Experten sehen großen Handlungsbedarf für Ernährungswende

Berlin – Wenn die Ernährung in Deutschland auf dem jetzigen Niveau stehenbleibt, stellt dies eine zunehmende Bedrohung für das Gesundheitssystem dar. Diese Meinung vertrat ein Expertenteam in einem Informationsgespräch der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW).
Beim Thema Prävention durch Ernährung bestehe großer Handlungsbedarf, der es notwendig mache, die Politik zu alarmieren und Maßnahmen zur Verhältnisprävention nun mit Nachdruck einzufordern, betonte Annette Grüters-Kieslich, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Gastärztin am Institut für Experimentelle Pädiatrische Endokrinologie der Charité Universitätsmedizin Berlin und Mitglied in der BBAW.
„Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, nicht in Gesundheit und frühe Prävention zu investieren“, unterstrich Georg Seifert, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin an der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Onkologie und Hämatologie an der Charité Universitätsmedizin Berlin.
Mit einer gesunden Ernährung könne neben regelmäßiger Bewegung ein wichtiger Beitrag zur Krankheitsprävention geleistet werden, sagte auch Ralph Bock, Molekularbiologe im Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie und Akademiemitglied. Deutschland stehe vor großen gesundheitspolitischen Herausforderungen, die es erforderten, dass sich die Bevölkerung mittelfristig gesünder ernähre.
In einem dreijährigen Projekt hat eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe der BBAW Handlungsfelder identifiziert, die in Deutschland „im Zentrum einer längst überfälligen Ernährungswende stehen sollten“, wie es in einer Mitteilung der BBAW heißt. Erarbeitet wurden wissenschaftlich fundierte Empfehlungen, wie eine Ernährungswende in Deutschland hin zu einer gesunden und nachhaltigen Ernährung vorangetrieben werden kann.
Es gebe in Deutschland kein Erkenntnisproblem, wie wichtig eine gesunde Ernährung für die gesundheitliche Prävention sei, so Grüters-Kieslich. Dies sei bekannt. Vielmehr bestehe noch ein Umsetzungsproblem.
Zuckersteuer schwer durchzusetzen
Andere Länder seien in der Ernährungswende schon sehr viel weiter, beispielsweise was die Zuckersteuer oder Werbeverbote für hochkalorische Lebensmittel angehe, erklärte Tilman Grune, wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke sowie Leiter der Abteilung Molekulare Toxikologie und Professor für Molekulare Toxikologie an der Universität Potsdam.
In Großbritannien zeigten diese Maßnahmen bereits Wirkung, etwa beim Körpergewicht von Jugendlichen zwischen zehn und fünfzehn Jahren, berichtete Grune. In Deutschland seien Dinge wie die Zuckersteuer allerdings schwierig durchzusetzen, vor allem wegen der Lobbyverbände der Industrie, kritisierte Seifert.
Es sei ein langer und langsamer Prozess, aber es passiere auch schon etwas, betonte Grune. Beispielsweise gebe es immer mehr vegane und vegetarische Ernährung – auch durch das veränderte Verhalten der Konsumenten. Dies könne langfristig auch den Druck auf die Industrie erhöhen.
Um das Wissen zur gesunden Ernährung in der Bevölkerung auszubauen, ist die Bildung Grüters-Kieslich zufolge ein wesentlicher Aspekt. Die Menschen müssten besser verstehen, welche Lebensmittel ungesund seien und dass auf Fast Food auch mal verzichtet werden sollte.
„Die Menschen brauchen ein Bewusstsein dafür, dass wir mit Ernährung zur positiven Entwicklung unserer Lebensbedingungen beitragen können“, unterstrich Seifert. Es sei wichtig, dass an dieser Stelle ein Umdenken stattfinde und beispielsweise dem selbst Gekochten und gemeinsamen Essen wieder mehr Bedeutung zukomme.
Gemeinschaftsverpflegung nutzen
Wichtig sei für die Ernährungswende auch, den großen Hebel der Gemeinschaftsverpflegung zu nutzen, betonte Seifert. Sie könne enorm zur Gesundheitsförderung beitragen.
Prägend für das Ernährungsverhalten seien vor allem die ersten 1.000 Lebenstage, weshalb Kitas und Schulen Räume seien, die dringend zur Gesundheitsförderung genutzt werden sollten, so Seifert. „Die Einrichtungen sind hier ganz entscheidend.“
Täglich würden immerhin 16 Millionen Menschen in einer Gemeinschaftseinrichtung mit Essen verpflegt werden, etwa in den Kindertagesstätten, Schulen, Krankenhäusern und betrieblichen Kantinen, so Grüters-Kieslich.
Auch der Bürgerrat der Bundesregierung habe ausdrücklich empfohlen, dass Ernährung in Gemeinschaftseinrichtungen eine wichtige Rolle eingeräumt werden müsse. „Es gibt einen Riesenbedarf, sich mit der Gemeinschaftsverpflegung auseinanderzusetzen“, so die Kinderärztin.
Insbesondere beim Klinikessen ist Grüters-Kieslich zufolge „noch viel Luft nach oben“. Das Krankenhaus sollte ein Ort der Genesung sein. „Es ist eigentlich verantwortungslos, wie Patienten dort verpflegt werden“, sagte sie.
Wichtig seien noch mehr Projekte in dem Bereich und generell Positivbeispiele, die auch den Einrichtungen und Unternehmen zeigten, was mit gesunder Ernährung erreicht werden könne, betonte Seifert.
Um die Ernährungswende in Deutschland voranzutreiben, müsse mit mehreren Ministerien zusammengearbeitet werden, so Grüters-Kieslich. Man dürfe sich dabei nicht nur auf das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) fokussieren, sondern müsse auch das Gesundheitsministerium (BMG) und das Familienministerium (BMFSFJ) mit einbeziehen.
Die Ernährungswende sei ein Zusammenspiel vieler politischer Träger und auch verschiedene Lobbygruppen könnten eingespannt werden, ergänzte Grune.
„Wir haben die Aufgabe, hier wirklich erst zu machen mit dem, was wir im Bereich Ernährung verändern wollen. Mit dem Ziel, Prävention ernst zu nehmen“, sagte Seifert.
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