Fernsehserien zeigen Reanimation oft falsch

Pittsburgh/Kiel – Fernsehserien vermitteln bei der Wiederbelebung nach einem plötzlichen Herzstillstand häufig ein verzerrtes Bild. Das geht aus einer Analyse hervor, die im Fachjournal Circulation: Population Health and Outcomes (2026; DOI: 10.1161/CIRCOUTCOMES.125.012657) veröffentlicht wurde.
Untersucht wurden Darstellungen der reinen Herzdruckmassage in US-amerikanischen Fernsehproduktionen seit 2008 – dem Jahr, in dem die American Heart Association (AHA) diese sogenannte „Hands-only-CPR“ für Laienhelfer empfohlen hatte.
Aus Sicht von Jan-Thorsten Gräsner, Direktor des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, sind medizinisch ungenaue Darstellungen in fiktionalen Formaten grundsätzlich „keine Überraschung“.
In Serien und Krimis stehe die Dramaturgie im Vordergrund, nicht die korrekte Abbildung medizinischer Abläufe. Wiederbelebung werde häufig als dramaturgisches Element genutzt, ohne Anspruch auf Realitätsnähe. „Von Serienmachern heißt es dazu: Wir haben keinen Bildungsauftrag für Reanimation“, sagte Gräsner dem Deutschen Ärzteblatt.
Häufige Fehler bei der Darstellung
Das US-Forschungsteam analysierte 169 Folgen geskripteter Fernsehserien, in denen eine kardiopulmonale Reanimation thematisiert wurde. In 93 Episoden wurde ein außerklinischer Herzstillstand dargestellt, in 85 davon kam es zu Wiederbelebungsmaßnahmen.
Weniger als ein Drittel der Szenen zeigte jedoch die in den USA empfohlene Vorgehensweise korrekt – also den Notruf und unmittelbar beginnende Thoraxkompressionen ohne vorherige Pulskontrolle oder Beatmung.
„In meiner ehrenamtlichen Arbeit, bei der ich Jugendliche in Pittsburgh in Wiederbelebung schule, gibt es viel Verwirrung“, sagte Beth L. Hoffman von der University of Pittsburgh School of Public Health. „Wir fragen die Schüler: ‚Was ist das Erste, was ihr tut?‘ und sie sagen: ‚Den Puls prüfen.‘ Aber das machen wir bei der Laienreanimation nicht mehr.“
Nach Angaben der Forschungsgruppe zeigten fast die Hälfte der untersuchten TV-Folgen Praktiken, die in den USA für die Laien-Reanimation als veraltet gelten, wie Mund-zu-Mund-Beatmung (48 %) oder eine Pulskontrolle (43 %).
Gräsner sieht die größten Probleme jedoch an anderer Stelle. „Die Reanimationen sind in der Regel viel zu kurz dargestellt“, erläuterte er. „Da wird fünfmal gedrückt und danach ist gut.“ Häufig werde suggeriert, dass Reanimation entweder sofort erfolgreich oder rasch aussichtslos sei. „Das sind die falschen Bilder, die vermittelt werden.“
In der Realität müsse oft über mehrere Minuten reanimiert werden, bis der Rettungsdienst eintreffe – die körperlichen Anstrengungen und die Dauer der realen Wiederbelebung spielten in fiktiven Formaten kaum eine Rolle. Dadurch entstünden unrealistische Erwartungen an Ablauf und Erfolgsaussichten.
Hinzu komme die falsche Technik. „Es wird falsch gedrückt: Drucktiefe, Druckfrequenz, Druckpunkt – das kann auf einem Schauspieler gar nicht korrekt dargestellt werden“, erklärte Gräsner. Dadurch entstehe ein insgesamt falscher Eindruck von Ablauf und Anforderungen einer Wiederbelebung.
Beatmung nicht grundsätzlich falsch
Die deutliche Kritik der Studienautorinnen und -autoren an Beatmungsszenen teilt Gräsner nicht. „Das würde ich definitiv nicht als Fehler sehen“, sagte er. „Wir lehren zwar, dass nur Drücken besser ist als gar nichts. Aber wer einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht hat oder medizinisch geschult ist, kann auch drücken und beatmen.“ Problematisch sei nicht die Beatmung selbst, sondern jede Verzögerung der Herzdruckmassage.
Auch die Kritik an der Pulskontrolle ordnete Gräsner ein: „Für das Feststellen des Kreislaufstillstands brauchen wir die Pulskontrolle nicht.“ Bewusstlosigkeit und fehlende normale Atmung reichten aus. Pulstasten könne bei Laien wertvolle Zeit kosten und sei deshalb aus der Laienausbildung entfernt worden.
