Prävention und Versorgung gehen zu können.

Das beginnt mit den Studierenden und endet bei Fachärztinnen und -ärzten, denen die geschlechtersensible Medizin nahegebracht werden sollte. Das erfordert Zeit und daher halte ich die kontinuierliche Förderung von geschlechtersensibler Forschung und das Umsetzen der Ergebnisse in die Praxis für so wichtig.

Das braucht nicht mehr Ressourcen im Gesundheitssystem, sondern einen ganzheitlichen Blick auf die Risikofaktoren und eine individuelle Therapie für die Patientin beziehungsweise den Patienten.

Insgesamt ist die geschlechtersensible Medizin sichtbarer geworden, was ich an den zunehmenden Anfragen bemerke. Das freut mich sehr, aber ich muss es auch schaffen. Dafür brauche ich Personal und Räume.

Was können Forschung und geschlechtersensible Medizin bewirken?
Ein positives Beispiel aus der Frauenforschung ist die Endometrioseforschung, die schon sehr viel bewirkt hat, besonders in den Köpfen. So viele Frauen leiden darunter, ich habe in der Ambulanz auch schon einige Betroffene gesehen. Von allein erzählt das aber keine Frau, man muss explizit danach fragen, ungewöhnliche Endometriosesymptome und auch seltene Differenzialdiagnosen in Betracht ziehen.

Hier muss man dranbleiben, nicht nur im gynäkologischen Bereich, sondern auch in der Allgemein- und Inneren Medizin, wo die Patientinnen ebenfalls Hilfe suchen. Das gilt auch für die Lebensphase der Perimenopause. Auch hier machen wir deutliche Fortschritte. Daher versuche ich, den systembiologischen Ansatz mehr ins Zentrum zu rücken. Wir denken bisher zu fach- und organspezifisch. Aber ich glaube nicht, dass wir damit viel weiterkommen und den erkrankten Menschen helfen können.

So stellen sich beispielsweise bei mir in der Ambulanz gehäuft Frauen mit Inkontinenz vor, die Kinder geboren und Geburtstraumata erlebt haben, die dann zu einer Inkontinenz geführt haben. Die Betroffenen reden aber nicht darüber.

Ich muss aber wissen, dass die Inkontinenz vorliegt. Denn ich empfehle den postmenopausalen Frauen, mehr Sport als vor der Menopause zu treiben. So sollen Muskeln aufgebaut werden, um einer Sarkopenie vorzubeugen. Die Frauen können dies aber aufgrund der Inkontinenzsymptome nicht umsetzen. Beckenbodengymnastik nützt nichts, wenn in diesem Bereich Muskelschäden bestehen, die nicht bekannt, oft nicht einmal besonders groß und urologisch/gynäkologisch unbehandelt sind.

Das muss systematisch untersucht werden bei den betroffenen Frauen. Das ist ein Thema, das mich sehr beschäftigt und bei dem ich mich mit Gynäkologinnen vernetzen möchte. Es ist schlimm, dass es keine Register gibt und dass es nur wenige interessiert, wie es Frauen nach der Geburt geht.

Wir sollten mehr systembiologisch und weniger in „Fächern“ denken. Besser ist es, den Blick auf Veränderungen in den Systemen zu richten. Im Prinzip geht es darum, die zugrunde liegende Physiologie und Pathophysiologie zu verstehen – zwei Bereiche, die aus meiner Sicht gestärkt werden müssen.

Wie schätzen Sie denn die Entwicklung, dass es bei der Frauengesundheit nun ganz generell auf politischer Ebene voran geht, ein?
Das ist sehr wichtig und absolut notwendig. Allerdings sollten andere Menschen nicht ausgeschlossen werden. Frauengesundheit fördern, bringt nicht nur die Versorgung des weiblichen Geschlechts voran, auch andere Geschlechter profitieren davon.

Außerdem möchte ich nicht nur medizinisches Personal, sondern auch die Bevölkerung über geschlechtersensible Medizin aufklären. Da bestehen große Wissenslücken. Daher eröffnen wir – Deutscher Ärztinnenbund (DÄB) zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin e.V. (DGesGM) – am 6. März in den Räumen des BMG eine Wanderausstellung mit Postern, die über die medizinischen Inhalte zu den Geschlechterunterschieden allgemein verständlich informieren.

aks/nfs

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