Bündnis plädiert für 10.000 Schulgesundheitsfachkräfte

Berlin – Bund und Länder sollen dafür sorgen, dass in Deutschland 10.000 Stellen für Schulgesundheitsfachkräfte geschaffen werden. Dafür setzt sich der BKK-Dachverband gemeinsam mit der Bundesschülerinnen und -schülerkonferenz, dem Bundeselternrat und dem Deutschen Pflegerat ein.
In einem Memorandum plädieren sie dafür, Schulgesundheitsfachkräfte flächendeckend, verbindlich und dauerhaft an Schulen zu etablieren und somit gesundheitsförderliche Strukturen zu unterstützen.
„Schulgesundheitsfachkräfte bringen Gesundheitsförderung, Prävention und medizinisch-pflegerische Versorgung an den Lernort Schule“, sagte Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK-Dachverbands. „Sie können Kinder und Jugendliche, ihre Familien sowie Lehrkräfte im Alltag deutlich entlasten.“
Zur Finanzierung könne etwa die von der Finanzkommission Gesundheit vorgeschlagene Zuckersteuer genutzt werden, schlug Klemm vor. Auch der Pakt des Öffentlichen Gesundheitsdienstes würde Mittel für Kinder und Jugendliche vorsehen, die gut für den Aufbau der Stellen genutzt werden könnten.
Die Krankenkassen wollten sich bei den Schulgesundheitsfachkräften nicht gänzlich herausziehen und unterstützten auch weiterhin im Rahmen präventiver Maßnahmen, betonte Klemm. Allerdings müsse auch klar sein, dass dafür nicht die Präventionsgelder der Kassen genommen werden könnten. Dies würde nur weitere Töpfe gesundheitsfremder Leistungen generieren.
Mit einer bundesweit einheitlichen Regelung müssten die Länder und Kommunen vielmehr selbst für ihre Regionen zuständig sein und dürften sich nicht auf die Krankenkassen verlassen, so die BKK-Vorständin.
„Es geht auch nicht darum, Schulgesundheitsfachkräfte mit der Gießkanne einmal über das Land zu verteilen“, machte Klemm deutlich. Länder und Kommunen sollten sie dort einsetzen, wo sie dringend gebraucht würden – etwa in Brennpunktschulen oder wo eine gute Infrastruktur fehlt.
Möglicherweise könnten Schulgesundheitsfachkräfte auch von Schulen geteilt werden, wenn sie in der Nähe liegen. Wenn ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen sollten, sei ein flächendeckender Ausbau jedoch wünschenswert.
Gesundheitszustand hat sich verschlechtert
Die Gesundheit von Schülern hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. Eine Auswertung von BKK-Versichertendaten hat Klemm zufolge ergeben, dass in einer durchschnittlichen deutschen Klasse eines von 25 Kindern Asthma hat, eines behandlungsbedürftig adipös ist und sechs eine Störung mit psychischem Bezug haben.
Der Inklusionsbedarf wachse, viele bräuchten eine professionelle Ganztagsbetreuung, etwa dann, wenn regelmäßig Medikamente eingenommen werden müssten, sagte Klemm. Da pädagogische Fachkräfte meist sichergehen wollten, würden auch bei geringeren Beschwerden oder Verletzungen oft die Eltern informiert oder der Rettungsdienst gerufen.
Dies sei nicht immer nötig: Einer Studie zufolge könnte sogar ein Großteil der Kinder ohne einen Arztbesuch in den Unterricht zurückkehren. An dieser Stelle könnten Schulgesundheitsfachkräfte die Lehrkräfte und Eltern, aber auch das Gesundheitssystem und die Wirtschaft entlasten, unterstrich die BKK-Vorständin ihre Forderung.
Schulgesundheitsfachkräfte seien nicht nur erste Ansprechpartner vor Ort, sondern könnten Verletzungen und Erkrankungen gut einschätzen, versorgen und das Kind im Notfall weitervermitteln. Gleichzeitig seien sie auch präventiv tätig, könnten gesundheitliche Probleme frühzeitig erkennen und intervenieren, so Klemm.
Es gehe auch nicht darum, dass Fachkräfte die Aufgaben von Ärzten übernehmen sollten, doch mancher Arztbesuch oder Rettungseinsatz würde so möglicherweise überflüssig werden. „Es geht nicht um neue Schnittstellen, es geht um eine bessere Verzahnung“, betonte sie. „Auf diese Ressource darf man auf keinen Fall verzichten“, sagte Klemm. Dass dies gut funktioniere, habe sich bereits in anderen Ländern, wie beispielsweise in England und Frankreich, gezeigt.
Schüler, Eltern und Pflege sehen Handlungsbedarf
„Schulgesundheitsfachkräfte spielen eine Schlüsselrolle“, verdeutlichte auch Lilli Berthold, stellvertretende Generalsekretärin der Bundesschülerinnen und -schülerkonferenz. Sie könnten nicht nur die Lehrkräfte entlasten, die bei medizinischen Problemen an ihre Grenzen stießen, sondern auch wichtige Vertrauenspersonen bei ersten Anzeichen psychischer Probleme sein.
