Ärzteschaft

Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung im Klinikalltag weit verbreitet

  • Dienstag, 14. April 2026
Hans-Jörg Freese, Susanne Johna, Andreas Botzlar und Christian Twardy (v.l.n.r.) stellen eine Umfrage mit dem Titel „Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung am ärztlichen Arbeitsplatz“ vor. /picture alliance, dts Nachrichtenagentur GmbH
Hans-Jörg Freese, Susanne Johna, Andreas Botzlar und Christian Twardy (v.l.n.r.) stellen eine Umfrage mit dem Titel „Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung am ärztlichen Arbeitsplatz“ vor. /picture alliance, dts Nachrichtenagentur GmbH

Berlin – Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung durch ärztliche Beschäftigte sind vor allem im Klinikalltag ein verbreitetes Problem. Das zeigt eine bundesweite Umfrage des Marburger Bundes (MB) unter seinen Mitgliedern, die heute in Berlin vorgestellt wurde. Die Gewerkschaft sieht dringenden Handlungsbedarf.

Demnach hat rund die Hälfte der Befragten in den vergangenen zwölf Monaten am Arbeitsplatz Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte erlebt. Am häufigsten äußerte sich dies den Betroffenen zufolge in einem respektlosen und herablassenden Umgangston (83 Prozent), durch Infragestellen der eigenen Person und Kompetenz ohne sachliche Gründe (66 Prozent) und öffentliche Bloßstellung beziehungsweise Mobbing, zum Beispiel vor dem Team oder Patienten (53 Prozent).

Die Hälfte der Betroffenen (51 Prozent) gab an, dies mehrmals im Jahr zu erleben, 30 Prozent mehrmals im Monat, 14 Prozent wöchentlich. In den meisten Fällen geht der Machtmissbrauch von ärztlichen Vorgesetzten aus (87 Prozent), weniger von ärztlichen Kolleginnen oder Kollegen (13 Prozent). Am häufigsten werden die Handlungen nach Angabe der Betroffenen von Männern ausgeführt.

Betroffene reagieren auf erlebten Machtmissbrauch oft mit emotionaler Erschöpfung und anhaltender Anspannung (79 Prozent), verminderter Arbeitsmotivation (74 Prozent) oder mit dem Wunsch nach einem Wechsel der Abteilung oder Klinik (61 Prozent). 45 Prozent gaben sogar an, ganz aus der stationären Versorgung aussteigen zu wollen. „Das findet auch statt“, betonte Susanne Johna, erste Vorsitzende des MB, mit Blick auf die Freitextantworten. Man müsse sich Sorgen machen, wenn ein Viertel sage, dass es darüber nachdenke, den stationären Bericht zu verlassen. Dies sei auch in anderen Umfragen des MB inzwischen ersichtlich.

Die Antworten zu den Reaktionen auf erlebten Machtmissbrauch zeigen, dass sich die Betroffenen oft nicht wehren: Drei Viertel verzichten demnach auf eine Meldung der Vorkommnisse, weil sie etwa Zweifel an der Wirksamkeit der Konsequenzen haben, Sorge vor beruflichen Nachteilen oder weil keine vertraulichen Meldewege vorhanden sind. Ein Fünftel befürchtet, dass ihnen nicht geglaubt wird. 47 Prozent der Befragten fühlen sich unsicher, 18 Prozent sehr unsicher, die Vorfälle überhaupt anzusprechen.

Wenn Machtmissbrauch doch gemeldet wird, geht dies in den meisten Fällen an Vorgesetzte (68 Prozent) oder an den Betriebs- oder Personalrat (48 Prozent). Bei der Hälfte der gemeldeten Fälle werden keine Maßnahmen ergriffen, um das Problem zu klären, zumindest in jedem vierten Fall gibt es ein klärendes Gespräch. „Für uns ist das ein sehr gravierender Befund“, sagte Johna. „Wenn die wenigen, die sich trauen, das zu melden, feststellen, dass häufig gar nichts passiert, erhöht das natürlich nicht die Motivation, sich beim nächsten Mal zu melden.“

Rund die Hälfte der Befragten gab außerdem an, in den vergangenen zwölf Monaten Zeuge von Machtmissbrauch im Kollegenkreis geworden zu sein. In den meisten Fällen ging dies von ärztlichen Vorgesetzten aus. 43 Prozent haben sich für den oder die Betroffene eingesetzt, die meisten verhalten sich jedoch passiv, weil sie Nachteile befürchten (22 Prozent) oder sich neutral verhalten haben (26 Prozent).

