„Diese Epidemie entwickelt sich nicht allein, weil das so ein schlimmes Virus ist“
Berlin – Mehr bestätigte Ebola-Patienten, aber inzwischen viel weniger Verdachtsfälle als zu Beginn: Rund um den Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik (DR) Kongo bestehen noch viele Unsicherheiten. Dennoch rechnen Hilfsorganisationen noch mit einem länger andauernden Kampf gegen die Epidemie.
Welche Faktoren die Situation vor Ort so schwierig machen, erläutert Maximilian Gertler, der sich am Institut für Internationale Gesundheit der Charité – Universitätsmedizin Berlin mit der Vorbereitung auf sogenannte „High Consequence Infectious Diseases“ (HCIC) wie Ebola- und Marburgfieber auseinandersetzt.
Für Ärzte ohne Grenzen (MSF) war er als Epidemiologe beim bisher größten erfassten Ebola-Ausbruch (2014–2016) in Westafrika im Einsatz. Das Deutsche Ärzteblatt hat mit Gertler gesprochen, als er in Nairobi einen schon länger geplanten Workshop mit ostafrikanischen Kolleginnen und Kollegen vorbereitete.

5 Fragen an Maximilian Gertler, Facharzt für Innere Medizin, Notfallmedizin, Tropenmedizin, Epidemiologie am Institut für Internationale Gesundheit der Charité in Berlin sowie Aufsichtsratsmitglied bei Ärzte ohne Grenzen
Wie sehen Sie die aktuelle Lage in der DR Kongo?
Es ist kniffelig. Die ersten epidemiologischen Daten waren sehr dramatisch. Die vielen verstreuten Verdachtsfälle in einer politisch extrem instabilen Region deuteten auf ein länger andauerndes, unübersichtliches Geschehen hin. Es dürfte dauern bis zur Eindämmung. Die Zahlen sind wegen schwacher Laborkapazitäten vor Ort aber nicht einfach zu interpretieren.
Dass man mit dem Bestätigen nicht hinterherkommt, ist mehr als nur ein Datenproblem: Teams vor Ort haben keine Klarheit darüber, wen sie als Ebola-Fall weiter isolieren müssen beziehungsweise wer mit einer anderen Erkrankung im Isolierzentrum erst der Ansteckungsgefahr ausgesetzt wird.
Die Symptome von Ebolafieber sind am Anfang sehr unspezifisch, wie bei vielen Infektionskrankheiten: Fieber, Schüttelfrost, Knochenschmerzen, allgemeines Krankheitsgefühl. Malaria, Masern und andere fiebrige Erkrankungen müssen rasch ausgeschlossen werden können, sonst steht man vor einer irrwitzigen Zahl an Verdachtsfällen, die man nicht isolieren kann. Die Ungewissheit erschwert es letztlich auch sehr, Hilfsaktivitäten zu koordinieren.
Welche Schritte sind jetzt besonders wichtig?
Nur eine auf mehreren Säulen aufgebaute Epidemiebekämpfung kann gelingen. Die Nachverfolgung und Aufklärung der Kontaktpersonen von Infizierten ist entscheidend. Aber auch, dass man schnell sichere Labordiagnostik ausbaut, um ein klareres Bild zu bekommen, wo man die knappen Ressourcen am besten einsetzt. Außerdem braucht es Isolierkapazitäten.
Neben der Ausrüstung der Labore mit PCR-Kits muss auch Personal geschult werden. Die Labore müssen in einem halbwegs stabilen Setting sein. Wenn das nicht direkt bei den Behandlungszentren möglich ist, muss man Transporte für die Proben organisieren. Das ist in dieser Region mit vielen unterschiedlichen bewaffneten Gruppen, die miteinander in Konflikt stehen, sehr schwer.
Vor Ort herrscht massives Misstrauen der Bevölkerung in Entscheidungsträger, in die Gesundheitsstrukturen, in Organisationen. Manche Menschen sind leicht aufzuwiegeln, es gibt auch einzelne Gruppen, die ein Interesse daran haben, dass die Stimmung kippt. Das hat in den vergangenen Wochen schon zu tragischen Ereignissen wie verhinderten sicheren Bestattungen geführt.
Was Impfstoffe anbelangt, so hat Ärzte ohne Grenzen schon nach dem jüngsten Bundibugyo-Ausbruch gefordert, dass man sich diesem Virus wissenschaftlich zuwendet, dass man Diagnostik, Impfstoffe, Therapeutika erforscht. Hätte man jetzt einen Impfstoff, würde dies sicherlich zur besseren Bekämpfung beitragen.
Aber wir können jetzt nicht darauf warten. Man muss festhalten: Alle 16 bisherigen Ebola-Ausbrüche sind im Wesentlichen durch die klassischen nicht-pharmazeutischen Maßnahmen beendet worden.
Welche Rolle spielt die Kürzung der internationalen Hilfen für globale Gesundheit?
So eine Epidemie ist ein Ereignis, das von einer allgemein schlechten Versorgung und unzureichend ausgestatteten Strukturen profitiert. Man geht davon aus, dass die ohnehin schon schwache humanitäre Versorgung im Osten der DR Kongo zu 50 bis 70 Prozent von der Finanzierung und von Beiträgen der USA abhing. Wenn das binnen kurzer Zeit wegfällt, verschlechtert sich das System massiv.