Verzerrtes Bild von Betroffenen und Einsatzorten
Neben inhaltlichen Fehlern identifizierte das Studienteam deutliche Abweichungen von der epidemiologischen Realität. In den Serien waren 44 % der reanimierten Personen zwischen 21 und 40 Jahre alt, während das Durchschnittsalter von Betroffenen in der Realität bei rund 62 Jahren liegt. Zudem ereigneten sich in den TV-Darstellungen 80 % der Herzstillstände im öffentlichen Raum.
„Das kann die öffentliche Wahrnehmung verzerren“, wird Ore Fawole, Erstautorin der Studie, in einer Mitteilung zitiert. „Wenn Zuschauer denken, dass ein Herzstillstand nur in der Öffentlichkeit oder bei jungen Menschen passiert, halten sie eine Reanimationsschulung vielleicht nicht für relevant für ihr eigenes Leben. Aber die meisten Herzstillstände passieren zu Hause, und die Person, die man rettet, ist wahrscheinlich jemand, den man liebt.“
Älter, männlich, zu Hause
Daten aus dem Deutschen Reanimationsregister (2025; DOI: 10.19224/ai2025.V99) zeichnen ein ähnliches Bild. Die Reanimationsinzidenz betrug 2024 insgesamt 64,2 Reanimationen pro 100.000 Einwohner. Hochgerechnet wurden damit in Deutschland mindestens 54.000 Patientinnen und Patienten nach einem außerklinischen Herz-Kreislauf-Stillstand reanimiert.
Der durchschnittliche Patient war knapp 70 Jahre alt; sehr junge Betroffene unter 18 Jahren wurden selten reanimiert. Der Anteil der über 80-Jährigen lag bei 32,6 %. Knapp 65 % der Reanimierten waren männlich, gut 35 % weiblich.
Auch der Ort des Geschehens unterscheidet sich deutlich von vielen Fernsehbildern: 68,4 % der Reanimationen fanden in der Wohnung statt, 15,8 % in der Öffentlichkeit.
Gräsner merkt an, dass die Darstellung junger Betroffener im öffentlichen Raum nicht völlig unrealistisch sei, aber nur einen kleinen Teil abbilde. „Herzstillstände in der Öffentlichkeit betreffen tatsächlich eher Jüngere, das ist also Assoziation, die passt, aber sie passt nicht aufs Gesamtbild“, so der Mediziner.
Auffällig ist der Forschungsgruppe zufolge zudem, dass in den Serien überwiegend weiße Männer reanimiert wurden und das überwiegend durch weiße Männer. Damit spiegelten die Darstellungen reale Ungleichheiten wider: Frauen sowie Schwarze und latinoamerikanische Menschen erhalten laut den Forschenden in den USA seltener eine Laienreanimation. „Ob das die Realität reflektiert oder ob es die Realität prägt, wissen wir nicht, aber das wäre eine gute Frage für zukünftige Studien“, sagte Hoffman.
Für Deutschland weist Gräsner darauf hin, dass auch hier geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Laienreanimation bestehen. Die Ursachen seien vielfältig und reichten von Altersunterschieden bis zu praktischen Hemmungen im Notfall.
Laienreanimation in Deutschland auf hohem Niveau
Positiv bewerteten die Studienautorinnen, dass in den Serien häufiger reanimiert wurde als in der Realität: 58 % der dargestellten Herzstillstände wurden durch Laien behandelt.
In Deutschland liegt dieser Anteil inzwischen ebenfalls vergleichsweise hoch. „Wir haben aktuell 55 % Wiederbelebungsquote durch Ersthelfende“, beschreibt Gräsner. Vor 15 Jahren habe dieser Wert noch bei etwa 17 % gelegen. „Das ist ein riesiges Wachstum und eine sehr gute Entwicklung.“ In skandinavischen Ländern liege die Quote allerdings bei rund 80 %.
AED im Fernsehen praktisch unsichtbar
Ein Aspekt fehlt in Fernsehserien nach Gräsners Beobachtung vollständig: der Einsatz automatisierter externer Defibrillatoren (AED). „Eine entsprechende Szene habe ich im Fernsehen noch nie gesehen“, so der Mediziner. Dabei seien AED ausdrücklich für Laien gedacht und vielerorts verfügbar.
Die Wirkung der falschen Darstellungen im Fernsehen insgesamt beurteilt Gräsner differenziert: „Menschen ohne Ahnung von Reanimation bekommen dadurch ein falsches Bild.“ Menschen mit frischer Schulung sowie Profis könnten Fernsehszenen eher einordnen, viele andere jedoch nicht. „Ich glaube tatsächlich, das schadet eher“, so der Experte.
Kooperationen zwischen Fernsehproduktionen und Public-Health-Akteurinnen und -Akteuren, wie sie in der Studie angeregt werden, hält Gräsner für wenig realistisch: „Das ist ein frommer Wunsch.“ Seine Schlussfolgerung: „Entweder man zeigt es richtig – oder man lässt es weg.“
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