Politik

Ethikrat berät zu Herausforderungen in häuslicher und stationärer Langzeitpflege

  • Freitag, 23. Januar 2026
/picture alliance, Sebastian Kahnert
/picture alliance, Sebastian Kahnert

Berlin – Um über ethische Herausforderungen in der häuslichen und stationären Langzeitpflege zu sprechen und unterschiedliche Sichtweisen kennenzulernen, hat sich in Berlin gestern der Deutsche Ethikrat zu einer Anhörung zusammengefunden. Befragt wurden Betroffene sowie Vertreter von Einrichtungen und Verbänden.

Ziel war es, die komplexen Problemlagen in der Langzeitpflege zu durchdringen und zu vertiefen. In einer Arbeitsgruppe will der Ethikrat auf dieser Basis erarbeiten, wie eine gute, an Würde, Selbstbestimmung und dem Wohlergehen orientierte Pflege gelingen kann und wie auch für Pflegende entsprechende Arbeitsbedingungen geschaffen werden können. Daraus soll eine Stellungnahme entstehen.

„Die Reform der Pflege drängt und betrifft alle in der Gesellschaft, nicht nur bei Fragen der Finanzierung. Jeder kann einmal pflegebedürftig, Pflegende oder Pflegender werden“, sagte Annette Riedel, Sprecherin für die Stellungnahme im Ethikrat. „Die zentrale Frage ist: Wie wollen wir in Zukunft die Langzeitpflege in einer humanen Gesellschaft organisieren – und welche ethischen Maßstäbe sollen dabei gelten?“

Die Herausforderungen in der Langzeitpflege sind komplex: Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland wird in den kommenden Jahren zunehmen, gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel und Familienstrukturen und Wertvorstellungen verändern sich. Auch die Kosten für Eigenanteile in der Pflege nehmen derzeit weiter zu, die Pflege wird komplexer und aufwendiger, die Zeit für das Pflegepersonal immer knapper.

In der Anhörung spielten daher neben den Herausforderungen in der Pflege und den Interessen von Pflegefachpersonen und Angehörigen auch ethische Herausforderungen bei Finanzierungsfragen, wirtschaftlichen und organisationalen Aspekten eine Rolle.

Pflege in der Politik kaum verankert

Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, ging in ihrem Beitrag unter anderem auf die eingeschränkte Autonomie der Pflegebedürftigen, die soziale Ungleichheit im Zugang zu Leistungen, fehlende pflegefachliche Entscheidungsspielräume und die ausgeprägte moralische Belastung (Moral Distress) von Pflegenden ein, der entsteht, wenn diese aufgrund von Zeit- und Ressourcenmangel nicht so arbeiten können, wie sie es moralisch gerne täten.

Ein zentrales Problem sieht Vogler in der Stellung der Pflege auf politischer Ebene. „Ein strukturelles Kernproblem ist, dass Pflege dort kaum verankert ist, wo die Regeln des Gesundheitssystems gesetzt werden“, so Vogler. Entscheidungen über Qualität, Finanzierungen, Schnittstellen und Versorgungspfade würden getroffen, ohne dass die pflegefachliche Erfahrung und das Wissen über Kontinuität, Beziehungspflege, Vulnerabilität, Risiko und Krisenmanagement systematisch und bewusst mit einfließen würden.

Weil Pflege als Profession nicht strukturell mitsteuere, würden Fehlanreize und Versorgungslücken weiter fortgeschrieben, betonte sie. Dies habe Folgen für die Würde, Autonomie und Sicherheit der Pflegebedürftigen und für den moralischen Distress der Pflegenden.

Vera Lux, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, betrachtete den Fachkräftemangel bei gleichzeitig wachsendem Pflegebedarf als großes Problem. Die Krankenhausreform werde zudem zu Leistungsverschiebungen aus der Akutversorgung in die ambulante Versorgung beitragen, was die Situation weiter verschärfen könne.

Der Beruf müsse deshalb dringend attraktiver gestaltet und die Arbeitsbedingungen verbessert werden, um dem entgegenzusteuern. Es brauche mehr Autonomie für Pflegende und es müsse an der gesellschaftlichen Anerkennung gearbeitet werden, so Lux. Zudem brauche es eine koordinierte Zuwanderung und eine verbesserte Integration von Pflegefachpersonen aus dem Ausland.

Über- und Unterversorgung müssen der Präsidentin zufolge genauso wie Rationierungen in der Pflege vermieden werden. Stattdessen sei eine gezielte Priorisierung wichtig.

Gleichbehandlung der Pflegebedürftigen wichtig

Manfred Schmidt, Vorsitzender im Heimbeirat des Altenzentrums Eben-Ezer, machte darauf aufmerksam, dass eine Gleichbehandlung der Pflegebedürftigen wichtig ist. Ein regelmäßiges Rotieren des Personals könne dazu beitragen, dass es eine gleichbleibende Versorgungsqualität für alle gebe und Aufgaben gerechter aufgeteilt würden.

Wichtig sei zudem, dass es von Seiten des Einrichtungsträgers keine Profitorientierung gebe, die zu Rationalisierung und einem erhöhten Stresspotenzial beitragen könne. Renditen sollten Schmidt zufolge keinesfalls über das Wohl der Menschen gestellt werden.

Bernd Trost, Hausleitung der Franziska Schervier Altenhilfe und Regionalleitung im Rhein-Main-Gebiet, beschrieb drei zentrale Herausforderungen in der stationären Langzeitpflege. Einerseits zählt er dazu den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel bei gleichzeitig steigendem Bedarf an Pflegeplätzen.

Trost machte zudem drauf aufmerksam, dass sich die individuellen Versorgungsbedarfe von Pflegebedürftigen veränderten und zunehmend Bewohner mit psychischen Erkrankungen und Suchterkrankungen in den Einrichtungen lebten. Auch der Anteil palliativer Versorgungen nehme zu.

Daneben veränderten sich die Lebensgewohnheiten und -entwürfe der Bewohner, die oft nicht mehr zu den alten tradierten und starren Organisationskonzepten der Einrichtungen passten, so Trost. In der stationären Langzeitpflege seien zudem die Ethikkompetenzen und Ethikstrukturen bislang gering ausgeprägt, die jedoch notwendig seien, um entsprechende Entwicklungen zu begleiten.

Brigitte Bührlen, Vorsitzende der Wir! Stiftung pflegender Angehöriger, ging unter anderem auf ökonomische Zwänge, den Personalmangel und fehlende Rechte in der Pflege ein. Sie beschrieb, wie die häusliche Pflege Angehörige aller Lebensphasen oft physisch, psychisch und finanziell überfordern könne und kritisierte fehlende Rahmenbedingungen. Um die Situation insbesondere für pflegende Angehörige zu verbessern, brauche es niedrigschwellige, generationenübergreifende und bedarfsorientierte Fallberatungen und -begleitungen vor Ort.

Georg Cremer, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg, betrachtet die von Sozialverbänden geforderte Pflegevollversicherung als unrealistische Perspektive. Sie würde die Finanzierungsprobleme der Sozialversicherung zusätzlich vergrößern. Mit einer Reform der Hilfe zur Pflege könnten Heimbewohner mit niedrigem Alterseinkommen und ohne Vermögen hingegen zielgenau unterstützt werden.

Die Erkenntnisse aus der Anhörung fließen in die weiteren Beratungen des Ethikrates ein.

nfs

Diskutieren Sie mit:

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung