Jeder Sechste in Deutschland von Armut bedroht

Wiesbaden – Nach wie vor ist fast jeder Sechste in Deutschland von Armut bedroht. Rund 13 Millionen Menschen oder 16,1 Prozent der Gesamtbevölkerung fielen 2013 unter die Definition, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mitteilte. Die Quote blieb damit im Vergleich zum Vorjahr konstant. Sozialverbände und die Opposition im Bundestag forderten Gegenmaßnahmen. Insgesamt hatten Frauen 2013 ein höheres Armutsrisiko als Männer.
Die sogenannte Armutsgefährdungsquote wird EU-weit nach einheitlichen Kriterien berechnet und misst den Anteil der Bevölkerung, der wegen seines Einkommens mit dem Risiko leben muss, in Armut abzurutschen. Die offizielle Grenze liegt bei 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens der vergleichbaren Gesamtbevölkerung.
„Die Vermeidung und Bekämpfung von Armut in allen Altersgruppen muss weiterhin ganz nach oben auf die politische Tagesordnung“, erklärte die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Ulrike Mascher. Die „Armutstendenzen“ in Deutschland seien durch eine Vielzahl von Entwicklungen verstärkt worden, darunter Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne und Renten, ungewollte Teilzeitbeschäftigung von Frauen und „nicht bedarfsgerechte Grundsicherungsleistungen“.
Der Präsident des Sozialverbands SoVD, Adolf Bauer, forderte „ein abgestimmtes Vorgehen für mehr sozialen Ausgleich“, darunter vor allem eine „Verstärkung der sozialen Sicherungssysteme“ sowie „Weichenstellungen am Arbeitsmarkt“. Der AWO-Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler verlangte eine Neuberechnung der Hartz-IV-Sätze und bessere Hilfs- und Betreuungsmaßnahmen.
Linken-Chefin Katja Kipping nannte die Zahlen „erschreckend“. Sie forderte einen gesetzlichen Mindestlohn von zehn Euro, eine Mindestsicherung von 1.050 Euro und die Abschaffung von Sanktionen für Hartz-IV-Bezieher. Der sozialpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Wolfgang Strengmann-Kuhn, forderte „Sozialreformen, die ihren Namen verdienen“. Unter anderem müssten die Regelsätze „fair und angemessen“ berechnet werden.
Der Armutsgefährdungs-Schwellenwert für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren lag den Angaben zufolge 2013 bei Netto-Einkünften von 2.056 Euro im Monat. Für alleinlebende Erwachsene in Deutschland waren es 979 Euro.
Arbeitslose und Alleinerziehende besonders gefährdet
Besonders armutsgefährdet waren Arbeitlose über 18 Jahren (69,3 Prozent). Auch Alleinerziehende (35,2 Prozent) und Alleinlebende (31,9 Prozent) waren überdurchschnittlich gefährdet. Frauen wiesen in allen Altersgruppen ein höheres Risiko auf als Männer. Kinder zu haben, führt den Zahlen zufolge dagegen nicht grundsätzlich zu einem höheren Armutsrisiko. Die Gefährdungsquoten in Haushalten mit zwei Erwachsenen und einem oder zwei Kindern lagen mit 11,1 Prozent beziehungsweise 8,5 Prozent unter dem Gesamt-Schnitt.
Wie das Statistische Bundesamt ebenfalls bekanntgab, stieg die Zahl der Bezieher sogenannter Hilfe zum Lebensunterhalt im Vergleich zum Vorjahr um 8,1 Prozent auf rund 370.000. Etwa zwei Drittel (67 Prozent) davon lebten in Wohn- oder Pflegeheimen.
Die Hilfe zum Lebensunterhalt ist eine spezielle Sozialhilfe, die hauptsächlich an pflegebedürftige, behinderte oder dauerhaft kranke und erwerbsunfähige Menschen gezahlt wird, deren reguläre Einkünfte nicht zur Deckung der Lebenshaltungs- oder Betreuungskosten ausreichen und bei denen andere mögliche Hilfen wie die sogenannte Grundsicherung im Alter nicht greifen.
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