FSME: Deutschland hat nun 185 Risikogebiete

Berlin – Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat zwei neue FSME-Risikogebiete ausgewiesen. Wie aus dem Epidemiologischen Bulletin 9/2026 hervorgeht, gelten nun auch der Landkreis Nordsachsen sowie der Stadtkreis Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt als Risikogebiete für die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Damit sind bundesweit 185 Kreise als FSME-Risikogebiete definiert.
Nordsachsen grenzt an bereits bestehende Risikogebiete an. Mit Halle (Saale) kommt in Sachsen-Anhalt ein weiterer Stadtkreis hinzu. Ein FSME-Risiko besteht in Deutschland vor allem in Bayern, Baden-Württemberg, Südhessen, im südöstlichen Thüringen, in Sachsen, im südöstlichen Brandenburg und im östlichen Sachsen-Anhalt. Einzelne Risikogebiete finden sich zudem in Mittelhessen, im Saarland, in Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.
FSME auch außerhalb ausgewiesener Risikogebiete
Das RKI weist darauf hin, dass vereinzelt auch in Bundesländern ohne ausgewiesene Risikogebiete FSME-Erkrankungen beobachtet wurden. Während der Zeckensaison sollte daher bei entsprechender Symptomatik differenzialdiagnostisch überall in Deutschland an FSME gedacht werden.
Der typische Verlauf beginnt mit unspezifischen Beschwerden wie Fieber, Gliederschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, viele Betroffene zeigen in dieser Phase auch gar keine Symptome – zahlreiche Infektionen bleiben so unentdeckt.
Einige Infizierte entwickeln aber in der zweiten Phase der Erkrankung indes eine Entzündung der Hirnhäute, des Gehirns oder des Rückenmarks. Krankheitszeichen sind erneutes Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen und Ausfälle des Nervensystems.
Schwere Verläufe können unter anderem mit Lähmungen an Armen und Beinen sowie Schluck- und Sprechstörungen, Atemlähmungen und starker Schläfrigkeit einhergehen – das Risiko dafür ist mit zunehmendem Alter deutlich höher. Bei einem Teil der derart Betroffenen halten neuropsychologische Beeinträchtigungen bis zu einem Jahr an. Und etwa ein Prozent der Erkrankten stirbt.
Zecken sind ganzjährig aktiv
FSME-Fälle könnten 2025 einen neuen Höchststand erreicht haben. Darauf hatten kürzlich Expertinnen und Experten im Vorfeld des Süddeutschen Zeckenkongresses hingewiesen. So wurden laut Gerhard Dobler, Leiter des Nationalen Konsiliarlabors für FSME am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München, für das vergangene Jahr bislang 693 gesicherte Fälle registriert – die Zahl finden sich auch im nun veröffentlichten RKI-Bulletin, das von der dritthöchsten Erkrankungszahl seit Beginn der Datenerfassung im Jahr 2001 schreibt. Laut Dobler müssten aber noch 100 weitere Verdachtsfälle überprüft werden. 2024 waren es 695 Erkrankungen, 2020 wurde mit 704 Fällen der bisherige Rekordwert gemessen.
Als ein wesentlicher Treiber der Entwicklung gilt der Klimawandel. „Die wärmeren Temperaturen lassen Zecken in kühlere Regionen im Norden und im Gebirge vordrängen“, betonte die Parasitologin Ute Mackenstedt von der Universität Hohenheim. Zecken seien mittlerweile bundesweit ganzjährig aktiv. Ein harter Winter beeinflusse die Fallzahlen kaum, da der dreijährige Lebenszyklus des Gemeinen Holzbocks kalte Phasen einschließe.
Baden-Württemberg und Bayern vereinen weiterhin rund 80 Prozent der gemeldeten FSME-Fälle auf sich. Allerdings wird auch in anderen Bundesländern ein ansteigender Trend – wenn auch auf niedrigerem Niveau – beobachtet. So hätten beispielsweise Sachsen, Berlin, Thüringen und Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr die jeweils bislang höchsten Zahlen gemeldet. „Ganz Deutschland ist mittlerweile ein FSME-Risikogebiet – wenn auch mit deutlichen regionalen Unterschieden“, stellte Mackenstedt fest.
Dobler forderte vor diesem Hintergrund ein besseres Risikoinformationsmanagement, um die Impfquoten zu steigern. Insbesondere in nördlichen und nordöstlichen Bundesländern müsse bei neurologischen Symptomen auch an FSME gedacht werden.
Impfquoten insbesondere bei Älteren niedrig
Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die FSME-Impfung für Personen, die sich in Risikogebieten aufhalten und dort Zecken exponiert sind. Dennoch sind die Impfquoten nach RKI-Angaben weiterhin niedrig – insbesondere bei Menschen über 60 Jahren, bei denen das Risiko schwerer Krankheitsverläufe erhöht ist.
Im Epidemiologischen Bulletin heißt es dazu: „Die Impfquoten in Risikogebieten der Bundesländer, in denen die Mehrzahl der Risikogebiete liegt, betrugen im Jahr 2024 lediglich 22,6 Prozent (Bayern), 17,2 Prozent (Baden-Württemberg), 27,6 Prozent (Thüringen) und 18,0 Prozent (Hessen).“ Von den 2025 gesichert registrierten Fällen sei die überwiegende Mehrheit der Betroffenen (98 Prozent) nicht oder nur unzureichend geimpft gewesen.
Auch Personen aus Niedrigrisikogebieten sollten bei entsprechender Exposition – etwa durch regelmäßige Aufenthalte im Wald oder im eigenen Garten – laut Dobler mit Blick auf die Impfung eine individuelle Risikoabwägung vornehmen.
Borreliose bundesweit verbreitet
Neben FSME zählt die Borreliose zu den wichtigsten durch Zecken übertragenen Infektionskrankheiten in Deutschland. Sie tritt bundesweit auf. Eine Impfung steht bislang nicht zur Verfügung.
Die Lyme-Borreliose kann unterschiedliche Organsysteme betreffen. Bei Beteiligung des Nervensystems kommt es zur akuten Neuroborreliose, die typischerweise mit brennenden Nervenschmerzen einhergeht. Monate bis Jahre nach dem Zeckenstich kann sich eine Lyme-Arthritis entwickeln, die häufig die Kniegelenke betrifft.
Zum Schutz vor Zeckenstichen empfiehlt das RKI geschlossene Kleidung mit festen Schuhen, langen Hosen und langen Ärmeln bei Aufenthalten in hohem Gras, Gebüsch oder Unterholz. Werden Hosenbeine in die Socken gesteckt, lassen sich Zecken auf der Kleidung leichter entdecken.
Repellentien können zusätzlich schützen, ihr Effekt ist jedoch zeitlich begrenzt. Nach Aufenthalten im Freien sollte der Körper gründlich abgesucht und Zecken möglichst rasch mit einer Pinzette hautnah gefasst und gerade herausgezogen werden. Von Öl oder dem Ausquetschen der Zecke wird abgeraten.
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