Personal wurde entlassen, Einrichtungen schlossen, es kam zu Engpässen bei Medikamenten und Diagnostika, Behandlungen chronisch Kranker wurden unterbrochen. Dass der Ausbruch so lange nicht erkannt wurde, kann daher mit der knapperen finanziellen Ausstattung zusammenhängen.
Die Ausbruchsbekämpfung wird durch die dramatische politische und soziale Lage in der Region erschwert. Allein sie ist bereits ein starker Beschleuniger dafür, dass solche Erkrankungen zu fürchterlichen Epidemien führen. In Kombination mit den schwachen medizinischen Möglichkeiten, die wir gegen diesen Virustyp haben, ist es noch ungünstiger.
Die Sterblichkeitsraten bei Ebola-Fieber sind sehr hoch. Liegt das nur am Virus?
Nein, mit frühzeitiger und optimierter supportiver (beziehungsweise intensivmedizinischer) Behandlung wie in den USA und Europa lassen sich die Raten deutlich senken: Studien zufolge auf unter 20 Prozent.
In einem Charité-Projekt hatten wir schon länger geplant, kommende Woche in Nairobi medizinisches Personal aus Ostafrika fortzubilden, wie das medizinische Management von Krankheiten wie Ebola- und Marburgfieber verbessert werden kann: etwa mit balanciertem Flüssigkeitsmanagement, kreislaufstabilisierenden Maßnahmen, Behandlung von Co-Infektionen und Überwachung von Laborwerten wie Elektrolyten und dem Blutzucker, der bei Ebolafieber eine wichtige Rolle zu spielen scheint.
Wir schulen wegen des Ausbruchs zusätzlich auch ein Team aus Uganda und tragen so hoffentlich verbesserter Preparedness bei. Das Projekt TEACH (Training in the East African Community for High Consequence Infectious Diseases) war vor dem Hintergrund entstanden, dass die meisten Ausbrüche dieser Art in den vergangenen Jahren eher kleiner geworden sind, weil die Eindämmung schneller und effektiver war – aber die Sterblichkeit war leider immer noch hoch.
Unser Ansatz: Wir bauen eine große Kohorte von 120 Menschen aus der ostafrikanischen Community auf, 20 davon werden zu Ausbildern ausgebildet. Sie sollen dann speziell für die klinische Versorgung in Ausbrüchen eingesetzt werden können. Angesichts des aktuellen Ausbruchs passen wir das Programm an: Wir gehen auch auf Zielgruppen ein, für die zunächst nur die Erkennung von Fällen, das Verständnis der Ausbruchsbekämpfung und der Einsatz von Schutzausrüstung vordringlich ist.
Ärzte ohne Grenzen richtet darüber hinaus ein Trainingszentrum in Nairobi, um dort nach Möglichkeit in den nächsten Monaten jede Woche mehrere Dutzend Mitarbeitende auszubilden, die dann entweder in der DR Kongo oder Nachbarregionen eingesetzt werden sollen.
Sie haben dem Deutschen Ärzteblatt vor zwei Jahren berichtet, wie schwierig es beim Ebola-Ausbruch 2014 war, die Aufmerksamkeit dafür zu erlangen. Wie beurteilen Sie das dieses Mal?
Ja, damals ist monatelang nichts passiert, weil die internationale Gemeinschaft weggeschaut hat. Dadurch war das Geschehen lange Zeit fast unkontrollierbar. Diesmal wurde es immerhin trotz der späten Ausbruchserkennung direkt ernst genommen.
Aber es muss sich jetzt erst zeigen, ob sich das in tatsächlichen Aktivitäten in der Region niederschlägt: Wird es Mittel geben für einen Ausbau von Isolierstationen? Wird man Labordiagnostik aufbauen? Wird zusätzliches Personal für die Kontaktpersonennachverfolgung und die Gesundheitsaufklärung in die Region kommen? Nur wenn das wirklich vor Ort passiert, kann man von einer besseren Reaktion als 2014 sprechen.
Die Erklärung des gesundheitlichen Notfalls durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) allein reicht nicht. Man muss jetzt vor Ort handeln, damit das Leiden und Sterben durch die Erkrankung aufhört, damit die allgemeine Gesundheitsversorgung nicht weiter zusammenbricht und es zu einer weiteren Destabilisierung der Region kommt.
Diese Epidemie entwickelt sich nicht allein, weil das so ein schlimmes Virus ist. Sondern auch, weil die Lebenswirklichkeit dieser Bevölkerung so katastrophal ist. Millionen Menschen im Osten der DR Kongo haben in den vergangenen Jahren Vertreibungen erlebt. Die fortgesetzte Gewalt, die die Menschen in Armut hält, ist der Nährboden für diese Epidemie, aber auch für vieles andere Schreckliche.
Es sterben in der Region jedes Jahr mehr Menschen an Cholera, Masern und Malaria als an Ebolafieber. Der Ebola-Ausbruch verschlimmert die Lage aber massiv. Von internationaler Seite darf es nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben, sondern man muss die Gesundheitsversorgung in der Region stärken.
Diskutieren Sie mit
Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.
Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.
Diskutieren Sie mit: