Krankenkassen: Kommt eine neue Fusionswelle?

Berlin – Eine Zahl erhitzt die Gemüter in der gesundheitspolitischen Debatte regelmäßig: Wie viele Krankenkassen werden benötigt, um die gesetzlichen Ansprüche an die Krankenversorgung zu gewährleisten und Versorgung mit zu gestalten?
Als der neue Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann noch CDU-Generalsekretär war, forderte er im April 2026 als Reaktion auf den aktuellen Spardruck im Gesundheitswesen, es sollten künftig noch „mindestens die Hälfte“ der Krankenkassen geben, und fügte hinzu: „Ich finde, zehn Krankenkassen in Deutschland reichen.“
Um Verwaltungskosten sowie Vorstandsgehälter einzusparen, aber auch um die Komplexität des Systems zu reduzieren, wird immer wieder gefordert, die Zahl der Krankenkassen zu reduzieren. Dabei ist die Zahl der Krankenkassen in Deutschland ist in den vergangenen 33 Jahren deutlich geschrumpft: waren es 1993 noch 1.200, sind es heute noch 93.
Organisiert sind sie in vier großen Interessensverbänden, deren Unterschiede kaum größer sein könnten. Während der Verband der Ersatzkassen unter anderem die drei größten Krankenkassen mit insgesamt 28,5 Millionen Versicherten vertritt und der AOK Bundesverband elf regionale AOKen mit insgesamt 27,5 Millionen Versicherten, sind im Verein der geschlossenen Betriebskrankenkassen (BKKen) 24 Kassen mit zusammen etwa einer Million Versicherten organisiert. Krankenkassen, die als „geschlossen“ bezeichnet werden, nehmen nur Mitglieder auf, die in den entsprechenden Betrieben arbeiten.
Gespräche zwischen mehreren Krankenkassen
Große Fusionen gab es immer wieder, besonders Anfang der 2000er-Jahre sowie im Jahr 2012. Und auch im Jahr 2026 deuten sich einige Zusammenschlüsse an – vor allem im Bereich der Innungskrankenkassen (IKK) sowie den Betriebskrankenkassen (BKK).
Denn in diesen Sommermonaten sind eine Vielzahl von Gesprächen und Fusionsplänen öffentlich geworden, die – sofern sie alle erfolgreich laufen – zum Beginn des Jahres 2027 die Zahl der Krankenkassen weiter schrumpfen lassen werden.
So wollen beispielsweise die IKK Berlin Brandenburg sowie die IKK gesund plus aus Magdeburg zum 1. Oktober fusionieren. Mit dem Zusammenschluss hätte die IKK gesund plus etwa 600.000 Mitglieder. Zumindest für die Versicherten in Berlin und Brandenburg wird damit der Zusatzbeitrag sinken. Die IKK Berlin Brandenburg erhebt derzeit einen kassenindividuellen Zusatzbeitrag von 4,35 Prozent zusätzlich zum allgemeinen Beitragssatz von 14,6 Prozent.
Bei der IKK gesund plus sind es 3,39 Prozent. Auf dem Niveau von 3,39 Prozent soll auch der künftige Beitrag für alle Versicherten beider Kassen gehalten werden, hieß es von den aktuellen Vorständen und Verwaltungsräten.
Einige Fusionen bei Betriebskrankenkassen
Auch unter den Betriebskrankenkassen blickt man derzeit auf einige Gespräche. Zählt der BKK-Dachverband derzeit noch 69 Betriebskrankenkassen, könnten es Ende des Jahres noch etwas mehr als 60 Krankenkassen sein. Besonders die BKK firmus mit Sitz in Osnabrück und derzeit etwa 1,2 Millionen Versicherten, will gleich mit mehreren Krankenkassen fusionieren.
So gibt es Gespräche mit der BKK Pfaff, die knapp 40.000 Mitglieder hat und nur für Versicherte in Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Thüringen geöffnet ist. Auch mit der BKK Rieker-Ricosta-Weisser gibt es Gespräche, heißt es in einer Mitteilung.
Diese Betriebskrankenkasse ist allerdings bislang nur für Beschäftigte der jeweiligen Unternehmen geöffnet und hat nach eigenen Angaben aus dem Rechnungsergebnis 2024 5.500 Mitglieder, davon 3.100 beitragszahlende Versicherte. Zudem: In einer Berechnung von 2024 hat die BKK firmus die niedrigsten Verwaltungskosten unter den Krankenkassen, die BKK Rieker-Ricosta-Weisser die höchsten.
