E-Mail-Leaks offenbaren Einflussnahme der Lebensmittelindustrie auf Gesundheitspolitik

Melbourne – Veröffentlichte E-Mail-Kommunikationen zwischen ehemaligen Führungskräften des multinationalen Getränkekonzern Coca-Cola zeigen, mit welchen Strategien Lebensmittelkonzerne versuchen, öffentliche Gesundheitsrichtlinien für kommerzielle Gewinne zu steuern. Zu diesem Schluss kommen Forscher der Deakin University in Melbourne in einer Publikation in Critical Public Health, nachdem sie eine von vielen E-Mail-Korrespondenzen analysiert haben (2017; doi: 10.1080/09581596.2017.1371844).
Die E-Mails stammen aus dem Jahr 2015 und wurden aufgrund einer Anfrage (Colorado Open Records Act request) im Zuge der Informationsfreiheit bekannt (U.S. Right to Know to the University of Colorado). Die E-Mail-Autoren: Michael Ernest Knowles, ehemaliger Vizepräsident der Global Scientific and Regulatory Affairs bei Coca-Cola (2008–2013) und ehemaliger Präsident des International Life Sciences Institute (ILSI), und Alex Malaspina, ehemaliger Vizepräsident bei Coca-Cola und Gründer des ILSI.
Auch wenn Knowles und Malaspina zum Zeitpunkt der nun veröffentlichten E-Mail-Kommunikation nicht bei Coca-Cola tätig waren, kommen die Autoren aus Australien zu folgendem Schluss: „Die E-Mails entlarven ein bewusstes und koordiniertes Vorgehen, wie wissenschaftliche Belege sowie Expertenmeinungen zu Gesundheit und Ernährung zu beeinflussen sind“, sagte Hauptautor Gary Sacks, Senior Research Fellow am Global Obesity Centre an der Deakin School of Health and Social Development.
„Die Taktiken, die in dieser Kommunikationen zwischen ehemaligen Coca-Cola-Mitarbeitern verwendet wurden, stellen ein erhebliches Risiko für internationale Bestrebungen dar, wichtige Gesundheitsprobleme wie Adipositas zu bewältigen“, erklärte Sacks.
Strategie der Lebensmittelindustrie vergleichbar mit der Tabakindustrie
Laut Sacks waren die in den veröffentlichten E-Mails diskutierten Taktiken ähnlich denen, die bereits Tabak- oder Alkoholunternehmen verwendeten: Es wird versucht, eigene Beweise bezüglich der Gründe von Adipositas zu generieren – sowohl durch direkt beauftragte Studien als auch durch externe Organisationen: „Any ideas how we can counteract recommendations not based in science but mainly on anectodal evidence“, schreibt Malaspina an Knowles.
Eine weitere Strategie ist, Industrievertreter bei wissenschaftlichen Institutionen und medizinischen Verbänden zu positionieren: „Scientific Societies: We all belong to one or more of these and we should have leadership roles in the key ones ...“, heißt es beispielsweise in einer Antwort von Knowles an Malaspina. Zudem wird empfohlen, gezielt Beziehungen mit politischen Entscheidungsträgern und Meinungsführern aufzubauen.
Politiker lassen sich von Lebensmittelwirtschaft beraten
Auch in Deutschland werden vergleichbare Strategien sichtbar. Erst kürzlich hatte die Verbraucherorganisation Foodwatch einige Mythen der Zuckerindustrie aufgedeckt, woraufhin die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ) versuchte, mit sieben Fakten zu Zucker und Ernährung zu kontern. Das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) hat darüber berichtet.
Wie eng die Verknüpfung zwischen deutschen Politikern und der Lebensmittelindustrie ist, zeigte unlängst eine kleine Anfrage zur Reformulierungsstrategie von Bündnis 90/Die Grünen. Hier wurden Gespräche des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) aufgelistet, die dem allgemeinen Informationsaustausch zur geplanten Nationalen Strategie zur Reduktion von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten dienen sollten.
Dabei waren die Gespräche mit Ärzteverbänden, wie etwa der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) oder der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und Verbraucherorganisationen deutlich unterrepräsentiert.
Weit mehr Gespräche fanden mit Vertretern der Lebensmittelwirtschaft und dem Lebensmittelhandel statt, unter anderem mit dem Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), der Wirtschaftsvereinigung alkoholfreie Erfrischungsgetränke (wafg), dem Verband der deutschen Fruchtsaft-Industrie (VdF), dem Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) oder der WVZ.
Das Ergebnis der Gespräche: Der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft Christian Schmid setzt auf Freiwilligkeit bei der Reformulierung von Lebensmitteln, will die Lebensmittelindustrie nicht verpflichten und erntet dafür Kritik von Ärzteverbänden.
„Die Gemeinschaft von Medizin und Gesundheitswesen sollte sich dessen bewusst sein, dass Teile der Lebensmittelindustrie sie als Werkzeuge sehen, mit welchen sie Beeintächtigungen ihres Profits abwenden können", sagt Sacks. Er plädiert dafür, Interessenkonflikte bei professionellen Institutionen, wissenschaftlichen Gesellschaften und politischen Entscheidungsträgern zu identifizieren.
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