Medizin

Diabetesmedikamente senken Hirndruck

  • Donnerstag, 24. August 2017

Birmingham - Inkretin-Mimetika, die seit Jahren sicher zur Behandlung von Typ 2-Diabetes und teilweise auch der Adipositas eingesetzt werden, hemmen im Plexus choroideus die Liquor-Produktion, was in tierexperimentellen Studien in Science Translational Medicine (2017; 9: eaan0972) rasch und nachhaltig den intrakraniellen Druck gesenkt hat.

Ausgangspunkt der Experimente, die ein Team um Alexandra Sinclair von der Universität Birmingham in den letzten dreieinhalb Jahren durchgeführt hat, war die Beobachtung, dass die Epithelien des Plexus choroideus den Rezeptor für das Glucagon-like peptide-1 (GLP-1) exprimieren. GLP-1 ist ein in der Darmwand produziertes Hormon, das den Stoffwechsel auf das Eintreffen von Glukose vorbereitet: Die Beta-Zellen steigern dann die Produktion von Insulin, die Leber hemmt die Freisetzung von Glukose und die Magenentleerung wird verlangsamt. GLP-1-Agonisten, auch als Inkretin-Mimetika bezeichnet, sind ein effektives und nebenwirkungsarmes Mittel zur Behandlung des Typ 2-Diabetes. 

In den letzten Jahren wurde entdeckt, dass es auch im Gehirn Rezeptoren für GLP-1 gibt. Diese erzeugen dort ein Sättigungsgefühl, was zur Zulassung des GLP-1-Agonisten Liraglutid zur Behandlung der Adipositas geführt hat. Warum auch die Epithelien des Plexus choroideus GLP-1-Rezeptoren haben, ist unklar. 

Die Entdeckung veranlasste die Forscher dazu, die Wirkung des Inkretin-Mimetikums Exendin-4 (entspricht Exenatid) an gesunden Ratten zu erproben. Die Wirkung setzte sofort ein. Bereits 10 Minuten nach der subkutanen Injektion von Exendin-4 kam es dosisabhängig zu einem deutlichen Abfall des Hirndrucks um bis zu 44 Prozent, der über 24 Stunden anhielt. Die Behandlung war auch bei Mäusen wirksam, bei denen mittels Injektion von weißer Tonerde (Kaolin) ein Hydrozephalus erzeugt worden war. 

Da mehrere GLP-1-Agonisten bereits als Medikamente zugelassen sind und sich bei der Behandlung des Typ 2-Diabetes als gut verträglich erwiesen haben (von denen einer, Liraglutid, die Blut-Hirn-Schranke passiert), spricht aus Sicht von Sinclair nichts gegen den baldigen Beginn von klinischen Studien. Die Einsatzgebiete wären vielfältig. Sie reichen von einem Anstieg des Hirndrucks bei traumatischen Hirnverletzungen oder nach einem Schlaganfall über  die Behandlung des Hydrozephalus bis zum Einsatz bei der idiopathischen intrakraniellen Hypertension (IIH), einer seltenen Ursache von chronischen Kopfschmerzen.

rme

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