Auch die mkk – meine Krankenkasse mit Sitz in Berlin (510.500 Mitglieder) will erneut fusionieren: Derzeit laufen Gespräche mit der BKK Pfalz (140.000 Mitglieder). Seit 2000 hat die Krankenkasse mit elf anderen BKKen fusioniert. Im Jahr 2024 wurde sie von BKK VBU zu mkk – meine Krankenkasse umbenannt.
Gespräche führen auch die vivida BKK (310.000 Mitglieder) und die BKK Scheufelen (66.500 Mitglieder) über eine künftige Zusammenarbeit ab dem 1. Januar 2027. Der Name „vivida BKK“ ist erst 2021 durch eine Fusion von der Schwenninger Krankenkasse mit der altas BKK ahlmann entstanden.
Insider bei Krankenkassen vermuten, dass es im Laufe des Jahres weitere Gespräche für Fusionen geben wird – benötigte IT-Infrastruktur, alternde Mitarbeiterschaft sowie der hohe Kostendruck in der Versorgung seien oft ausschlaggebend für die Suche nach Partnern für Zusammenschlüsse.
Bundesgesundheitsministerium will noch mal Zahlen überprüfen
Nicht nur durch die Äußerungen von Linnemann in seiner früheren Funktion als CDU-Generalsekretär, sondern auch in der politischen Debatte sowie in der Bevölkerung ist die Verringerung der Zahl der Krankenkassen immer wieder ein Thema.
Zwar beschäftigten sich die Fachleute im ersten Gutachten der GKV-Finanzkommission, auf deren Vorschläge das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz fußte, bereits mit möglichen Einsparungen durch die Reduktion der Kassenzahl.
Im April schrieben die Autorinnen und Autoren: „Empirisch zeigt sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Größe einer Krankenkasse und ihren Verwaltungsausgaben je Versicherten." Die Höhe der Verwaltungsausgaben läge nicht an der Größe der Krankenkasse.
Bei den größten 20 Krankenkassen sind bereits 84 Prozent aller GKV-Mitglieder versichert. Viele Krankenkassen – dazu zählen zum Beispiel alle AOKen – sind nur für Menschen geöffnet, die in der jeweiligen Region leben. Die fünf größten Krankenkassen haben in einzelnen Bundesländern Marktanteile von 68 bis 85 Prozent.
Die größte Krankenkasse ist die Techniker Krankenkasse (TK) mit 12,3 Millionen Versicherten, dahinter folgt die Barmer mit 8,2 Millionen und die DAK mit 5,4 Millionen Menschen. Alle drei Kassen gehören zu den Ersatzkassen. Die beiden größten AOKen sitzen in Baden-Württemberg und Bayern, beide haben etwa 4,6 Millionen Versicherte.
Negative Beispiele aus Österreich und der Schweiz
Als negatives Beispiel für Zwangsfusionen führen die Forscher der GKV-Finanzkommission Österreich an. Dort wurden im Jahr 2020 die neun Gebietskrankenkassen und die vier Betriebskrankenkassen zu einer Österreichischen Gesundheitskrankenkasse (ÖGK) fusioniert. Auf Betreiben der damaligen ÖVP/FPÖ-Regierung sollte zwischen 2020 und 2023 eine Milliarde Euro gespart werden, die in die Gesundheitsversorgung fließen sollten.
Allerdings hat sich dies offenbar nicht bewahrheitet. 2023 berichtete der Österreichische Bundesrechnungshof, dass der Umbau 215 Millionen Euro gekostet habe, schon damals fehlten 111 Millionen Euro. Im März 2026 berichten Österreichische Medien, dass aus den Rücklagen im Jahr 2020 in Höhe von 1,4 Milliarden Euro inzwischen ein Defizit von 550 Millionen Euro im Jahr 2024 geworden ist. Für 2028 wird ein noch höheres Defizit erwartet.
Ein weiteres negatives Beispiel beschreiben Forscherinnen und Forscher des ifo-Institutes in einer Veröffentlichung vom Juli diesen Jahres. In der Schweiz sank die Zahl er Krankenkasse zwischen 1995 und 2025 von 145 auf 37. Auch inflationsbereinigt hätten sich allerdings die Verwaltungskosten nicht verringert.
