Ärzteschaft

Elternbefragung: Kinder bewegen sich zu wenig, Eltern haben wenig Gesundheitskompetenz

  • Dienstag, 15. September 2026
/Smile Studio AP, stock.adobe.com
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Düsseldorf/Hamburg – Fast neun von zehn Kindern erreichen nicht die WHO-Bewegungsempfehlung von 60 Minuten pro Tag. Rund jedes fünfte Kind überschreitet die empfohlene Bildschirmzeit mit Sozialen Medien und bei jedem zehnten Kind gehören große Mengen von Zucker täglich zum Alltag, schon ab dem ersten Lebensjahr. Das sind einige zentrale Ergebnisse des AOK-Kindergesundheitsatlas 2026, der heute digital vorgestellt wurde.

5.000 Eltern im Rheinland und in Hamburg wurden dafür im Auftrag der AOK Rheinland/ Hamburg zur Gesundheitssituation ihrer Kinder befragt – zwei Jahre nach der ersten großen repräsentativen Erhebung 2024.

Viele Eltern schätzen nach der Befragung die Gesundheit ihrer Kinder als gut bis sehr gut ein. Allerdings haben auch 55 Prozent der Kinder und Jugendlichen nach Angaben ihrer Eltern mindestens eine diagnostizierte oder vermutete chronische Erkrankung; 24 Prozent weisen multiple psychosomatische Beschwerden auf.

Besonders stark belastet sind demnach Kinder und Jugendliche, bei denen die Eltern eine psychische Erkrankung, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Entwicklungsstörung, Verhaltenssucht oder Adipositas vermuten oder wo bereits eine solche Diagnose vorliegt.

Krankheitsvermutungen nehmen stärker zu als Diagnosen, vor allem bei ADHS

Für den AOK-Kindergesundheitsatlas wurden Eltern gefragt, ob bei ihrem Kind aktuell eine chronische körperliche oder psychische Erkrankung diagnostiziert wurden oder eine Vermutung besteht. Während 34 Prozent demnach angaben, dass mindestens eine chronische Erkrankung diagnostiziert wurde, vermuten 38 Prozent eine Erkrankung (31 Prozent in 2024). Krankheitsvermutungen haben der AOK zufolge seit 2024 stärker zugenommen haben als die tatsächlichen Diagnosen, vor allem bei ADHS, und zwar um sieben Prozent.

Warum Eltern bei einer Krankheitsvermutung nicht mit ihrem Kind zum Arzt gehen, liegt der AOK zufolge an Schwierigkeiten Termine zu bekommen, oder dass es schwierig sei, Arzttermine in den Familienalltag zu integrieren.

Bei einer vermuteten Adipositas ihrer Kinder, spiele zudem die Stigmatisierung der Erkrankung eine Rolle, keinen Arzt aufzusuchen, konstatierte Christine Joisten, Professorin am Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft der Deutschen Sporthochschule, Köln: „Eltern fühlen sich häufig schuldig und unterschätzen zugleich aber auch die Auswirkungen dieser chronischen Erkrankung.“ Nur ein Drittel der Eltern suchen der Gesundheitsstudie zufolge bei einer vermuteten Adipositas einen Arzt auf.

Knapp die Hälfte der Eltern hat keine ausreichende Gesundheitskompetenz

Etwas mehr als die Hälfte der Eltern (53 Prozent) verfügt der Befragung zufolge über eine ausreichende allgemeine Gesundheitskompetenz, das heißt sie können Gesundheitsinformationen sicher finden, beurteilen und im Alltag anwenden. Das größte Vertrauen bringen Eltern demnach Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzten sowie anderen Fachärztinnen und -ärzten (81 Prozent) entgegen, gefolgt von Informationen der Krankenkassen (57 Prozent).

Allerdings seien auch die Nutzungswerte von Künstlicher Intelligenz (KI) und Sozialen Medien gestiegen. 31 Prozent der Eltern nutzen demnach KI fast wöchentlich und etwa jeder Fünfte vertraut ihr (20 Prozent). Die Sozialen Medien nutzen 41 Prozent und jeder Achte bis Neunte (zwölf Prozent) schenkt ihnen Vertrauen.

Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Köln, Jörg Dötsch, appellierte an die Eltern, alle Antworten auf Gesundheitsfragen im Internet immer auf Seriosität prüfen. Die Quellen müssten vorhanden sein. Es sei wichtig, kritisch mit Informationen im Internet umzugehen.

86 Prozent der Kinder und Jugendlichen erreichen die Empfehlungen der WHO zur körperlichen Aktivität der Befragung nach nicht. Diese empfiehlt Kindern und Jugendlichen im Alter von drei bis 17 Jahren mindestens 60 Minuten pro Tag.

Soziale Medien verdrängen Bewegungstage

Ursächlich sind der AOK zufolge die intensive Nutzung Sozialer Medien und Video- und Computerspielen: je mehr Zeit Kinder und Jugendliche online verbringen, desto weniger bewegen sie sich und desto häufiger treten Belastungen auf.

Aus Elternsicht überschreitet ein Viertel (23 Prozent) der Sieben- bis Zehnjährigen die empfohlenen Bildschirmzeiten allein durch die Nutzung Sozialer Medien deutlich. Bei den Elf- bis 13-Jährigen sind es 18 Prozent und bei den 14- bis 17-Jährigen zwölf Prozent.

Mit der Nutzungsdauer Sozialer Medien steigt zusätzlich die Anzahl der multiplen psychosomatischen Beschwerden der Sieben- bis 17-Jährigen signifikant. Während 36 Prozent der Eltern bei einer täglichen Nutzung von mindestens drei Stunden multiple psychosomatische Beschwerden beobachten, sind es nur 18 Prozent der Eltern, deren Kinder keine Soziale Medien nutzen. Aktive Kinder haben der AOK zufolge häufiger einen sehr guten Gesundheitszustand und seien seltener psychosomatisch belastet.

„Wenngleich Ursache und Wirkung schwer auseinanderzuhalten sind, zeigen die Zahlen, dass die Nutzung von Bildschirmmedien immer im Zusammenhang mit Störungen von Wohlbefinden und reduzierten gesundheitsfördernden Aktivitäten gesehen werden muss“, sagte der Kinder und Jugendarzt Dötsch.

Auch das Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen im Rheinland und in Hamburg bildet der AOK-Kindergesundheitsatlas aus Elternsicht ab. Zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen konsumieren täglich mindestens zwei zuckerhaltige Lebensmittel oder Getränke und das bereits ab dem ersten Lebensjahr. Das Problem sei oft der versteckte Zuckergehalt in Lebensmitteln: Selbst gut informierte Familien mit ausreichender Gesundheitskompetenz unterschätzten diesen oft, insbesondere in Säften.

Mehr Kinder sind adipös als Diagnosen oder Vermutungen vorliegen

„Bei Adipositas zeigen sich die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Bewegung, Mediennutzung und psychischer Belastung besonders stark“, so Schiller. Elf Prozent der Kinder sind laut Body-Mass-Index (BMI) adipös.

Viele Eltern würden das aber nicht erkennen. „Bei der Betrachtung von Adipositas wurde nicht nur die Einschätzung der Eltern abgefragt, sondern zusätzlich wurden Gewicht, Größe und Alter der Kinder erfasst. Dabei zeigte sich, dass mehr Kinder laut BMI adipös sind als Diagnosen vorliegen oder vermutet werden“, sagte er.

„Der Zuckerkonsum ist mehr als bedenklich, aber wir dürfen Ernährung und Bewegung nicht gegeneinander aufrechnen. Denn auch ein aktives Kind kann einen dauerhaft hohen Zuckerkonsum nicht einfach ‚wegbewegen‘ – und eine ausgewogene Ernährung ersetzt wiederum keine Bewegung“, erklärte Sportmedizinerin Joisten.

Entscheidend seien früh erlernte Gewohnheiten und Lebenswelten. Dafür brauchten Familien verständliche Informationen, alltagstaugliche Unterstützung und verlässliche gesundheitsfördernde Strukturen in Kitas, Schulen, Vereinen und Kommunen. Auch Ärzte sollten bei den Früherkennungsuntersuchungen Gesundheitskompetenz vermitteln, sagte die Ärztin. 

PB

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