Um Machtmissbrauch zu bekämpfen, wünschen sich die Betroffenen unter anderem anonyme Meldemöglichkeiten und transparente Reaktionswege, einen Abbau von Abhängigkeitsverhältnissen im Rahmen der Weiterbildung, Aufklärung über Arbeitsrechte sowie Unterstützung bei der Meldung von Vorkommnissen. Dies geht aus den Freitextantworten hervor, von denen dem MB zur Umfrage rund 500 Seiten vorliegen. „Das ist ein auch Zeichen, wie sehr den Kollegen das Thema auf der Seele liegt“, so Johna.

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

In einem zweiten Teil der Umfrage wurden die Teilnehmer nach ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung am ärztlichen Arbeitsplatz gefragt. Demnach gaben 13 Prozent der Befragten an, dies in den vergangenen zwölf Monaten persönlich erlebt zu haben, 87 Prozent nicht.

Man müsse diese Zahlen im Kontext betrachten, verdeutlichte Johna. Wenn eine durchschnittliche Weiterbildungszeit beispielsweise fünf bis sechs Jahre dauere und in den vergangenen 12 Monaten schon 13 Prozent sexuelle Belästigung erlebt hätten, sei anzunehmen, dass in der gesamten Weiterbildungszeit eine deutlich höhere Prozentzahl vorliege. „Auch wenn die Zahl auf den ersten Blick niedrig erscheint, ist sie auf den zweiten Blick doch sehr hoch und an der Stelle höher, als wir erwartet haben“, so Johna.

Bei den Erfahrungen handelte es sich meist um sexualbezogene Kommentare oder abwertende Sprüche (70 Prozent), um unerwünschte Erzählungen oder Gespräche mit sexuellem Inhalt (59 Prozent) oder unerwünschte körperliche Nähe oder scheinbar zufällige Berührungen (44 Prozent).

59 Prozent erlebten sexuelle Belästigung demnach mehrmals im Jahr, 18 Prozent einmalig, 17 Prozent mehrmals im Monat und sechs Prozent mehrmals in der Woche. Auch in diesem Bereich gingen die Handlungen hauptsächlich von ärztlichen Vorgesetzten aus (63 Prozent), aber auch von ärztlichen Kollegen oder Kolleginnen (29 Prozent). Zu 71 Prozent gingen die Handlungen „nur“ von Männern aus, zu 18 Prozent „vor allem“ von Männern.

Mehr als die Hälfte berichtete, dass die Belästigung in beruflicher Hinsicht keine Folgen gehabt habe, 14 Prozent gaben allerdings an, gekündigt oder sich professionell umorientiert zu haben, zwölf Prozent wechselten den Arbeitsplatz, acht Prozent die Abteilung, Klinik oder Einrichtung am selben Arbeitsort.

Vorfälle meist nicht gemeldet

Nur 16 Prozent der Betroffenen haben einen solchen Vorfall sexueller Belästigung gemeldet. Meist werden auch hierbei keine wirksamen Konsequenzen erwartet (72 Prozent). Weitere Gründe beziehen sich vor allem auf die hierarchischen Strukturen. „Viele dieser Opfer behalten das für sich und versuchen es, mit sich auszumachen“, sagte Johna. In den Freitextantworten habe man auch lesen können, dass viele denken, dass ihnen nicht geglaubt werde und sie keine Hilfe bekämen.

„Betriebsräte, Beschwerdestellen und Geschäftsführungen müssen bei Grenzüberschreitungen eng zusammenarbeiten und präventiv handeln“, betonte Andreas Botzlar, zweiter Vorsitzender des MB. „Es kann nicht sein, dass sexuelle Belästigung folgenlos bleibt oder sogar dazu führt, dass den Betroffenen die Kündigung nahegelegt wird.“

Von 14 Prozent der Befragten wurden in den vergangenen zwölf Monaten außerdem Vorfälle sexueller Belästigung beobachtet, fast die Hälfte gab an, den Betroffenen geholfen zu haben. Auch hier verhielten sich jedoch 27 Prozent neutral und 17 Prozent bewusst zurückhaltend, weil sie Nachteile befürchteten.

