Politik

Elektronische Patientenakte ist Lackmus-Test für bessere Medizin

  • Dienstag, 30. April 2019
/metamorworks, stock.adobe.com
/metamorworks, stockadobecom

Berlin – Zum 1. Mai tritt das Terminservice- und Versorgungsgesetz in Kraft. Es enthält auch den politischen Auftrag an die Krankenkassen, ihren Versicherten ab dem 1. Januar 2021 eine von der gematik – Gesellschaft für Telematik zugelassene elektronische Patien­tenakte (ePA) anzubieten.

Über die Frage, inwiefern die Digitalisierung in der Medizin und speziell die ePA auch eine Verbesserung mit sich bringt, diskutierten Experten aus Politik, Medizin, Daten­schutz und Industrie beim „Forum Wissen & Gesundheit“, das der Landesverband Berlin-Brandenburg des Marburger Bundes (MB) gemeinsam mit dem Tagesspiegel gestern in Berlin veranstaltete.

„Wir als Ärzteschaft sehen die Potenziale, mit digitalen Hilfsmitteln Verbesserungen für die Medizin zu erreichen, weil wir unsere ärztliche Tätigkeit damit vereinfachen, be­schleu­­nigen und effektiver machen wollen, um eine verbesserte digitale Gesundheit zu erreichen“, sagte Peter Bobbert vom MB-Bundesvorstand. Dafür müssten die Ärzte diesen digitalen Weg aktiv und gestalterisch gehen.  

Die ePA sei ein Tool, um die mit der Digitalisierung verbundenen Potenziale zur Verbesse­rung der Medizin für die Patienten tatsächlich zu heben. „Es ist ein gewisser Lackmus-Test für unser Gesundheitssystem, ob wir es schaffen, mit der ePA tatsächlich eine Verbesse­rung der Medizin zu erreichen“, meinte Bobbert. Zu fragen sei jedoch, ob die gesetzliche Regelung sinnvoll sei, dass nur Krankenkassen eine ePA anbieten dürfen.

Nutzbarkeit der Daten

Für Steffen Krach, Berliner Staatssekretär für Wissenschaft, führt kein Weg an der ePA und an der Digitalisierung im Gesundheitswesen vorbei. Aus der Perspektive der Wissen­schaft und Forschung sei dabei vor allem die Frage der Daten und deren Nutzbarkeit für die Forschung und Versorgung der Patienten relevant für eine Verbesserung der Medizin.

Krach verwies auf die Empfehlungen der Zukunftskommission „Berlin Gesundheitsstadt 2030“, wonach es sinnvoll sei, die Hauptstadt zu einem Wissens- und Gesundheits­stand­ort auszubauen. „Berlin ist dafür ein guter Standort“, meinte er. Dabei dürfe Datenschutz nicht gegen Digitalisierung ausgespielt werden.

Christian Klose, stellvertretender Leiter der Abteilung für Digitalisierung und Innovation im Bundesgesundheitsministerium (BMG), zeigte sich überzeugt, dass Deutschland bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen im Vergleich zu anderen Ländern „extrem viel“ aufholen kann, insbesondere, „weil inzwischen auch die Ärzteschaft das Thema viel stär­ker verinnerlicht hat und chancenorientiert argumentiert“. Digitale Transformation bedeu­te, Menschen mitzunehmen, denn „Technik kann am Ende jeder“.

Drei Parameter seien für das BMG handlungsleitend: „Digitalisierung muss Mehrwerte bieten.“ Zudem müsse stets der Mensch im Mittelpunkt des Handelns bleiben. Schließlich könne Digitalisierung im Gesundheitswesen nur funktionieren, wenn sie als gemeinsame Aufgabe verstanden werde. Nur dann bestehe die Chance, sich gegen Google, Amazon und Co „halbwegs“ durchzusetzen.

Anwendungen mit Mehrwert

Dabei gehe es nicht nur darum, in einer Akte Dokumente zu verwalten wie in einem Leitz­ordner, sondern beispielsweise für den Diabetiker mit der Akte eine „Diabetesreise“ darzustellen, mit situationsangepassten Hinweisen, wann etwa die Kontaktaufnahme zum Arzt erforderlich ist.

Ein „klassisches Mehrwertthema“ ist Klose zufolge auch die Arzneimitteltherapiesicher­heit. So könne der bundeseinheitliche Medikationsplan künftig als Teil der ePA dazu bei­tragen, dass bei der Notaufnahme, beim Wechsel des Behandlers oder auf dem Weg zum Facharzt sofort die relevante Information vorhanden ist, welche Medikamente der Patient einnimmt.

Das Ministerium schaffe derzeit die regulatorischen Lösungen, damit in Projekten Dinge wie die ePA oder das elektronische Rezept (E-Rezept) ausprobiert werden könnten. Zu­dem habe das BMG mit der Mehrheitsübernahme der gematik die politische Verantwor­tung für den Erfolg der ePA und der Telematikinfrastruktur (TI) übernommen. Die TI sei jedoch nur die Autobahn, die Entwicklung der Mehrwerte müsse außerhalb der gematik stattfinden.

