Infektionsdiagnostik in ärztlicher Hand belassen

Berlin – Die Berufsverbände der Labormediziner, Pathologen und Radiologen warnen davor, Infektionsdiagnostik als Handelsware zu betrachten. Bei einer virtuellen Pressekonferenz des Dachverbands Ärztlicher Diagnostikfächer heute forderten sie, „Test-Deals von Ländern und Kommunen mit nichtärztlichen Anbietern“ zu beenden.
„Die Infektionsdiagnostik ist eine ärztliche Aufgabe“, betonte Andreas Bobrowski, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Laborärzte. Die Selbstverwaltung müsse sich zur ärztlichen Diagnostik in der Pandemie bekennen.
Dass Deutschland vergleichsweise niedrige Infektionszahlen und Todesraten verzeichnet, hat Borowski zufolge viel mit der Sonderstellung der deutschen Labormedizin in Europa zu tun. Mit ihrem Know-how in der Testentwicklung hätten fachärztliche Diagnostiker bundesweit schnell PCR-gestützte SARS-CoV-2-Infektionstests etablieren und ihre Qualität sichern können.
„Ohne wirksame Therapie und mit einer Impfung in weiter Ferne bleibt nur die schnelle Diagnostik“, sagte der Labormediziner. Wie wichtig es sei, schnelle Ergebnisse zu haben, hätte die Politik von Anfang an erkennen müssen, ergänzte er.
Das Nadelöhr des Meldewesens sei am Anfang der Pandemie der öffentliche Gesundheitsdienst gewesen – „was man aus dieser Pandemie lernen sollte ist die Bedeutung des öffentlichen Gesundheitsdienstes“, so Borowski. Hier müsse nachgebessert werden.
Um eine zweite Infektionswelle zu vermeiden, sollen verstärkt Reihentestungen durchgeführt werden, zum Beispiel in Kindertagesstätten. Die Labormediziner kritisieren, dass Länder und Kommunen diese Tests mit Unterstützung durch den Bundesgesundheitsminister zunehmend an nichtärztliche, gewerbliche Akteure vergeben.
„Auch bei den Reihentests geht es um Menschenleben. Ärztliche Beratung und Qualitätssicherung sind hier unverzichtbar – und die schnellen, sicheren Meldewege, die die medizinischen Laboratorien garantieren“, appellierte Bobrowski an die Gesundheitsbehörden.
Krankenhauskapazitäten durch ambulante Diagnostik schonen
Für den Fall, dass dennoch eine zweite Pandemiewelle kommen sollte, plädierte Detlef Wujciak, Präsident des Berufsverbandes der Deutschen Radiologen, dafür, den Fokus auf die ambulante Diagnostik zu legen, um die Krankenhauskapazitäten zu schonen.
CT-Befunde erlauben zusammen mit dem Risikoprofil der Patienten und ihrer Symptome, zum Teil unabhängig vom COVID-19-Test gefährdete Patienten ambulant (oder stationär) zu differenzieren: „Nicht alle COVID-19-Infizierten bedürfen der primären Krankenhausbetreuung“, so der Radiologe.
Letztlich würde die ambulante Differenzierung von Patienten – in Quarantäne oder Krankenhaus – auch dazu führen, dass die Krankenhäuser weniger Kapazitäten vorhalten müssten. So ließe sich die Bugwelle an verschobenen und ausgefallenen stationären Behandlungen, die die deutschen Krankenhäuser derzeit vor sich herschieben, künftig möglicherweise vermeiden.
Eine weitere Disziplin, die im Laufe der Pandemie verstärkt in den Vordergrund gerückt ist, ist die Pathologie: Wurden Obduktionen von COVID-19-Verstorbenen – auch aufgrund einer Warnung des Robert-Koch-Instituts – anfangs nur zögerlich durchgeführt, liefern sie mittlerweile wichtige Erkenntnisse zum klinischen Verständnis der Erkrankung.
Dass COVID-19 mit Endothelialitis sowie einem erhöhten Risiko für Thrombose und Thrombembolie einhergehe, habe die Therapie unmittelbar beeinflusst, sagte Karl-Friedrich Bürrig, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Pathologen.
Um eine repräsentative Stichprobe zu erhalten und weitere wichtige Erkenntnisse zu gewinnen, sprach er sich dafür aus, die Obduktion von COVID-19-Verstorbenen unbedingt weiterzuführen.
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