Kein „weiter so“: Wissenschaftsrat präsentiert Zukunftsagenda bis 2040

Berlin – Deutschland soll ein weltweit sichtbarer und wettbewerbsfähiger Wissenschaftsstandort sein sowie ein Modell freier und starker Wissenschaft – geprägt durch Spitzenforschung, hochwertige Bildungsangebote und hohe gesellschaftliche Wirksamkeit.
So lautet die Zukunftsvision des Wissenschaftsrats für den Wissenschaftsstandort Deutschland, die das interdisziplinär besetzte Beratungsgremium von Bund und Ländern heute unter dem Titel „Wissenschaft in Deutschland – Perspektiven bis 2040“ vorstellte.
Ein „weiter so“ soll es nicht geben. Angesichts geopolitischer Unsicherheiten, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Herausforderungen, internationaler Konkurrenz sowie technologischer Umbrüche seien strategische Entscheidungen und konkrete Veränderungen notwendig, heißt es in dem Papier.
„Wir drohen in Zukunft den Anschluss zu verlieren, wenn wir nicht heute die Weichen richtig stellen“, betonte der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, der Heidelberger Neuroonkologe Wolfgang Wick. Wissenschafts- und Innovationspolitik müsse schneller und wirksamer auf neue Umstände reagieren können.
„Dafür müssen Prioritäten gesetzt werden, um auch mit begrenzten Ressourcen Veränderungen voranzutreiben“, mahnte der Ärztliche Direktor der Neurologischen Klinik am Universitätsklinikum Heidelberg sowie Abteilungsleiter für Neuroonkologie am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), der bei den Sitzungen des Wissenschaftsrats am vergangenen Wochenende in Berlin für eine vierte Amtszeit gewählt wurde.
Das mehr als 100 Seiten starke Papier des Wissenschaftsrats belässt es nicht bei Zielsetzungen, sondern schlägt eine Agenda mit zehn Handlungsfeldern vor, die ein leistungsfähiges Wissenschaftssystem sichern sollen. Zentral ist dabei die Forderung nach einer besseren und schnelleren Koordination über Ressortgrenzen hinweg sowie zwischen Bund und Ländern.
Entscheidungswege, Förderinstrumente und Verwaltungsprozesse müssten vereinfacht, Kontrollen und Hemmnisse abgebaut werden. Wissenschaftsfinanzierung als staatliche Kernaufgabe müsse verlässlich bleiben, um freie Wissenschaft dauerhaft zu ermöglichen.
Falko Mohrs, Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur, bezeichnete das Papier als notwendig und zeitlich richtig. Wissenschaft müsse in den kommenden Jahren mehr denn je als effektive und glaubwürdige Kraft bei der Bewältigung aktueller Herausforderungen wahrnehmbar sein.
„Wissenschaft wird ihre Freiheit behaupten müssen“, so Mohrs, der auch Vorsitzender der Verwaltungskommission des Wissenschaftsrats ist, die aus Vertreterinnen und Vertretern des Bundes und der Länder besteht. Ihr gehören auch die 16 Wissenschaftsministerinnen und -minister der Bundesländer an.
Neben Reformen fordert der Wissenschaftsrat auch größere Investitionen. Mittel für Bildung, Forschung und Innovation dürften nicht länger als konsumtive Ausgaben gelten, da sie die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft sicherten. Wissenschaftliche Stärke und Innovationsfähigkeit seien im internationalen Wettbewerb eine zentrale Machtressource.
Deshalb müssten deutlich höhere Anteile des Verteidigungshaushalts als bisher in Forschung und Entwicklung investiert werden, sagte Wick. Dabei sollten Synergien zwischen ziviler und militärischer Forschung genutzt werden – verbunden mit der Klärung von Sicherheitsfragen und einem gesellschaftlichen Diskurs über die Rolle der Wissenschaft, heißt es im Papier.
Krisen und knappe Ressourcen erforderten zugleich aber auch Konzentration, so der Ratsvorsitzende. Ressourcen müssten gezielt und nachhaltig eingesetzt werden – durch klare Prioritäten sowie eine bessere Vernetzung und Bündelung von Kräften.
Bund und Länder sollten mittelfristig Profil, Steuerung und Finanzierung der außeruniversitären Forschung neu ordnen. Dazu gehörten eine klarere Unterscheidung der Einrichtungen, die Zusammenarbeit mit Hochschulen sowie der Umgang mit Forschungsinfrastrukturen. Auch das Verhältnis von institutioneller und projektbezogener Förderung solle überprüft werden, um Nachhaltigkeit, Verlässlichkeit und Freiräume in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen.
Die Agenda des Papiers richtet sich auch an die Hochschulen als Schlüsselakteure gesellschaftlicher, politischer und technologischer Transformationen. Sie sollten politische Priorität genießen, seien aber auch strategisch gefordert.
Länder und Hochschulen sollten ihre Studienangebote länderübergreifend und wissenschaftsgeleitet prüfen. Wenig nachgefragte Studiengänge seien gegebenenfalls zu bündeln oder abgestimmt zurückzubauen, so Wick. Zugleich gelte es, Konzepte für den Umgang mit veränderten Studierendenzahlen, wachsender Heterogenität und neuen Lehrformen zu entwickeln und Maßnahmen zur Steigerung des Studienerfolgs auszubauen.
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