Krankenkasse: Mehr Arzneimittel mit Zusatznutzen bei weiterhin hohen Preisen

Berlin – 2015 sind im Vergleich zu den Vorjahren mehr Arzneimittel mit einem Zusatznutzen auf den deutschen Markt gelangt. Von 32 Wirkstoffen wiesen sieben Vorteile gegenüber bereits verfügbaren Behandlungsoptionen auf und zwar sowohl mit Blick auf den Zusatznutzen als auch auf die Wirtschaftlichkeit. Das geht aus dem Innovationsreport 2018 der Techniker Krankenkasse (TK) hervor, der heute in Berlin vorgestellt wurde.
Wissenschaftler um Gerd Glaeske von der Universität Bremen und Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), hatten die neuen Wirkstoffe aus dem Jahr 2015 einer Längsschnittbetrachtung unterzogen, um auch Erkenntnisse in die Bewertung einzubeziehen, die zum Zeitpunkt der Zulassung noch nicht vorlagen. Ihre Beurteilung fassten sie in einem Ampelschema zusammen. Neben den sieben grünen Ampeln vergaben die Wissenschaftler 15 gelbe und zehn rote Ampeln.
„Gute und wichtige Innovationen sehen wir vor allem im Bereich der Krebstherapie der akuten lymphatischen Leukämie und des multiplen Myeloms. Auch bei der Behandlung der Mukoviszidose, die zu den seltenen Erkrankungen zählt, gibt es bedeutende Fortschritte, die der Report entsprechend würdigt“, sagte der Vorstandsvorsitzende der TK, Jens Baas. Bedenklich sei jedoch, dass erneut einige negativ bewertete Wirkstoffe ihren Weg in medizinische Leitlinien gefunden hätten. Baas kritisierte zudem, dass sich bei der Kostenentwicklung keine Trendwende abzeichne. Die Arzneimittelausgaben seien im laufenden Jahr erneut um fünf bis sechs Prozent gestiegen. Dabei komme man bereits von einem sehr hohen Niveau. Ursache für diese weitere „Kostenexplosion“ seien vor allem die extrem teuren Kombinationstherapien gegen Krebs.
Forschung konzentriert sich auf lukrative Erkrankungen
Baas kritisierte auch, dass die Pharmaindustrie ihre Forschung vor allem auf lukrative Indikationen fokussiere, und nicht auf die Erkrankungen, bei denen dringend neue Therapiemöglichkeiten gebraucht würden. Zu diesen gehört dem Innovationsreport zufolge die Alzheimererkrankung, zu der es ein eigenes Sonderkapitel gibt. Angesichts eines wachsenden Marktes bezeichnete es Arzneimittelexperte Glaeske als überraschend, dass viele Pharmaunternehmen ihre Forschungsanstrengungen eingestellt hätten.
Die Unternehmen begründeten das mit den Rückschlägen der vergangenen Jahre. Trotzdem würden derzeit noch 20 verschiedene Wirkstoffe in Studien erprobt. Glaeske forderte, dieses Forschungsengagement zu erhalten. Denn die derzeit auf dem Markt befindlichen Antidementiva könnten den Verlauf der Erkrankung nur verzögern, nicht aber stoppen oder heilen.
Glaeske kritisierte in diesem Zusammenhang eine flächendeckende Fehlversorgung von Patienten mit Alzheimerdemenz. Eine Auswertung von Routinedaten der TK habe gezeigt, dass nur 14 Prozent dieser Patienten ausschließlich ein Antidementivum erhalten hätten. Neun Prozent würden mit einem Antidementivum und zusätzlich mit einem Beruhigungsmittel behandelt. 26 Prozent erhielten ausschließlich ein Antipsychotikum. „Dabei ist vor allem bei der Anwendung von Neuroleptika bei Menschen mit Demenz das erhöhte Risiko eines vorzeitigen Todes seit vielen Jahren bekannt“, sagte Glaeske. „Die Über- und Fehlversorgung mit Beruhigungsmitteln und Neuroleptika hat auch mit dem Pflegemangel zu tun“, so der Arzneimittelexperte. Denn die Medikamente stellten die Menschen ruhig und bedeuteten weniger Pflegeaufwand.
Preis orientiert sich nicht am Nutzen, sondern am Markt
Der AkdÄ-Vorsitzende Ludwig bezeichnete es als positiv, dass die Entwicklung neuer Onkologika die Therapieoptionen für krebskranke Patienten erweitert hätten. „Allerdings gibt es darunter viele Präparate, bei denen sich der Preis nicht am Nutzen orientiert, sondern an dem, was der Markt zu zahlen bereit ist“, sagte der Onkologe.
Dazu komme, dass immer mehr Medikamente in der Onkologie in einem beschleunigten Verfahren zugelassen würden. „Dabei werden aber nicht die Erkenntnisse generiert, die man für die Anwendung benötigt“, meinte Ludwig. Allein in den USA würden zurzeit etwa 800 klinische Studien unter Beteiligung von rund 100.000 Patienten zu neuartigen Immuntherapien durchgeführt, darunter bis zu 50 verschiedene Checkpointinhibitoren.
Aufgrund des Überangebots an klinischen Studien mit meist nur geringen Patientenzahlen sei es sehr schwierig, anhand traditioneller klinischer Studiendesigns die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu generieren, die für eine gute medizinische erforderlich seien. Dazu zählt Ludwig die Validierung von Biomarkern, mit denen vor Therapiebeginn Patienten identifiziert werden können, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Immuntherapie ansprechen.
Außerdem fehlten meist aussagekräftige Langzeitergebnisse zur Wirksamkeit und Sicherheit. Unbeantwortet bleibe auch die aus klinischer Sicht wichtige Frage, wie viele Arzneimittel in einer Wirkstoffgruppe als Therapiealternative für Patienten erforderlich seien. Zumal die Zahl der Kombinationstherapien in der Onkologie zunehme, ohne dass deren Wirksamkeit ausreichend belegt sei, bei denen jedoch schwere Nebenwirkungen auftreten könnten und die Jahrestherapiekosten in die Höhe schnellten.
„Wir brauchen leistungsorientierte Bezahlmodelle für Arzneimittel“
„Ich habe als Onkologe ein schlechtes Gewissen dabei, was wir in Deutschland für Krebstherapien ausgeben – sechs Milliarden Euro im Jahr – und dem, was wir damit erreichen“, sagte Ludwig. Nach Ansicht des AkdÄ-Vorsitzenden wird man sich angesichts der Kostenentwicklung künftig an leistungsorientierten Bezahlmodellen für Arzneimittel orientieren müssen, um das Gesundheitssystem nicht zu überfordern. Hier sei die Politik gefragt.
Ähnlich argumentierte TK-Chef Baas. Angesichts der neuen Entwicklungen gerade in der Onkologie gerate man mit den Preisverhandlungen auf Basis der frühen Nutzenbewertung an seine Grenzen. Vor allem über die kombinierten Onkologika, aber auch über völlig neue Ansätze wie die CAR-T-Gentherapien im Bereich der Leukämie könnten Kassen und Industrie im derzeitigen System nicht vernünftig verhandeln. „Daher ist es unerlässlich, in einem weiteren Pharmadialog auch über zukunftsweisende und nachhaltige Preismodelle zu sprechen“, meinte Baas.
Diskutieren Sie mit
Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.
Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.
Diskutieren Sie mit: