Gesellschaft und Politik sollten Fokus auf psychisch kranke alte Menschen legen

Berlin – Psychisch kranke alte Menschen geraten oftmals aus dem Blick. Gesellschaft und Politik müssten sich mehr insbesondere um pflegebedürftige psychisch Kranke kümmern.
Das forderte Kirsten Kappert-Gonther (Grüne), Vorsitzende der Aktion Psychisch Kranke (APK), heute bei der Jahrestagung der überparteilichen und unabhängigen Vereinigung in Berlin zum Thema „Unsere Zukunft gestalten – Hilfen für psychisch erkrankte ältere Menschen.
„Für psychisch kranke alte Menschen sind vor allem regionale Zusammenhänge wichtig. Hier brauchen wir sozialgesetzbuchübergreifende Hilfen und mehr Fokus auf Prävention und Gesundheitsförderung“, sagte Kappert-Gonther, die auch amtierende Vorsitzende des Gesundheitsausschuss des Bundestags ist.
Da der Faktor Einsamkeit im Alter eine besondere Rolle spiele, seien zudem mehr Begegnungsorte und -räume in den Regionen notwendig. „Wir brauchen einen dritten Sozialraum“, sagte die Politikerin.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), der sich nach eigenen Angaben seinen dichten Terminplan für diese „wichtige Tagung“ freigeschaufelt hatte, wies auf die „doppelte Ausgrenzung“ psychisch erkrankter älterer Menschen hin: aus der Leistungsgesellschaft ausgetreten und psychisch krank.
Beides müsse entstigmatisiert werden, forderte der Minister. Sozioökonomischer Stress, Einsamkeit und der Verlust des Berufs haben ihm zufolge Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten des Menschen. Kognitive Einschränkungen verliefen oftmals parallel zur Entwicklung einer Demenz.
Auch Depressionen seien bei älteren Menschen oftmals eine Vorstufe von Demenz. „Das wird zu wenig gesehen und behandelt, ist aber ein sehr großes Problem“, erklärte der Arzt. In der Ausbildung von Ärzten und Psychotherapeuten spiele dieser Zusammenhang nur eine unterbelichtete Rolle. Das müsse geändert werden.
Politisch wies der Bundesgesundheitsminister darauf hin, dass Psychiatrische Krankenhäuser für die ambulante Versorgung geöffnet werden sollen. „Wir haben Reformen auf der Grundlage von laufenden Modellprojekten in psychiatrischen Kliniken vor. Diese Modellprojekte werden deshalb entfristet“, kündigte er an.
Auch wolle er Sonderbedarfszulassungen für die psychotherapeutische Versorgung psychisch kranker älterer Menschen auf den Weg bringen. Darüber hinaus müsse der Bedarf an gemeindepsychiatrischen Pflegekräften besser abgedeckt werden.
Ein Beispiel für ein Modellvorhaben in der Psychiatrie nach Paragraf 64 b Sozialgesetz V zur Flexibilisierung der Krankenhausbehandlung stellte Sylvia Claus, Ärztliche Direktorin des Pfalzklinikums für Psychiatrie und Neurologie in Klingenmünster, kurz vor.
Ihre Klinik habe vor fünf Jahre auf eine sektorenübergreifende „Zuhause Behandlung“ umgestellt und dabei inzwischen fast 100 Betten abgebaut. Rund 15.500 Patientinnen und Patienten pro Jahr würden in ihrer Lebenswelt behandelt.
„Besonders für gerontopsychiatrische Patienten ist die ‚Zuhause Behandlung‘ nach Flexible Assertive Community Treatment (FACT) geeignet“, erklärte Fabian Fußer von der Klinik für Gerontopsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Pfalzklinikum.
Sie schätzten ihre gewohnte Umgebung und seien zudem auch abhängiger von ihrem Umfeld. Auch erlaube die alltagsnahe Therapie mit freiwilligem Einbezug der Angehörigen zuhause eine validere Einschätzung der psychischen Erkrankung, erklärte der Facharzt.
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