Endokrinologen warnen vor Jod-Selbstmedikation bei Reaktorkatastrophe

Düsseldorf – Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) hat die Bevölkerung davor gewarnt, bei Reaktorunfällen Jodtabletten als Eigenmedikation einzunehmen. Hintergrund der Empfehlung ist eine Debatte in Nordrhein-Westfalen (NRW) um Jodpräparate, nachdem bekannt geworden ist, dass die Landesregierung diese für den Fall von Reaktorunfällen anschafft.
Brisanz erhält das Vorgehen der Landesregierung, weil die belgischen Atomkraftwerke (AKW) Tihange und Doel als störanfällig gelten. So war das AKW Tihange in den vergangenen Monaten mehrfach wegen baulicher Mängel in den Medien – unter anderem wegen angeblichen zentimeterdicken Rissen im sogenannten Druckbehälter des Werkes. „Die Landesregierung folgt mit der Vorratshaltung lediglich der Empfehlung der Strahlenschutzkommission des Bundes“, sagte dagegen eine Sprecherin des NRW-Innenministeriums gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.
Tatsächlich hatte diese nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima gefordert, alle Minderjährigen und Schwangeren bundesweit einen schnellen Zugang zu Kaliumjodidtabletten zu ermöglichen. Dies setzt NRW im Augenblick um: Den Empfehlungen der Kommission folgend unterscheidet das Land dabei eine sogenannte Außenzone 100 Kilometer um ein AKW herum. Hier sollen alle Menschen bis 45 Jahre die Präparate erhalten. In der sogenannten Fernzone jenseits von 100 Kilometern gilt die Versorgung nur für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre und für Schwangere. Laut Innenministerium werden die Präparate dezentral gelagert und sollen bei einem Atomunfall von den sogenannten unteren Katastrophenschutzbehörden auf Kreisebene verteilt werden.
Wenn bei einer Reaktorkatastrophe radioaktives Jod freigesetzt worden ist, bieten Jodtabletten einen gewissen Schutz. Denn hochdosiertes Jod in Form von Kaliumjodid-Tabletten blockiert die Schilddrüse und reduziert damit das Risiko für Schilddrüsenkrebs. Helmut Schatz von der DGE bekräftigt, dass die Einnahme von Kaliumjodid-Tabletten das vermehrte Auftreten von Schilddrüsenkrebs verhindern kann: „Nach dem Reaktorunglück im ukrainischen Tschernobyl vor 30 Jahren gaben die Behörden in Polen sofort Jodtabletten an Kinder aus. Im Unterschied zur Ukraine und zu Weißrussland stieg dort die Zahl der Schilddrüsenkarzinome bei Kindern und Jugendlichen nicht an“, sagte er. Dosierung und Zeitpunkt der Einnahme müssten aber exakt nach Vorgaben der Behörden erfolgen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt 130 Milligramm als Einmalgabe ein bis zwei Tage vor Eintreffen der radioaktiven Wolke. Drei Stunden später sind die Tabletten laut der DGE nur noch zu 50 Prozent wirksam, zehn Stunden später gar nicht mehr. Noch später könne die Einnahme sogar schaden, da dann das durch die Atmung schon aufgenommene radioaktive Jod langsamer ausgeschieden werde. Jodpräparate, die als Schilddrüsensupplemente für Schilddrüsenerkrankungen oder für Schwangere angeboten werden, sind laut der Fachgesellschaft für den Einsatz nach einem Störfall „völlig ungeeignet“, da sie um einige Zehnerpotenzen niedriger dosiert sind: Sie enthalten 100 bis 200 Mikrogramm.
Die DGE warnt, Jod in extrem hohen Dosen könne zu einer Hyperthyreose mit Herzrasen, Schweißausbrüchen, Gewichtsverlust und Bluthochdruck führen. Auch ein Morbus Basedow oder eine chronische Schilddrüsenentzündung könnten die Folge sein.
„Niemand sollte zum Schutz vor möglichen Reaktorunfällen eigenständig hochdosierte Jodpräparate einnehmen“, fasst der Mediensprecher der DGE, Matthias Weber von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die Empfehlung der Fachgesellschaft zusammen.
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