Die meisten Schülerinnen und Schüler würden sich auch aufgrund der schwierigen Versorgungslage nicht direkt an einen Psychologen wenden können. Ein niedrigschwelliges Angebot in der Schule könne ein guter Anlaufpunkt sein und die Folgen psychischer Erkrankungen begrenzen.
„Die Kompetenz der Pflege gehört in die Schule“, unterstrich Jana Luntz, Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerats. „Wenn wir uns heute nicht um unsere Kinder kümmern, wird unsere Zukunft nicht resilient sein.“ Gesundheitskompetenz zu vermitteln, Erste Hilfe zu leisten und chronisch kranke Kinder zu versorgen, seien wesentliche Aufgaben, um das Gesundheitssystem zu entlasten.
Daneben könne die Schulgesundheitspflege auch dazu beitragen, den Pflegeberuf wieder attraktiver zu machen. Der Pflegerat sei interessiert daran, neue Tätigkeitsfelder und Einsatzgebiete zu erschließen, so Luntz.
Schulgesundheitsfachkräfte hätten auch eine wichtige Brücken- und Vernetzungsfunktion zwischen Schulsozialarbeit und Schulpsychologie wie auch zwischen Lehrern und Eltern, betonte Norman Heise, Vorsitzender des Bundeselternrats.
Sie könnten einschätzen, ob ein Kind abgeholt und zum Arzt gebracht werden müsse oder ob es in den Unterricht zurückkehren könne und den Eltern zusätzlicher Aufwand während der Arbeitszeit erspart bleibe. Mit einer professionellen Versorgung chronisch kranker Kinder im Schulalltag hätten die Eltern zudem eine gewisse Sicherheit, so Heise.
Zur Vorstellung des Memorandums wurde der heutige Weltkindertag gewählt. BKK-Vorständin Klemm zufolge ist es neben den großen derzeitigen Bewegungen im Gesundheitsbereich von großer Bedeutung, die Kinder und Jugendlichen nicht aus den Augen zu verlieren und auch den dortigen Handlungsbedarf zu fokussieren.
Zum Weltkindertag gibt es jedes Jahr zahlreiche weitere Forderungen zur Verbesserung der Situation von Kindern und Jugendlichen. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) wies heute auf die bereits seit längerem bestehende Kooperationsvereinbarung hin, die für klar geregelte Abläufe bei Kindeswohlgefährdung zwischen den niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten sowie den Jugendämtern in Bayern sorgt.
„Unser gemeinsames Ziel ist es, in Verdachtsfällen schnell und effizient zu reagieren, um Kinder wirksam schützen zu können“, erklärte der KVB-Vorstand. Besteht der Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung, sollen die behandelnden Fachkräfte zunächst das Gespräch mit den Betroffenen suchen und Unterstützungsangebote aufzeigen – immer mit Blick darauf, den Schutz des Kindes nicht zu gefährden. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, wird das zuständige Jugendamt umgehend eingeschaltet.
Damit im Ernstfall alles reibungslos läuft, wurden zwischen den Beteiligten an der Vereinbarung ein einheitlicher Meldebogen und ein klar strukturiertes Vorgehen vereinbart. So können Hinweise schnell und gezielt weitergegeben und bearbeitet werden. Der zusätzliche Aufwand für Meldungen oder vom Jugendamt initiierte Fallbesprechungen ist für die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten abrechenbar, heißt es in einer Mitteilung der KVB.
Der Bundesverband für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie (bkj) warnt vor einem politischen Rückschritt in der Versorgung psychisch belasteter Kinder und Jugendlicher. Während die psychischen Belastungen junger Menschen seit Jahren stiegen, würden gleichzeitig die Hilfesysteme geschwächt, Leistungen gekürzt und die ambulante psychotherapeutische Versorgung zunehmend unter Druck gesetzt, heißt es in einer Mitteilung des Verbands.
Kritisiert werden die Kürzungen in der Kinder- und Jugendhilfe sowie die Honorarkürzungen in der Psychotherapie.„Kinderrechte dürfen nicht dort aufhören, wo Versorgung Geld kostet. Wer am Kindertag von Schutz, Teilhabe und Zukunftschancen spricht, darf nicht gleichzeitig die Versorgung psychisch erkrankter Kinder und Jugendlicher kaputtsparen“, sagte Stephan Osten, stellvertretender Vorsitzender des bkj.
Gebraucht wird dem Verband zufolge eine grundlegende Reform der Bedarfsplanung. „Es ist ein fatales Signal, wenn ausgerechnet in einer Zeit wachsender psychischer Belastungen die ambulante Versorgung destabilisiert wird. Psychotherapie ist keine Luxusleistung. Sie schützt Entwicklung, Bildungschancen und gesellschaftliche Teilhabe“, so Osten.
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