Fachleute: Frauengesundheit auch in akuten Krisen unverhandelbar

Berlin – Frauen sind von bewaffneten Konflikten besonders stark betroffen. Das machten Expertinnen und Experten auf einer Fachtagung zu humanitärer Hilfe in Berlin deutlich. „Frauen hören auch in Notlagen nicht auf, schwanger zu werden“, sagte Moderatorin Catrin Schulte-Hillen vom Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) zu Beginn der Session „Not optional: Sexual and reproductive health care in emergencies“.
Auf dem Humanitarian Congress, der unter anderem von Ärzte ohne Grenzen (MSF) und dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) organisiert wurde, ging es darum, wie „Legitimität, Vertrauen und Rechenschaftspflicht in einer Zeit schrumpfender zivilgesellschaftlicher Freiräume und zunehmender Anti-Hilfs-Narrative wiederhergestellt werden können“.
Die Müttersterblichkeit auf der Welt insgesamt sei laut einem im vergangenen Jahr erschienenen Bericht zwischen 2000 und 2023 um rund 40 Prozent zurückgegangen, so Schulte-Hillen. Trotz dieses Erfolgs ist es demnach bei den derzeitigen Trends aber unwahrscheinlich, dass das UN-Ziel von weniger als 70 solcher Todesfälle pro 100.000 Lebendgeburten im Jahr 2030 erreicht werden kann.
Im Jahr 2023 lag der Wert bei 197. „Vier von fünf Ländern werden das UN-Ziel nicht erreichen“, sagte Schulte-Hillen. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Rate offiziell bei unter fünf pro 100.000 Lebendgeburten, wobei kritisiert wird, dass viele Fälle gar nicht als solche erfasst werden.
260.000 tote Frauen durch Schwangerschaft und Geburt
Im Jahr 2023 sind rund um den Globus demnach 260.000 Frauen wegen Komplikationen während der Schwangerschaft oder bei der Geburt gestorben. Ein im Februar veröffentlichter WHO-Bericht kam zu dem Schluss, dass sich im Jahr 2023 schätzungsweise 160.000 Todesfälle in Zusammenhang mit Schwangerschaft oder Geburt in Ländern ereignen, die von Konflikten oder Instabilität geprägt sind.
„Das Risiko, dass eine Frau, die in einem von Konflikten betroffenen Land lebt, an den Folgen einer Schwangerschaft stirbt, ist bei jeder Schwangerschaft etwa fünfmal höher als bei Frauen in stabilen Ländern“, heißt es in der Zusammenfassung des Berichts. Sechs von zehn Fällen an Müttersterblichkeit entfallen demnach auf fragile oder von Konflikten betroffene Regionen, obwohl auf diese Länder nur etwa jede zehnte der weltweiten Lebendgeburten entfällt.
Maura Daly, Expertin für Müttergesundheit bei Ärzte ohne Grenzen, erinnerte an den seit drei Jahren tobenden Konflikt im Sudan. 14 Millionen Menschen seien vertrieben worden. Ein Großteil der Menschen in Flüchtlingslagern seien Frauen und Mädchen. In Sudan sei die Müttersterblichkeit bereits vor dem Konflikt sehr hoch gewesen.
Müttersterblichkeit sei wie der „Kanarienvogel in der Kohlemiene“. Wenn diese hoch sei, sei das ein Anzeichen für starkes Leid auch in der Allgemeinbevölkerung.
Übersehene Krise im Sudan
Im Sudan, insbesondere in der Region Darfur, gebe es keinen Zugang zu grundlegender geburtshilflicher Notfallversorgung, so Daly. Verhütungsmittel seien nur eingeschränkt verfügbar, sichere Schwangerschaftsabbrüche so gut wie gar nicht möglich. 70 Prozent der Gesundheitseinrichtungen seien kaum in Betrieb. Kaiserschnitte würden nicht mehr durchgeführt, Bluttransfusionen seien kaum noch möglich, so Daly. „Dadurch steigt die Müttersterblichkeit“.
Zudem sei ein Viertel der schwangeren oder stillenden Frauen unterernährt. Das habe fast immer zur Folge, dass auch ihre Kinder unterernährt seien, so Daly. Diese Notlage bringe Frauen in prekäre Situationen, in dem sie zu Survival Sex – eine Art der Prostitution, bei der es ums eigene Überleben geht – gezwungen sind und anfälliger für sexuelle Gewalt werden.
Rückzug der USA
Moderatorin Schulte-Hillen betonte, dass neue Entwicklungshilferegeln der US-Regierung große Probleme bereiten würden. So dürfen Empfänger von US-Geldern unter anderem keine „Abtreibung als Methode der Familienplanung anbieten oder unterstützen“ sowie „Gender-Ideologie" oder „diskriminierende Gerechtigkeitsideologie" fördern.
Durch den Rückzug der USA dürften „Millionen von Frauen den Zugang zu Verhütung“ verlieren, sagte Annick Villarosa von der EU-Kommission. Die Müttersterblichkeit könnte nach jahrzehntelangem Rückgang wieder steigen. „Die EU allein kann diese Lücke natürlich nicht füllen.“ Villarosa betonte, dass das EU-Budget für entsprechende Projekte zunächst nicht steigen könne. Man werde aber weiterhin die starke Unterstützung im Kampf für sexuelle und reproduktive Gesundheit und gegen geschlechtsspezifische Gewalt aufrechterhalten.
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