Mehr als ein Drittel der Praxen zumindest teilweise barrierefrei

Berlin – 35.889 von 99.756 Praxen und ambulanten medizinischen Einrichtungen in Deutschland sind zumindest teilweise barrierefrei. Damit weisen 36 Prozent mindestens ein Merkmal von Barrierefreiheit auf. Im Bereich der psychologisch-psychotherapeutischen Praxen sind es 8.112 von 32.437 Praxen, dies entspricht 25 Prozent.
Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion der Grünen im Bundestag zum Thema „Gestaltung barrierefreier und inklusiver Gesundheitsversorgung“ hervor. Die Antworten liegen dem Deutschen Ärzteblatt exklusiv vorab vor.
Die Bundesregierung bezieht sich bei ihren Angaben zu der Barrierefreiheit der Praxen auf Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) von Ende Juni diesen Jahres.
Künftig wird die KBV die Angaben zu Sprechstundenzeiten und zur Barrierefreiheit der Vertragsarztpraxen mittels eines interaktiven Fragebogens online bei den Praxen erheben. Die Angaben werden künftig in die Bundesarztsuche eingebunden, so dass sich Patientinnen und Patienten besser informieren können.
Enttäuscht über die aktuellen Angaben äußerte sich Simone Fischer, Berichterstatterin und pflegepolitische Sprecherin der Grünen. „Die Antworten der Bundesregierung sind enttäuschend und bleiben weit hinter den Erwartungen zurück“, sagte sie.
Es sei davon auszugehen, dass viele Praxen sich für barrierefrei halten würden, weil sie einen Aufzug hätten. „In der Realität fehlen aber flexible Behandlungsstühle, barrierefreie Toiletten oder Orientierungshilfen für blinde Menschen. Wer auf einen Rollstuhl, Beatmung oder Assistenz angewiesen ist, findet oft über Jahre keine Praxis, die ihn behandeln kann“, so Fischer.
Sie betonte, viele Ärztinnen und Ärzte stießen an Grenzen, wenn die Behandlung von Menschen mit komplexen Behinderungen mehr Zeit und Ausstattung erfordere, weil diese nicht angemessen vergütet werde. „Das schränkt das Recht auf freie Arztwahl ein – Prävention und Behandlung bleiben so für viele unerreichbar“, so ihre Kritik.
Gefragt hatten die Grünen auch nach der Barrierefreiheit andere Akteure im Gesundheitswesen. Nach Auskunft des GKV-Spitzenverbandes haben demnach 17.660 von 44.785 zugelassenen Leistungserbringern in der Physiotherapie die Angabe gemacht, dass ihre Praxis barrierefrei oder rollstuhlgerecht ist. Dies entspricht einem Anteil von rund 39 Prozent der Praxen.
Eine Abfrage bei den Ländern zur Umsetzung der Barrierefreiheit in stationären Pflegeeinrichtungen hat laut der Antwort der Bundesregierung ergeben, dass hierzu fast keine Daten vorliegen.
Die damalige Ampelregierung hatte im Herbst des vergangenen Jahres einen „Aktionsplan für ein diverses, inklusives und barrierefreies Gesundheitswesen“ vorgelegt. Fischer sieht bisher keine Fortschritte bei der Umsetzung.
„Trotz der intensiven Beteiligung vieler Fachverbände und Sachverständiger fehlen verbindliche Aussagen zu Zeitplänen, Zielwerten und Finanzierung. Der Aktionsplan für ein diverses, inklusives und barrierefreies Gesundheitswesen droht zur bloßen Absichtserklärung zu werden“, kritisierte sie.
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