„Es besteht in der Schweiz kein klarer Zusammenhang zwischen Verwaltungskosten und Versichertenzahl: Unter den Versicherern mit den höchsten Verwaltungskosten befinden sich dabei sowohl mittlere als auch große Kassen“, schreibt das ifo-Insitut.
Auch für Deutschland sieht das Institut keinen „empirischen Beweis“, dass eine Reduktion der Kassenzahl Einsparungen bringen könnte. „Strukturreformen, die auf eine weitere Reduktion der Kassenzahl zielen, tragen daher das Risiko, den verbleibenden Wettbewerb zu mindern, ohne die erhofften Einsparungen zu realisieren“, so das Fazit.
Die Analyse zeigt auch auf, dass es bei den Verwaltungskosten im Jahr 2024 die größte Spannbreite von 83,93 Euro (BKK firmus) und 277,20 Euro (BKK Rieker-Ricosta-Weisser) an. Beide Krankenkassen wollen sich wie beschrieben zum 1. Januar 2027 zusammenschließen.
Weniger Komplexität? Krankenkassen halten dagegen
Befürworter einer geringeren Zahl an Krankenkassen sehen vor allem den Vorteil in einer geringeren Komplexität im System von 93 Krankenkassen. Vor diesem Argument warnt allerdings der BKK-Dachverband in seinem aktuellen, gesundheitspolitischen Magazin.
Würde man beispielsweise der Idee folgen, jede Krankenkasse müsste mindestens eine Millionen Versicherte haben, müssten 77 Krankenkassen geschlossen werden, hieß es. Darunter würden dann fast alle BKKen, fast alle IKKen sowie zwei AOKen fallen.
Andere Politiker aus der schwarz-roten Koalition hatten sich zuletzt für eine Mindestversicherten zahl von 200.000 bis 250.000 ausgesprochen. Dann müssten etwa 35 Krankenkassen geschlossen werden.
„Wäre dies in kürzester Zeit zu realisieren? Wohl kaum“, heißt es in einem Beitrag der Vorständin des BKK-Dachverbandes, Anne-Kathrin Klemm. Zudem: „Fusionen kosten Geld – in der freien Wirtschaft genau so wie bei Krankenkassen.“ Besonders die Umstellung sowie die Investition in IT-Systeme, aber auch Standortschließungen und arbeitsrechtliche Konsequenzen werden aufgezählt.
In der Debatte werde verschwiegen, dass „ein Verlust von Nähe und Service, ein Verlust von innovativer Versorgung und wohlmöglich auch steigender Beiträge, wenn das Fusionsexperiment schiefgeht“, schreibt Klemm weiter. „Alles beim Alten“ sei „auf keinen Fall“ das Motto. Man wolle viel mehr das Umfeld „aktiv gestalten und sich vorausschauend immer wieder sinnvoll und entsprechend der Bedürfnisse“ von Versicherten und Unternehmen orientieren.
Auch weitere Probleme bei der Übergangszeit wie die Bearbeitung von Anträgen, Investitionen in die IT-Struktur sowie die Übergangszeit in der Versorgung wird als Problem beschrieben. „Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass es schlecht funktionieren würde“, so Klemm.
Bei den derzeit angestrebten Fusionen im Krankenkassenbereich – vor allem in der Familie der BKKen sowie bei den beiden IKKen – muss das Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) zustimmen. Das BAS ist als Aufsichtsbehörde für alle Krankenkassen zuständig, die in mehr als vier Bundesländern Mitglieder aufnehmen. Für Regional begrenzte Krankenkassen sind die Landesozialbehörden oder Gesundheitsministerien als Aufsicht zuständig.
Der neue BAS-Präsident, Markus Algermissen, erklärt in einem Interview mit dem Magazin der Ersatzkassen zum Thema Kassenfusionen: „Eine Art Frühwarnsystem, mit dem wir proaktiv fortlaufend die Kassenlandschaft danach durchscannen, wo wir einen möglichen Fusionsfall sehen, gibt es nicht.“
Insolvenzen gab es unter den Krankenkassen zuletzt 2011, als die City BKK pleite ging. Inzwischen sind alle Krankenkassen verpflichtet, frühzeitig finanzielle Engpässe an die Landes- oder Bundesaufsicht zu melden. „Ich denke, wenn Fusionen selbst aus dem System herauswachsen, dann spricht viel dafür, dass dieser Weg richtig ist“, so Algermissen weiter.
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