Ärzteschaft

Die Selbstverwaltung will jünger werden

  • Montag, 11. Mai 2026
/Jürgen Gebhardt
/Jürgen Gebhardt

Hannover – Mehr Mitsprache und Sichtbarkeit von jungen Ärztinnen und Ärzten sowie mehr Diversität in der ärztlichen Selbstverwaltung wird dringend benötigt. Darin waren sich Teilnehmende des heutigen Dialogforums der Bundesärztekammer (BÄK) „Einfach machen – Selbstverwaltung der Zukunft“ einig.

„Wenn wir möchten, dass die Selbstverwaltung eine Zukunft hat, dann muss sie jünger, vielfältiger, lebensnäher und auch weiblicher werden“, sagte Theresa Buuck, Vorsitzende des Ausschusses für junge Ärztinnen und Ärzte, Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern. Denn diese Gruppen seien in der Selbstverwaltung deutlich unterrepräsentiert. „Ohne ihre Perspektive bleiben zentrale Zukunftsfragen der Versorgung unvollständig.“

Auch die Schirmherrin der Veranstaltung und Vizepräsidentin der Bundesärztekammer (BÄK), Ellen Lundershausen, erklärte: „Wir beobachten, dass junge Kolleginnen und Kollegen in den Gremien der Landesärztekammern unterrepräsentiert sind.“ „Wir haben auch zu wenig Frauen“, sagte sie weiter.

Derzeit gebe es nur zwei Landesärztekammerpräsidentinnen, bemängelte Lundershausen. Auch zugewanderte Kolleginnen und Kollegen seien in der Gremienarbeit unterrepräsentiert. „Wir müssen überlegen, wie wir die Mitwirkung möglich machen können, wie wir Beteiligung stärken und Zugänge erleichtern können“, sagte sie. Allerdings sei das Interesse unter jungen Ärztinnen und Ärzten auch oftmals gering, kritisierte sie.

Dies könnte auch mit schwierigeren Rahmenbedingungen in der Gesundheitsversorgung zu tun haben. Vor diesem Hintergrund sei es für viele herausfordernd, sich gleichzeitig in Gremien zu organisieren, erklärte Marion Charlotte Renneberg, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen. Allerdings lebe die Selbstverwaltung von dem Engagement junger Ärztinnen und Ärzten sowie Medizinstudierenden.

Kompliziert wirkende Strukturen

Nach den Erfahrungen von Andrej Weissenberger, Arzt in Weiterbildung Pädiatrie in Solingen, erlebten viele junge Ärztinnen und Ärzte die Selbstverwaltung bislang als schwer zugänglich. „Wir sind es in der Klinik gewöhnt, Probleme rechtzeitig zu erkennen und sie vor allen Dingen auch zu lösen. Wir machen einfach“, sagte er. In der Selbstverwaltung treffe man jedoch auf kompliziert wirkende Strukturen.

Die Kammerarbeit wirke auf viele junge Ärztinnen und Ärzte wie „eine Welt mit schwierigen Ausschusssitzungen, abstrakten Satzungsänderungsanträgen und undurchsichtigen Regeln“. Die ärztliche Selbstverwaltung werde häufig als geschlossenes System wahrgenommen, dessen Bedeutung für den Klinikalltag sich erst auf den zweiten Blick erschließe. Gleichzeitig sei der Wunsch nach Veränderungen groß, so Weissenberger.

Dies zeigte auch eine Umfrage unter den Teilnehmenden der Veranstaltung. Mehr als 90 Personen nahmen daran teil. Demnach war die Motivation etwas ändern zu wollen, der größte Antrieb sich zu engagieren. Weitere Gründe waren die Möglichkeit Einfluss zu nehmen, soziale Verantwortung und eigene Betroffenheit. Fehlende Kenntnisse über Kammerstrukturen, und ein hoher zeitlicher sowie organisatorischer Aufwand gehören dagegen zu den Hindernissen für die Kammerarbeit, wie aus den Antworten von rund 60 Teilnehmenden hervorgeht.

Für junge Ärztinnen und Ärzte seien moderne Arbeitszeitmodelle, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine digitale Medizin und eine qualitativ hochwertige Weiterbildung wichtig, erklärte Weissenberger weiter. Dennoch sei die Beteiligung der jungen Generation in den Gremien der Selbstverwaltung weiterhin gering.

Der junge Arzt sprach diesbezüglich von einem „Paradoxum“: Einerseits werde über bestehende Regeln geklagt, andererseits gehöre Engagement auch zur eigenen Verantwortung. „Wir dürfen uns nicht hinter der Arbeit verstecken oder darauf warten, dass uns jemand den roten Teppich ausrollt“, sagte er in Richtung der jungen Teilnehmenden. Demokratie und Selbstverwaltung lebten vom Mitmachen und nicht vom Zuschauen.

Junge Menschen gezielt ansprechen

Die Ärztekammern seien oft nur auf dem Schirm von jungen Ärztinnen und Ärzten, weil nach der Approbation Kammerbeiträge fällig würden, sagte Pedram Emami, Präsident der Ärztekammer Hamburg. Bis zum Facharzt verschwinden die Kammern dann wieder aus den Augen der jungen Kolleginnen und Kollegen, so zumindest die Wahrnehmung vieler, erklärte er weiter.

Die Allgemeinmedizinerin Buuck schlug deshalb vor, junge Menschen gezielt anzusprechen und zu ermutigen. In der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern würden frisch Approbierte Ärztinnen und Ärzte und Medizinstudierende etwa mit Grillabenden über die Kammerarbeit informiert. Zudem sollten Veranstaltungen der Kammer mit Fortbildungsveranstaltungen kombiniert werden. Buuck sieht die Landesärztekammer Mecklenburg-Vorpommern als Leuchtturmprojekt bei der Einbeziehung junger Ärztinnen und Ärzte. Diese seien mittlerweile in fast jedem Ausschuss aktiv.

Um Jüngeren mehr Mitsprache zu ermöglichen, könnte Buuck sich zudem vorstellen, eine Altersgrenze für bestimmte Ausschüsse einzuführen. Die Allgemeinmedizinerin appellierte aber auch an die Ärztinnen und Ärzte selbst sich einzubringen und zumindest ihr passives Kammerwahlrecht wahrzunehmen.

Buuck sprach sich außerdem für einen Kulturwandel aus: Unterschiedliche Perspektiven sollten nicht als Störung, sondern als Qualitätsgewinn verstanden werden. „Selbstverwaltung darf kein Raum sein, in dem man sich erst beweisen muss, bevor man sprechen darf.“ Allerdings scheitere die Gremienarbeit selten an fehlendem Interesse, sondern etwa an fehlenden Zugängen, an Intransparenz oder fehlender Zeit.

Auch der junge Arzt Weissenberger sieht die Kammern in der Verantwortung. Diese müssten die ehrenamtlichen Strukturen verändern, damit jungen Ärztinnen und Ärzten mehr Engagement in den Gremien ermöglicht werde. Allein schon organisatorische Hürden erschwerten vielen jungen Ärztinnen und Ärzten die Beteiligung, so seine Wahrnehmung. „Junge Ärztinnen und Ärzte haben kein Vorzimmer, sondern einen Dienstplan, der oft Monate im Voraus steht“, sagte er.

Präsenzveranstaltungen seien daher häufig schwer mit dem Klinikalltag vereinbar. Die Zukunft der Kammerarbeit müsse deshalb stärker hybrid organisiert werden, so Weissenberger. Gerade für junge Ärztinnen und Ärzte erscheine die Mitarbeit in Gremien zudem oft zu zeitintensiv.

Altersgrenze und Kulturwandel gefordert

Ergänzend sei auch Mentoring sinnvoll, um jüngere Kolleginnen und Kollegen an die Hand zu nehmen, betonten Weissenberger und Jana Pannenbäcker, Vizepräsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB). „Am Anfang hat man keine Ahnung, was da passiert“, sagte Pannenbäcker.

Die ehrenamtliche Tätigkeit in den Kammern sei mit einem stetigen Lernprozess verbunden. „Auch ich habe noch nicht verstanden, was da eigentlich so alles läuft“, sagte die Allgemeinmedizinerin. Um junge Menschen in der Selbstverwaltung auch zu halten, brauche es sichtbare Vorbilder. „Wir müssen den Spaß an Selbstverwaltung transportieren“, betonte sie.

Inhaltlich besonders wichtig sei für die junge Generation die Weiterbildung, weiß der angehende Kinderarzt Weissenberger. Sie sei für sie „das Herzstück der Kammerarbeit“. Die Selbstverwaltung müsse mehr Mut haben, die Qualität der Weiterbildung gegen ökonomischen Druck zu verteidigen, meint der junge Arzt. Wenn junge Ärztinnen und Ärzte erlebten, dass die Kammern hier ein wirksames Instrument seien, würde auch die Bereitschaft zum Engagement steigen, vermutet er.

Ärztinnen und Ärzte sollten es sich auch nicht nehmen lassen, über die Kammern ihre Altersvorsorge mitzugestalten, betonte heute auch Ulrich Wenner, ehemaliger Vorsitzender Richter am Bundessozialgericht.

Die Altersvorsorge für Ärztinnen und Ärzte werde über die Versorgungswerke organisiert, die letztlich in der Hand der Ärztekammer seien, so Wenner. Das gelte beispielsweise auch in Bezug auf die Anerkennung von Elternzeiten. „Was Sie gestalten können, können Sie weitgehender gestalten als andere Berufsgruppen.“

Ehrenamtlichen Tätigkeiten in der Selbstverwaltung stünde allerdings oftmals die Organisation mit der ärztlichen Arbeit entgegen. Die Kammern könnten künftig Arbeitgeber auffordern, Engagierte freizustellen oder andere gute Lösungen zu finden, schlug Pannenbäcker vor. Um Lohnausfällen bei unbezahlter Freistellung auszugleichen, sollte man auch über eine gewisse Form der Aufwandsentschädigung nachdenken, sagte Buuck.

cmk/ER/nfs/mim

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