Intensivmediziner bezeichnen Lage auf Stationen als „sehr angespannt“

Berlin – Steigende Coronazahlen und ein hoher Krankenstand belasten derzeit den Betrieb der Intensivstationen in den Krankenhäusern in Deutschland. Darauf haben Intensivmediziner hingewiesen.
„Vor allem die hohe Zahl erkrankter Mitarbeiter macht uns deshalb gerade im Gesundheitssystem zu schaffen – zudem einige auch endlich noch ihren verdienten Urlaub antreten, um mit neuer Kraft in die Wintermonate zu starten“, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Gernot Marx, den Zeitungen der Funke Mediengruppe.
Auf mehr als der Hälfte der Intensivstationen (55 Prozent) läuft der Betrieb demnach nicht mehr wie sonst üblich, die Einschränkungen sind unterschiedlich stark. „Das ist leider schon eine sehr hohe Zahl, die wir sonst nur in den kälteren Jahreszeiten und einer höheren COVID-Belastung gesehen haben“, sagte Marx.
Zwar sei die Versorgung der lebensbedrohlich erkrankten Patienten und Notfallpatienten überall gesichert. „Aber in den Krankenhäusern werden schon wieder zahlreiche Operationen verschoben und Personal muss umgesetzt werden.“
Intensivmedizinisch behandelt werden nach dem jüngsten DIVI-Tagesreport von gestern 1.101 Patienten mit COVID-19 – davon mussten 342 beatmet werden. Nach Angaben von Marx sind es derzeit etwa doppelt so viele wie zur gleichen Zeit im vergangenen Jahr und knapp viermal so viele wie 2020. Zugleich stünden vor allem wegen Personalmangels fast 2.000 Intensivbetten weniger zur Verfügung als im vergangenen Jahr.
Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sieht die hohen Coronainfektionszahlen auch als große Belastung für die Wirtschaft. „Coronabedingte Personalengpässe sind für viele Unternehmen eine Herausforderung – erst recht bei ohnehin schon bestehendem Fachkräftemangel“, sagte DIHK-Präsident Peter Adrian dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).
Mit Blick auf den Herbst sagte er: „Bei Isolations- und Quarantäneregeln müssen auch die Folgen für den Ausfall von Beschäftigten und damit die Arbeitsfähigkeit in der Wirtschaft immer mitbedacht werden.“ Für das Funktionieren des Alltags seien „nicht nur das Gesundheitswesen und die staatliche Infrastruktur, sondern weite Bereiche der Wirtschaft“ kritisch.
Nach Einschätzung von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) kommt auf den Arbeitsmarkt ein weiteres Problem zu: die bei manchen Coronainfektionen auftretenden Langzeitfolgen. „Das wird auch für den Arbeitsmarkt relevant sein, weil viele leider nicht mehr zu ihrer alten Leistungsfähigkeit zurückkehren werden“, sagte er im Interview mit Zeit Online. Die mit Long COVID verbundenen Probleme würden allgemein unterschätzt.
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