Nach Meinung von Catherina Pieroth, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, sollten Patientendaten weder allein von den Kassen noch allein vom Staat verwaltet werden. Besser wäre ein eigenes Gremium, in dem auch Pa­tienten­vertreter mitbestimmen, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln. „Ich stelle mir dafür einen unabhängigen Trust vor, einen Verbund aus Politik, Krankenkassen und Patientenverbänden“, erläuterte sie.

Zu viel Theorie

Die Diskussion in Deutschland sei viel zu theoretisch geführt worden, kritisierte Susanne Mauersberg vom Koordinierungskreis der Patientenverbände. „Für die Deutschen ist Digi­ta­lisierung ein Angstthema.“ Viele Menschen befürchteten, dass ihre Gesundheitsdaten bei Facebook, WhatsApp oder anderswo im Internet auftauchen.

Hinzu kommt aus ihrer Sicht, dass künftig über den geplanten mobilen Zugang zur ePA die Nutzer sehr viel mehr Verantwortung für ihre Gesundheitsdaten haben als in früheren restriktiveren Konzepten. „Das ist auch ein Kommunikationsthema“, mahnte Mauersberg. Dies müsse weit vor 2021 kommuniziert werden. „Wir brauchen ganz dringend Erklär­fil­me. Und ich möchte nicht, dass die Krankenkassen die machen. Das wäre eine Aufgabe der gematik.“

Ulrich Vollmer, Referatsleiter bei der Berliner Datenschutzbeauftragten, verwies darauf, dass für die Steuerung eines komplexen Gesundheitssystems wie des hiesigen Daten er­forderlich sind. Die Gesetzgebung regele hierfür schon jetzt die vielfältigen Datenflüsse. „Die Daten über unsere Behandlung sind viel breiter gestreut, als sie durch die elektroni­sche Patientenakte je gestreut sein werden“, betonte der Datenschützer.

Auch er hob hervor, dass die ePA für den Patienten einen Mehrwert bieten sollte. Eine Digitalisierung von Daten bedeute nicht nur ein zusätzliches Risiko, sondern ermögliche auch einen Nutzen, der freigesetzt werden müsse. Der Datenschutz fungiere dabei nicht als Stoppschild. „Wir als Datenschützer sind dazu da, dass auf der Autobahn, die jetzt gebaut wird, auch mit der richtigen Geschwindigkeit gefahren wird. Wir sorgen für die Einhaltung der Regeln.“

Medizinisches Poesiealbum

Der Ärztliche Direktor der Charité, Ulrich Frei, zeigte sich skeptisch, dass die ePA in der jetzigen Form einen Nutzen und eine Verbesserung der Patientensicherheit darstellen kann. Die ePA sei sehr von der Angst des Patienten um seine Daten her konstruiert. „Er darf entscheiden, was da hineinkommt, was er weglässt, wem er die Daten gibt, das heißt, es ist eine Sammlung von Daten, die möglicherweise richtig sind, aber sie sind nicht konsistent, nicht vollständig, können in der Auswahl dem subjektiven Empfinden des Patienten folgen.“

Das Resultat sei eine Art „medizinisches Poesiealbum“, aber keine objektive Patienten­akte, auf die der Arzt seine Behandlung gründen könne, so Frei aus der Sicht der medizi­nischen Praxis. Um einen Mehrwert für den Patienten zu erreichen, sei eine verlässliche und vollständige Datengrundlage erforderlich, weil der Patient nicht entscheiden könne, was wichtig oder unwichtig sei. Nur so lasse sich auch eine ökonomische weitere Diag­nos­tik und Therapie aufbauen.

Dieser Auffassung mochte sich Andrea Grebe, Vorsitzende der Geschäftsführung bei Vi­van­tes und Fachärztin für Innere Medizin, nicht anschließen. „Ich als Bürgerin und zu­fällig auch Ärztin möchte meine Befunde haben.“ Zwar stehe dies dem Patienten rechtlich zu, die Beschaffung gestalte sich in der Realität jedoch aufwendig bis unmöglich. Inso­fern sei es ein wichtiger Schritt, „dass ich mit der ePA meine Befunde kenne“, auch wenn es zunächst ein Leitzordner sei. Außerdem werde die ePA die Interaktion zwischen Pa­tienten und Ärzten verändern.

Nirgendwo gebe es zudem 100-prozentige Sicherheit, sondern nur eine möglichst höchs­te Sicherheitsstufe, die jeweils zu erreichen sei, betonte Grebe. Jedem, der etwa bei Vi­van­tes oder in der Charité in Behandlung war, müsse klar sein: „Theoretisch sind wir alle hackbar.“

KBr

Diskutieren Sie mit:

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung