Mehrheit gegen Streichung der Vergütung für Terminvergabe

Berlin – Eine Mehrheit der Menschen in Deutschland findet es falsch, finanzielle Anreizsysteme für eine Terminvergabe abzuschaffen. Das zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) unter 5.000 Menschen ab 18 Jahren.
Demnach sprechen sich 57 Prozent für eine Beibehaltung finanzieller Anreizsysteme sowohl für Haus- als auch Fachärzte aus. Ablehnend äußerten sich 26,3 Prozent der Befragten, 16,7 Prozent waren unentschieden.
Gleichzeitig hatten 61,6 Prozent der Befragten sehr (38,3 Prozent) oder zumindest eher große Sorgen (23,3 Prozent), dass es bei einem Wegfall von Anreizsystemen schwerer wird, auch in dringenderen Fällen Facharzttermine zu bekommen.
Insbesondere bei Bewohnern in urbanen Räumen und bei Familien mit Kindern war der Grad der Zustimmung zur Beibehaltung finanzieller Anreizsysteme am größten. Gleichzeitig äußerten diese Gruppen auch die größten Sorgen im Falle eines Wegfalls.
Hintergrund der Umfrage sind Bestrebungen aus der Politik und das Drängen von Krankenkassen angesichts von Milliardendefiziten im Gesundheitswesen Vergütungsregelungen des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) abzuschaffen. KBV, Kassenärztliche Vereinigungen (KVen) und zahlreiche ärztliche Berufsverbände sind gegen die Pläne.
Die KBV sieht ihre Position durch die Umfrage bestätigt. „Die Bürgerinnen und Bürger schätzen die Situation vor Ort aus eigenem Erleben realistisch ein – auf jeden Fall deutlich realistischer als dies bei Funktionären von Krankenkassen und Vertretern von Teilen der Politik der Fall ist“, sagten die KBV-Vorstände Andreas Gassen, Stephan Hofmeister und Sibylle Steiner.
Tagtäglich leisten die Niedergelassenen gemeinsam mit den Praxisteams Enormes, um Patienten zu versorgen. In den Praxen fänden 97 Prozent der medizinischen Versorgung statt, das würde von Patienten wertgeschätzt.
„Politik sollte sich also genau überlegen, ob sie die wenigen Anreize für Praxen, noch mehr Termine zu schaffen, einfach ersatzlos streichen will. Das muss sie dann auch ihren Wählerinnen und Wählern gegenüber vertreten und rechtfertigen“, so Gassen, Hofmeister und Steiner.
Der Deutsche Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte (BVHNO) riet zu mehr Weitsicht. „Das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) hat zu schnelleren Facharztterminen geführt. Insbesondere die offene Sprechstunde und die Vermittlung über die Terminservicestellen sind ein Erfolgsmodell“, sagte BVHNO-Präsident Jan Löhler.
Sollten die TSVG-Fälle abgeschafft werden, müsse auch die Anzahl der Pflichtsprechstunden wieder von 25 auf 20 Stunden pro Woche reduziert werden. Das würde den Zugang zu fachärztlicher Versorgung für Patienten „spürbar erschweren“.
Die KV Schleswig-Holstein hatte sich erst kürzlich in einer Resolution gegen die Vorschläge für eine Abschaffung der extrabudgetären Zuschläge für die Vermittlung von dringenden Behandlungsfällen vom Hausarzt zum Facharzt über die Terminservicestellen ausgesprochen.
„Wer diese Anreize streicht, muss wissen: Damit verlängern sich die Wartezeiten – vor allem für jene Patientinnen und Patienten, die kurzfristig einen Termin benötigen“, so die Delegierten. „Eine solche Politik ist ein direkter Angriff auf die Versorgungssicherheit der Bevölkerung.“
Diskutieren Sie mit
Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.
Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.
Diskutieren Sie mit:
1