Betroffene sexueller Belästigung wünschten sich in den Freitextantworten vor allem schärfere und konsequentere Sanktionen durch neutrale Stellen.

„Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass Machtmissbrauch ein zentrales Strukturproblem im ärztlichen Arbeitsalltag ist und den Kontext bildet, in dem weitere Grenzverletzungen entstehen können“, sagte Johna. Wer in einer Führungsposition arbeite, müsse sich des Machtgefälles bewusst sein.

Die Krankenhäuser müssten sich den Strukturproblemen stellen und klare Leitbilder entwickeln. Diese müssten unmissverständlich klar machen, dass Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz nicht geduldet würden, betonte die erste Vorsitzende. Diese Leitbilder müssten gelebt werden und die Kollegen motivieren, sich zu melden, wenn etwas stattfinde.

„Wir brauchen Strukturen, die Vertrauen schaffen, niedrigschwellige Meldemöglichkeiten und verbindliche Verfahren“, so Johna. „Die Betroffenen brauchen verlässliche Anlaufstellen und Ansprechpersonen, denen sie vertrauen können.“ Der Schutz der Beschäftigten sei keine private Angelegenheit, sondern Pflicht der Arbeitgeber.

„Wir brauchen eine andere Führungskultur in den Krankenhäusern“, forderte auch Botzlar. „Führungskräfte müssen für ihre Verantwortung qualifiziert und stärker in die Pflicht genommen werden.“

Johna zufolge wird der Umgang mit Machtmissbrauch und sexueller Belästigung am ärztlichen Arbeitsplatz auch bei der Hauptversammlung des Marburger Bundes Mitte Mai ausführlich diskutiert werden. Vorgespräche mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem Verband leitender Krankenhausärztinnen und -ärzte (VLK) hätten schon stattgefunden, weitere Gespräche würden folgen. Ziel sei ein echter Kulturwechsel im Krankenhaus und dass ein solches Verhalten nicht mehr stattfinde. Der MB sieht insgesamt dringenden Handlungsbedarf bei dem Thema.

Auch der VLK äußerte sich zu den Ergebnissen. „Die in der Umfrage beschriebenen Grenzüberschreitungen bis hin zu Machtmissbrauch sind mit unserem Verständnis von Führung in keiner Weise vereinbar und nicht zu tolerieren“, betonte Michael A. Werber, Präsident des VLK. Aus Sicht des Verbandes liefern die Ergebnisse Hinweise auf strukturelle Defizite in der Führungskultur innerhalb einzelner Einrichtungen. „Hier besteht dringender Handlungsbedarf – sowohl auf individueller als auch auf institutioneller Ebene“, heißt es vom VLK.

Im Fokus der Gespräche mit dem MB sollen dem Verband zufolge die Weiterentwicklung und Stärkung von Führungsqualifizierungen, die verbindliche Verankerung von klaren Verhaltensstandards und Compliance-Strukturen sowie die Sensibilisierung für Machtasymmetrien im klinischen Alltag stehen.

Ein wichtiges Anliegen sei zudem der Ausbau niedrigschwelliger, unabhängiger und fachlich kompetenter Anlaufstellen für Betroffene innerhalb der Kliniken. „Nur wenn Betroffene Missstände ohne Angst vor Nachteilen adressieren können, lassen sich nachhaltige Veränderungen erreichen“, sagte Weber. Für ein funktionierendes Arbeitsumfeld und die Qualität der Patientenversorgung liege eine respektvolle, transparente und wertschätzende Führungskultur in der besonderen Verantwortung leitender Ärztinnen und Ärzte.

An der Onlinebefragung des MB, die zwischen Anfang Februar und Mitte März stattfand, hatten etwas mehr als 9.000 angestellte Ärztinnen und Ärzte teilgenommen. Mit 90 Prozent arbeiteten die meisten von ihnen in Krankenhäusern. Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) waren weiblich, mehr als die Hälfte (53 Prozent) 40 Jahre alt oder jünger. Die größte Gruppe machten Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung aus (39 Prozent), gefolgt von Fachärztinnen (28 Prozent) und Oberärztinnen und Oberärzten (24 Prozent).

nfs

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