Mehrheit für Vergabe von Arztterminen nach Dringlichkeit

München – Rund 87 Prozent halten es für sinnvoll, Arzttermine stärker nach medizinischer Dringlichkeit zu vergeben. Das ergab eine YouGov-Umfrage im Auftrag der Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK). Hintergrund der Befragung sind gesetzliche Vorhaben zur Patientensteuerung und möglicher Online-Terminvergabesysteme.
So sieht der aktuelle Entwurf zum Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) eine digitale Bedarfseinschätzung vor. Ein elektronisches System soll den Versicherten demnach „sowohl telefonisch über den 116117-Terminservice als auch digital über die 116117-App, die 116117-Internetseiten sowie im Rahmen des digitalen Versorgungseinstiegs über die ePA-App der Krankenkassen bereitzustellen“.
Bei der Umsetzung eines zukünftigen Instruments sollen Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband gemeinsam die Anforderungen erarbeiten. Dieses soll nach GeDIG-Plänen dann – wie bereits die 116117 – durch die KBV betrieben werden.
Bereits heute arbeitet die 116117 dabei mit Dringlichkeitscodes. Des Weiteren ist für die Meldung freier Termine an die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), die verbindliche Umsetzung einer Schnittstelle in den Praxis- und Terminverwaltungssystemen vorgesehen.
Kritik an erweitertem Zugriff der Kassen
Für die konkrete Ausgestaltung eines solchen Systems sieht das Bundesgesundheitsministerium (BMG) Regelungen vor, die den Krankenkassen erweiterte Optionen für Anwendungen in der elektronischen Patientenakte (ePA) und die Verarbeitung der Versichertendaten ermöglichen. Unter anderem können Krankenkassen damit Inhalte der ePA zu Gesundheitsrisiken der Versicherten für Handlungsempfehlungen nutzen, ohne Einbezug der behandelnden Medizinerinnen und Mediziner.
Zahlreiche Ärztevertretungen sehen dadurch Gefahren für Patientendaten, die Therapiefreiheit und das Arzt-Patienten-Verhältnis. Zudem bewerten sie den direkten Zugriff der Kassen auf Praxisverwaltungssysteme und interne Abläufe als problematisch – und äußerten sich kritisch zum Gesetzesentwurf vom 15. Juli.
Damals betonte Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), in einer Mitteilung, dass die Patientenbehandlung in Deutschland „aus gutem Grund Ärztinnen und Ärzten zugeordnet“ sei, „die in ihren medizinischen Entscheidungen fachlich versiert und weisungsfrei nur dem Wohl ihrer Patientinnen und Patienten verpflichtet sind“.
Auch die Vorstände der KBV, Andreas Gassen, Stephan Hofmeister und Sibylle Steiner, lehnten den Abschnitt im Kabinettsbeschluss als direkte Reaktion auf den Entwurf als „gefährlichen Paradigmenwechsel“ ab und betonten in einer gemeinsamen Erklärung: „Patientendaten müssen vertraulich bleiben und gehören nicht in die Hände von Krankenkassen“.
Der Spitzenverband für Fachärztinnen und Fachärzte in Deutschland (Spifa) hatte die Regelungen bereits im Mai als „einen schwerwiegenden Eingriff in die Autonomie der Praxen und einen Angriff auf ärztliche Freiberuflichkeit“ bewertet.
Kassenzuspruch für zentrale Plattform
Der GKV-Spitzenverband begrüßte hingegen die GeDIG-Pläne um die Erweiterung der ePA. Vorstandsmitglied Martin Krasney stellte in einer Pressemitteilung vom 15. Juli heraus, dass diese „zur zentralen Plattform für eine vernetzte, patientenorientierte Versorgung weiterentwickelt werden“ müsse und lobte, dass das GeDIG hier in die „richtige Richtung“ gehe.
Ähnlich sieht es die SBK in einer heutigen Mitteilung zur Umfrage. Sie bewertet ein zentrales Terminportal als guten ersten Schritt, um den Zugang zur medizinischen Versorgung zu vereinfachen. Laut ihrer Umfrage zeigten sich Dreiviertel der Menschen offen für ein solches System, sofern gesetzlich Versicherte dadurch freie Termine schneller finden könnten und Wartezeiten verkürzt würden.
Einem Großteil der Versicherten (74 Prozent) sei bei einer zentralen Online-Plattform zudem wichtig, einen besseren Überblick über freie Termine zu bekommen. Dabei sollte das System ergänzend zur telefonischen beziehungsweise zum persönlichen Kontakt in der Arztpraxis genutzt werden, empfanden 86 Prozent. Für das Panel wurden Ende Juli rund 2.000 Personen befragt.
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