Politik

„Epidemisches Phänomen“: Kindesmissbrauch in Familien unterschätzt

  • Mittwoch, 14. Juni 2017

Berlin – In 70 Prozent der Fälle spielt sich sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugend­liche im familiären Umfeld ab. Viele Betroffene leiden vor allem unter dem Spannungs­verhältnis aus Zuneigung und Gewalt, das ihnen in ihren Familien widerfährt. Zu diesen Ergebnissen ist die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in ihrem ersten Zwischenbericht gekommen, den sie heute in Berlin vorgestellt hat.

Eineinhalb Jahre lang hat die Kommission ihre Arbeit dokumentiert und bereits mit rund 300 Erwachsenen über ihre Missbrauchserfahrungen in Kindheit und Jugend gesprochen. 700 weitere warten derzeit noch auf ihre Anhörung. Zusätzlich haben 170 schriftliche Berichte die Kommission erreicht.

„Es sind Lebensgeschichten, die aufwühlen“, sagte Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission. „Zu den Tätern gehörten Väter, Großväter, Stiefväter, ältere Geschwister und manchmal auch die Mütter“. Was Betroffene am meisten belaste, sei die Tatsache, dass ihnen oft weder geglaubt noch geholfen wurde. „Dass Angehörige Bescheid wissen, aber nicht eingreifen, erzeugt ein unheimlich großes Leid. Dazu blieben viele Täter Teil der Familie“, ergänzte Andresen. Viele Betroffene erlebten ohnmächtige Mütter – oder Mütter, die nicht einschritten, um ihren Partner nicht zu verlieren. Häufig habe darüber hinaus Hilfe von Schule oder Jugendämtern gefehlt, denn die Familie werde als Privatraum angesehen, erklärte die Vorsitzende der Kommission.

„Die Aufgabe der Kommission ist es nun, die einzelnen Geschichten und Erfahrungen zu einem Puzzle zusammenzusetzen und aufzudecken, wo Politik und Gesellschaft versagt haben“, erklärte Matthias Katsch, Mitglied des Betroffenenrats der Kommission, das weitere Vorgehen. „Sexueller Missbrauch ist kein exotisches Schmuddelthema, sondern eine Grundkonstante von Kindheit und Jugend in Deutschland“, sagte er.

Der Zwischenbericht gebe einen ersten Eindruck über das „epidemische Ausmaß des Phänomens“, erläuterte Katsch. Er schätzt, dass heute ein bis zwei Kinder einer Schul­klasse Opfer von sexuellen Übergriffen sind. „Die Gesellschaft ist bei diesem Thema blind. Und es gilt, dieses Schweigen dauerhaft zu durchbrechen.“

Die seelischen Folgen des Missbrauchs durchziehen nach dem neuen Bericht die Lebenswege – über fehlende Schulabschlüsse, abgebrochene Ausbildungen, neuen Missbrauch – bis hin zu Suizidversuchen. Ein Fünftel der bisher Gehörten sei durch gebrochene Erwerbsbiografien von Armut bedroht. Bisher reichen die finanziellen Mittel der Kommission – 2017 sind es rund zwei Millionen Euro – für 1.000 Anhörun­gen. Melden sich weitere Betroffene, kann ihnen nach dem heutigen Stand nicht zugehört werden.

Kommissionsmitglied Jens Brachmann fordert ein vom Bund finanziertes Forschungs­institut zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs. Die bisher durch die Kommission offengelegten Muster sollen bereits jetzt dazu beitragen, Prävention zu verbessern. „Die Betroffenen sprechen, damit sich etwas verändert“, erklärte Bundesfamilienminis­te­rin Katarina Barley. Sie werde sich dafür einsetzen, die Mittel für die erfolgreiche Arbeit der Kommission aufzustocken.

Von der Politik forderte die Kommission auch die Umsetzung der lang angekündigten Reform des Opferentschädigungsgesetzes. Bisher sind Erwachsene, die in ihrer Kind­heit und Jugend von sexueller Gewalt betroffen waren, auf ergänzende Hilfe wie Fonds angewiesen. Daraus werden zum Beispiel Therapien finanziert, die Krankenkassen nicht bezahlen. Beim Thema sexueller Gewalt in Familien weigern sich 13 der 16 Bundesländer, in den Fonds einzuzahlen. Bisher trägt deshalb der Bund die Haupt­finanzierung.

vp/dpa

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