Größte Rehaklinik für suchtkranke Kinder und Jugendliche vor Schließung

Berlin – Das Versorgungsangebot von Rehakliniken für suchterkrankte Kinder und Jugendliche dürfte sich zur Jahresmitte in Deutschland verschlechtern. Zum 30. Juni will der größte Versorger, die suchtmedizinische Rehaklinik für Kinder und Jugendliche Dietrich Bonhoeffer Klinik, den Betrieb einstellen. Kinder- und Jugendpsychiater sind besorgt.
Ende März hatte der Klinikträger, die Leinerstift-Gruppe, das Aus der Rehaklinik angekündigt und die Folgen in Zahlen verdeutlicht. Demnach gab es Anfang 2025 bundesweit 85 Betten in Rehakliniken für suchterkrankte Kinder und Jugendliche für alle Abhängigkeitserkrankungen – bei etwa 200.000 betroffenen Jugendlichen.
Ab Juli 2026 werden es 25 Betten sein. Zum Vergleich: In Deutschland existieren rund 13.200 Plätze in Rehabilitationseinrichtungen für Erwachsene mit substanzbezogenen Störungen.
Die Leinerstift-Gruppe schreibt zur angekündigten Schließung in einer Mitteilung, dass der Grund ein „strukturelles Systemversagen“ sei, das suchterkrankte Kinder und Jugendliche unversorgt lasse. Es gebe eine unzureichende Finanzierungsgrundlage für suchtmedizinische Kinder- und Jugendreha durch die Deutsche Rentenversicherung (DRV).
„Es ist paradox: Auf der einen Seite legalisieren wir den Konsum der Droge Cannabis, und gleichzeitig schaffen wir die rehabilitative Versorgung suchterkrankter Kinder und Jugendlicher de facto ab“, sagte Wolfgang Vorwerk, Vorstand des Klinikträgers der Leinerstift-Gruppe Ende März.
Man sei Ende 2024 bei der Übernahme der Dietrich Bonhoeffer Klinik mit der festen Überzeugung angetreten, dass man gute Lösungen für alle Beteiligten – und vor allem für die abhängigkeitserkrankten jungen Menschen und ihre Familien finden könne.
Man habe sich über ein Jahr „intensiv darum bemüht“, mit den verschiedenen Kostenträgern und der Politik tragbare Einigungen zu treffen. „Leider wurden wir eines Besseren belehrt und müssen konstatieren: Die Kostenträger ermöglichen keine finanzielle Lösung, bei der eine qualitative und für die Patientengruppe zielführende Fortführung des Klinikbetriebs möglich ist“, so Vorwerk.
Vergütung entspricht den Bedarfen
Zum ersten Januar dieses Jahres sei ein neues Vergütungssystem für medizinische Rehabilitationseinrichtungen eingeführt worden, teilte die Deutsche Rentenversicherung Bund mit. Die Vergütung setze sich aus einer Einrichtungsübergreifenden Komponente (EÜK) und einer Einrichtungsspezifischen Komponente (ESK) zusammen.
„Die Besonderheiten, die bei der Erbringung dieser Leistungen entstehen, können im Rahmen der sogenannten Einrichtungsspezifischen Komponente (ESK) berücksichtigt werden“, erklärte eine Sprecherin der Deutschen Rentenversicherung.
Der Betreiber der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik habe zwar die Anerkennung als Spezialeinrichtung beantragt, damit sie nicht unter die neue Vergütungsregelung falle. Diese Anerkennung sei von den zuständigen Gremien der Rentenversicherung allerdings nicht erteilt worden, da die Klinik kein Spezialkonzept habe, das im Vergleich zu anderen Einrichtungen einen wesentlichen Mehraufwand begründe.
Bei einer Wirtschaftlichkeitsbetrachtung stelle die Höhe der Vergütung nur einen Aspekt von mehreren dar. Weitere Aspekte seien etwa die personelle Ausstattung und damit die Personalkosten der Klinik oder die Auslastung vorhandener Kapazitäten (Bettenbelegungsquote), sagte die Sprecherin.
Das Aus der Klinik verschärfe eine ohnehin schon angespannte Versorgungssituation bis hin zur fast vollständigen Aufhebung der leitliniengerechten Versorgung suchterkrankter Kinder und Jugendlicher in Deutschland. Das sieht auch der Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland (bkjpp) so.
„Die Schließung der größten Suchtrehaklinik für Kinder und Jugendliche reißt eine riesige Lücke und weist außerdem auf fatale Missstände bei der Finanzierung spezialisierter Rehaangebote für Kinder und Jugendliche hin“, erklärte der bkjpp-Vorsitzende, Gundolf Berg. Die Lage für Kinder und Jugendliche mit Suchterkrankungen sei prekär, es fehlten Behandlungsangebote und fachspezifische Rehaangebote, kritisierte er.
Der bkjpp sieht dringenden Handlungsbedarf. Neben wohnortnahen, niedrigschwelligen ambulanten Angeboten brauche es dringend stationäre und Rehabilitationsplätze für Minderjährige, hieß es aus dem Verband.
Auch der NDR und die Bild hatten berichtet. Danach warnt die niedersächsische Landesstelle für Suchtfragen ebenfalls vor einer drohenden Versorgungslücke, die durch andere Einrichtungen nicht kompensiert werden könne.
Hendrik Streeck (CDU), Drogenbeauftragter der Bundesregierung, plädiert für den Erhalt der Klinik. Er kündigte an, zwischen Betreibern und Rentenversicherung zu vermitteln, um den Erhalt der Therapieplätze für Kinder und Jugendliche zu sichern.
Der Klinikträger hat auch noch nicht aufgegeben und eine Spendeninitiative gestartet. Bisher sind 15 Prozent der Mittel, die für einen Weiterbetrieb notwendig sind, zusammengekommen.
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