Ärzteschaft

Katastrophenfälle: Notfall- und Intensivmedizin muss krisenfest werden

  • Montag, 15. September 2025
Gernot Marx, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), Grietje Beck, Präsidentin des Berufsverbandes Deutscher Anästhesistinnen und Anästhesisten (BDA) und Jan-Thorsten Gräsner, Vertreter der Notfallmedizin im Berufsverband Anästhesistinnen und Anästhesisten (BDA). /Hannah Hübner
Gernot Marx, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), Grietje Beck, Präsidentin des Berufsverbandes Deutscher Anästhesistinnen und Anästhesisten (BDA) und Jan-Thorsten Gräsner, Vertreter der Notfallmedizin im Berufsverband Anästhesistinnen und Anästhesisten (BDA). /Hannah Hübner

Berlin – Das deutsche Gesundheitswesen ist bislang unzureichend auf Krisen- und Katastrophenfälle vorbereitet. Das will die Anästhesiologie nun ändern. Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und der Berufsverband Deutscher Anästhesistinnen und Anästhesisten (BDA) haben heute bei einer Veranstaltung in Berlin fünf Forderungen für eine krisenfeste Notfall- und Intensivmedizin an die Politik gerichtet.

„Die Erfahrungen der Pandemie haben eindrücklich gezeigt, dass unsere bisherigen Strukturen für die neuen Szenarien bis hin zu Kriegsfällen nicht ausreichen“, sagte Gernot Marx, Präsident der DGAI. „Wir brauchen jetzt belastbare Konzepte, die im Ernstfall sofort greifen können – und die müssen finanziert werden“.

Die Anästhesiologie nehme mit den Fachbereichen Anästhesie, Intensivmedizin und Notfallmedizin eine wesentliche Rolle in Krisen- und Katastrophenfällen ein, betonten die Experten. „Doch dieses Fundament steht schon heute unter hohem ökonomischem Druck“, sagte BDA-Präsidentin Grietje Beck. „In den Kliniken arbeiten wir mit höchster Professionalität, aber die Kapazitäten sind im Alltag nahezu vollständig ausgeschöpft“.

Es müsse jetzt damit begonnen werden, sich auf den Ernstfall vorzubereiten, betonte Marx. „Wir brauchen diese Strukturen jetzt – nicht erst, wenn die nächste Krise vor der Tür steht“. Um auf den Krisenfall vorbereitet zu sein, werde dringend eine digitale Echtzeiterfassung aller Krankenhauskapazitäten benötigt, damit eine bundesweite Steuerung von Intensiv- und Normalstationen möglich wird.

Dazu gehöre die Erfassung freier Normal- und Intensivbetten, aber auch von Beatmungsplätzen, Isolationskapazitäten und der Personalsituation vor Ort. Den Verbänden zufolge sollten die Zahlen über eine zentrale Plattform erfasst werden. Mit der Echtzeiterfassung sollten die Entscheidungsfindung und Lageanalysen erleichtert und die Patientensteuerung effektiver werden.

Des Weiteren sei ein technisch modernisiertes und digitales Kleeblattsystem notwendig, das eine koordinierte und überregionale Patientenverlegung möglich mache. Das Kleeblattsystem wurde erstmals während der Coronapandemie getestet und für die Versorgung ukrainischer Soldaten weiterentwickelt. Es dient bis heute einer koordinierten Patientenverlegung, auch zwischen den Bundesländern.

Um auf künftige Lagen, wie etwa Großschadensereignisse, hybride Bedrohungen oder Verteidigungsfälle, reagieren zu können und insbesondere intensivmedizinische Ressourcen effektiv nutzen zu können, muss das System den Gesellschaften zufolge technisch und organisatorisch weiterentwickelt und gesetzlich verankert werden.

DGAI und BDA drängen außerdem auf eine flächendeckende und verpflichtende Telemedizininfrastruktur. Damit könnten Verlegungen reduziert und Therapien optimiert werden, damit System und Ressourcen entlastet und effizienter genutzt werden können. Personelle Engpässe könnten überbrückt und Teams auch in der Fläche fachlich unterstützt werden.

Wichtig seien auch klare Einsatz- und Notfallpläne sowie ein Plan für verbindliche intensivmedizinische Reservekapazitäten, regelmäßige Übungen inklusive Simulationen und gesicherte Vorräte an lebensnotwendigen Materialien, Arzneimitteln und Verbrauchsgütern. Nur so könne die intensiv- und notfallmedizinische Versorgung in zukünftigen Krisenlagen gut aufrechterhalten werden.

Da sie sich als „am stärksten involviertes und im Ernstfall gefordertes Fachgebiet“ betrachten, wollen die Anästhesiologen verstärkt von der Politik gehört und „an allen neuen gesetzlichen Regelungen und Konzeptionierungen“ beteiligt werden.

„Es gibt kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem“, unterstrich Jan-Thorsten Gräsner, Direktor des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein in Kiel und Mitentwickler des Kleeblattsystems, die Forderung.

Die Umsetzung der geforderten Maßnahmen sollen DGAI und BDA zufolge im geplanten Gesundheitssicherstellungsgesetz und in den Landeskrankenhausplanungen verbindlich geregelt und eine Finanzierung sichergestellt werden. „DGAI und BDA verstehen diese Elemente als unverzichtbare Säule der nationalen Resilienz“, heißt es von den Verbänden.

Während die einen sich auf den Krisenfall vorbereiten wollen, lehnen andere dies ab. Die Gesundheitsorganisation IPPNW hat eine Kampagne gegen die Militarisierung des Gesundheitswesens gestartet.

nfs/hahü

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