Politik

Bündnis legt Forderungspapier zu Prävention vor

  • Montag, 9. Februar 2026
/elenabsl, stock.adobe.com
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Berlin – Die Forderungen nach einem Politikwechsel hin zu starker Prävention in Deutschland reißen nicht ab. „Prävention ist keine freiwillige Aufgabe – sie ist staatliche Pflicht“, heißt es einem Forderungspapier eines Bündnisses an die Bundesregierung, das heute vorgestellt worden ist.

Darin appellieren verschiedene Gesundheitsorganisationen, jetzt zu handeln. „Wir brauchen eine nationale Strategie für Prävention und Gesundheitsförderung, die diesen Namen verdient – getragen von politischem Willen, evidenzbasiertem Handeln und gesellschaftlichem Schulterschluss.“

Unter den Unterstützern sind die Bundesärztekammer (BÄK), die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK), der AOK-Bundesverband und die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Koordiniert wurde das Papier vom Verein Im Puls, Think Tank Herz-Kreislauf. „Die Evidenz ist eindeutig“, unterstrich dessen Vorstandsvorsitzender Udo Schauder heute.

Deutschland dürfe nicht länger Schlusslicht bei der Umsetzung international empfohlener Maßnahmen sein, heißt es in dem Papier mit Blick auf die wichtigen Faktoren Tabak, Alkohol, Bewegung, Ernährung und Luft. Länder mit mutiger Präventionspolitik zeigten eine höhere Lebenserwartung, mehr gesunde Lebensjahre und weniger soziale Ungleichheit in der Gesundheit.

Seit Monaten dringen verschiedene Akteure auf eine Abkehr vom Reparaturbetrieb, der erst dann behandelt, wenn Krankheiten bereits auftreten – hin zu einem System, das Menschen von Geburt an gesunde Lebensbedingungen ermöglicht. Erst vergangene Woche stellte der Wissenschaftsrat ein entsprechendes Positionspapier vor.

Die Bestandsaufnahmen ähneln sich dabei: Kritisiert werden die auch im europäischen und internationalen Vergleich sehr hohen Kosten des deutschen Gesundheitssystems. Gemessen daran fielen die Ergebnisse etwa bei der Lebenserwartung recht schlecht aus. Als bedenklich wird vor allem beschrieben, dass die nach 1975 Geborenen bereits mehr gesundheitliche Beeinträchtigungen aufweisen als die Generation davor.

Ein wichtiger Hebel, um dem entgegenzuwirken, gilt hingegen als bekannt: mehr staatliches Eingreifen über alle Politikfelder hinweg, damit der Alltag der Menschen gesundheitsförderlicher wird. Bisher hapert es daran aus Sicht der Gesundheitsorganisationen.

Ungesunde Faktoren angehen

Die Tabakkontrolle in Deutschland wird im Papier als unzureichend umgesetzt beschrieben: Nötig seien etwa höhere Preise, standardisierte Verpackungen mit Gesundheitswarnungen und ein umfassendes Werbeverbot.

Genauso negativ fällt das Urteil im Bereich Alkoholpolitik aus: Hier wird empfohlen, die Verbrauchsteuern zu erhöhen, die Werbung umfassend zu beschränken und die Verkaufszeiten zu beschneiden.

Beim Thema gesunde Ernährung brauche es beispielsweise eine umfassende Nährwertkennzeichnungspolitik, neu gefasste Richtlinien sowie mehr Kinderschutz in Hinblick auf Werbung. Zur Förderung von Bewegung wird empfohlen, bevölkerungsweite Kommunikationskampagnen durchzuführen, „verbunden mit gemeindebasierten Programmen und Umweltverbesserungen“.

Noch am positivsten fällt das Urteil beim Aspekt Luftqualität aus: Es lautet „Okay – aber noch lange nicht zum Durchatmen“. Hier gelte es zum Beispiel, Monitoringsysteme auf- und auszubauen und vulnerable Gruppen besonders zu schützen.

Zu ähnlichen Urteilen war Ende vergangenen Jahres ein neuer Public-Health-Index gekommen, der Deutschlands Handeln in diesem Feld als rückständig im Vergleich zu anderen Ländern einstufte. Mitautor Oliver Huizinga vom AOK-Bundesverband stellte die Ergebnisse heute nochmals vor und unterstrich, dass es hierzulande besonders viele ungenutzte Potenziale gebe, die sich schnell heben ließen. Im Grunde müsse man sich nur die Rezepte von den europäischen Nachbarn abschauen, so Huizinga.

Das deutsche Gesundheitssystem sei zwar sehr gut bei Zugänglichkeit und Leistung, sagte DGIM-Generalsekretär Georg Ertl. „Aber in der Prävention kommen wir einfach nicht voran. Wir sehen die Erkrankungen jeden Tag, die entstehen, wenn wir keine entsprechenden Maßnahmen ergreifen.“ Man wolle deshalb energisch für eine Änderung, zum Teil auch in der Gesetzgebung, eintreten.

Bezug auf die laufende politische Debatte über die Zahl der Krankheitstage nahm Niklas Oppenrieder, Arzt und Vorstand der Physicians Assocation for Nutrition (PAN): Es wäre ein „feiner Kniff“ der Politik, an Ursachen von Krankheitstagen anzusetzen, nämlich den Krankheiten, sagte er. Und betonte, dass auf dem Feld der Prävention ein „politischer Elfmeter“ verwandelt werden könne: Damit könnten der Gesellschaft in Zeiten der Multikrisen auch Handlungsfähigkeit und Aufbruch signalisiert werden.

Stiftung als möglicher Weg

Vergangene Woche hatte auch die ehemalige Leiterin der Abteilung für Öffentliche Gesundheit des Bundesgesundheitsministeriums (BMG), Ute Teichert, bei einer Veranstaltung in Berlin für eine kulturelle, strukturelle und ökonomische Aufwertung der Prävention in Deutschland plädiert. „Wenn Prävention ernst gemeint ist, führt auch kein Weg am öffentlichen Gesundheitsdienst vorbei“, betonte sie. Insgesamt gelte es, die Kräfte zu bündeln, um sich nicht in der Vielfalt der Projekte zu verlieren.

Als mögliche Blaupause für den Präventionsbereich führte Teichert die Bundesstiftung Frühe Hilfen an. Diese hat zum Ziel, das Netzwerk Frühe Hilfen und die psychosoziale Unterstützung von Familien mit Säuglingen und Kleinkindern zu fördern. „Wenn wir eine Präventionsstiftung hätten, dann könnte man zum Beispiel Kommunen und Gesundheitsämter bei der Implementierung bewährter Programme zur Schulgesundheit, zur Schulgesundheitsfachkräften, Herz-Kreislauf-Prävention oder Adipositas finanzieren“, sagte sie.

Ein Konzept zur Gründung einer „Bundesstiftung für Prävention und Gesundheit“ hatte Ende 2025 unter anderem der Leiter des Berliner Instituts für Gesundheitssystem-Entwicklung, Albrecht Kloepfer, vorgestellt.

ggr

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