Forschungsgemeinschaft: Balance zwischen Sicherheit und Wissenschaftsfreiheit

Berlin – Mit einem unmissverständlichen Bekenntnis zu Freiheit, Offenheit und zur internationalen Vernetzung der Wissenschaft startet die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ins neue Jahr. 2026 will sie sich europäisch stärker vernetzen sowie Resilienz und Forschungssicherheit ausbauen.
Die Wissenschaft sei längst ins Spannungsfeld geopolitischer Strategien geraten, und zwar weit über klassisch sensible Bereiche wie Energie, Biotechnologie, Künstliche Intelligenz oder Quantenforschung hinaus, betonte DFG-Präsidentin Katja Becker gestern Abend auf dem Neujahrsempfang der DFG in Berlin.
Forschungssicherheit, Wertebindung und Resilienz seien dadurch zu „neuen Koordinaten verantwortungsbewusster internationaler Forschungszusammenarbeit“ geworden und zugleich wichtige Leitprinzipien zeitgemäßer Wissenschaftspolitik.
„Schon ein Blick in die jüngste Geschichte genügt, um zu erkennen, dass vermeintlich sicheres Recht sehr schnell verloren gehen kann“, sagte die Medizinerin und Biochemikerin. Wissenschaft, Politik und Gesellschaft müssten mehr denn je füreinander einstehen – auch für die Wissenschaftsfreiheit, betonte sie.
Mit ihrer Neujahrsrede zeichnete die DFG-Präsidentin ein Bild der strategischen Leitlinien für das Jahr 2026 – und darüber hinaus. Deutlich wurden dabei die Spannungen, von denen die nächste Zeit geprägt sein wird. Es gelte eine Balance zu finden zwischen Offenheit und Schutz sowie wissenschaftlicher Freiheit und wachsenden Sicherheitsdenken.
„Als DFG übernehmen wir Verantwortung für eine ausgewogene Balance zwischen Sicherheit und Freiheit – im Sinne der Wissenschaft und für die Errungenschaften unseres Wissenschaftssystems in Deutschland insgesamt“, erklärte Becker. Aktuell zeige sich dies etwa an dem Engagement des DFG-Senats für die Resilienz der Wissenschaft.
Bereits seit 2014 betreibe die DFG gemeinsam mit der Leopoldina den Gemeinsamen Ausschuss zum Umgang mit sicherheitsrelevanter Forschung. Aus diesem seien bisher an rund 120 Einrichtungen Kommissionen für Ethik in der Forschung hervorgegangen, die in sicherheitsrelevanten Fragen wertvolle Unterstützung bieten könnten.
In den vergangenen Jahren seien Empfehlungen, Leitlinien und Checklisten veröffentlicht worden, um internationale Kooperationen sicherer zu gestalten. „Denn grenzüberschreitende Forschungszusammenarbeit ist nicht nur für die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit Europas, sondern auch für die Resilienz und Preparedness unserer demokratischen Gesellschaften von entscheidender Bedeutung“, stellte Becker klar.
Besonders würdigte Becker die jüngste Einigung über die Eckpunkte zur Stärkung der Forschungssicherheit in Deutschland und den „starken Schulterschluss zwischen Wissenschaft, Politik und Sicherheitsbehörden“. Er sei entscheidend dafür, dass das Wissenschaftssystem auch unter schwierigen Rahmenbedingungen handlungs- und wettbewerbsfähig bleibe, sagte sie.
Zur Erinnerung: Kurz vor Weihnachten hatten sich das Bundesforschungsministerium (BMFTR), die Allianz der Wissenschaftsorganisationen und die Wissenschaftsministerien der Länder auf Eckpunkte zur Stärkung der Forschungssicherheit und zum Aufbau einer Nationalen Plattform für Forschungssicherheit verständigt.
Mit ihr soll eine Empfehlung des Wissenschaftsrates vom Sommer 2025 (das Deutsche Ärzteblatt berichtete) schnell umgesetzt werden. Ziel der nationalen Plattform ist es, sicherheitsrelevante, rechtliche, ethische und strategische Risiken frühzeitig zu erkennen, die Integrität der eigenen Einrichtung zu schützen und fundierte Entscheidungen über vertrauenswürdige, langfristig tragfähige Kooperationen zu treffen.
Gleichzeitig leiste die Einrichtung einer nationalen Plattform für Forschungssicherheit einen wesentlichen Beitrag zum Schutz der Wissenschaftsfreiheit, ergänzte die Präsidentin. Dabei machte sie deutlich: Einerseits brauche es mehr Sicherheit – in der Wissenschaft wie in der Gesellschaft insgesamt. Anderseits dürfe Sicherheit nicht eindimensional gedacht werden. Sie müsse immer gemeinsam mit der Freiheit der Wissenschaft verhandelt werden, die als historisch gewachsenes Grundrecht und als Fundament eines leistungsfähigen Wissenschaftssystems zu verstehen ist.
Diese Balance wird besonders relevant vor dem Hintergrund der aktuellen europäischen Entwicklungen. Die geplanten Veränderungen im EU-Forschungsrahmenprogramm „Horizon Europe“, das künftig Forschung mit Dual-Use-Potenzial auf ganzer Breite fördern soll, markieren aus Sicht der DFG einen Paradigmenwechsel. Die jahrzehntelange Tradition rein ziviler Forschungsrahmenprogramme endet. Die Präsidentin benannte gestern die damit verbundenen Risiken: höhere sicherheitsbedingte Hürden für Innovationen, mögliche Veränderungen der wissenschaftlichen Kultur und langfristige Auswirkungen auf das Selbstverständnis kommender Forschergenerationen in Europa.
Besonders will sich die DFG 2026 deshalb für Bewusstseinsbildung in der Wissenschaftsgemeinschaft und der Bevölkerung sowie den Diskurs engagieren. Es gehe nicht allein darum, wie Sicherheit effizient organisiert werden könne, sondern darum, welche Folgen diese Neujustierung für Wissenschaft, Gesellschaft und Demokratie habe, erklärte Becker. Die Freiheit der Wissenschaft als „Lebenselixier innovativer Spitzenforschung“ sei zu bewahren – gerade in Zeiten wachsender Unsicherheit, betonte die DFG-Präsidentin. Sie warnte davor, vermeintliche Sicherheit auf Kosten grundlegender Freiheiten zu erkaufen.
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