Vermischtes

Neue Biobank-Plattform soll medizinische Forschung spürbar erleichtern

  • Dienstag, 23. Juni 2026
/ultramansk, stock.adobe.com
/ultramansk, stock.adobe.com

Berlin – Eine gemeinsame Plattform von deutschlandweit 38 Biobanken soll der medizinischen Forschung künftig den Zugang zu Bioproben wie Blut oder Gewebe sowie den dazugehörigen klinischen und analytischen Daten erleichtern. Die Träger des Projekts feierten es gestern als einen Meilenstein.

„Das ist mehr als nur ein Infrastrukturprojekt“, betonte der Leiter der Koordinierungsstelle des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM), Ralf Heyder, bei der Veranstaltung der „Biobank-Plattform für Deutschland“. Deutschland schließe damit eine Lücke, die andere Länder wie Großbritannien oder Dänemark bereits geschlossen hätten.

Das hiesige Projekt unterscheide sich jedoch in einem entscheidenden Punkt: Die Strukturen, die in der Plattform zusammengeführt würden, seien – anders als beispielsweise die UK Biobank – über die Universitätsklinika eng an die tatsächliche Versorgung angeschlossen. Das sei weltweit einzigartig und ermögliche Zugang zu maximal realitätsnahen Proben und Daten.

Das Projekt wird im NUM mit dem darin integrierten German Biobank Network (GBN) umgesetzt, wobei die NUM die Trägerschaft übernimmt und den strukturellen Rahmen für Aufbau und langfristigen Betrieb schafft. Dazu will das NUM seine zentrale Servicestelle in Berlin ausbauen. Sie soll den zentralen Zugang zu Proben und Daten aus den beteiligten Biobanken koordinieren und erleichtern. Am 1. Juli soll die Plattform ans Netz gehen.

„Es soll sich wie eine zentrale Biobank anfühlen“, betonte Sara Nußbeck, Vorstandssprecherin des GBN. Bisher lägen Proben sehr fragmentiert vor, weshalb es schwer sei, die richtigen Daten zusammenzutragen. „Es kann nicht sein, dass man, wenn man Proben braucht, 40 Universitätskliniken und deren jeweiligen Rechtsabteilungen anfragen muss.“

Dabei fördere das Projekt auch die Harmonisierung und wissenschaftliche Zusammenarbeit der universitären Standorte in Deutschland. „Strukturen klinischer Forschung haben sich grundlegend gewandelt, von Wettbewerb zu Kooperation“, befand Heyo Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

„Wir sind als einzelne Fakultäten so erzogen worden, dass wir im Wettbewerb stehen“, erklärte auch Bernd Weber, Dekan der medizinischen Fakultät der Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und Vizepräsident des Medizinischen Fakultätentages.

Konkurrenz sitzt im Ausland

In den vergangenen Jahren sei jedoch immer deutlicher geworden, „dass die wahre Konkurrenz nicht in einer anderen Stadt sitzt, sondern im Ausland“. Es sei deshalb von zentraler Bedeutung, Vernetzung und Kooperation zu fördern, um das Niveau des Forschungsstandorts Deutschland zu halten.

Gefördert wird der Aufbau zudem vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), ermöglicht durch einen Beschluss des Haushaltsausschusses des Bundestags.

Die Plattform sei „ein Kernstück der Hightech-Agenda“, erklärte Holger Mann, der für die SPD im Bundestagsausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung sitzt. Sie sei ein wichtiger Schritt zur Erhöhung der technologischen Souveränität und dem Abbau der Abhängigkeit von externen Anbietern und Plattformen.

„Der wirtschaftliche Hebel ist riesig“, sagte er. „Wir hoffen, dass sich die Zahl der Forschungsprojekte erhöht und die Arzneimittelentwicklung beschleunigt.“ Bis 2029 wolle man die Biobank-Plattform zudem an den Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) anschließen.

Rund 50 Millionen Euro stellt das BMFTR bis 2030 bereit. Bis dahin soll die Plattform organisatorisch, technisch und inhaltlich in die bestehende Forschungslandschaft integriert werden. Perspektivisch sei später auch eine Erweiterung denkbar, bei der sie an weitere Versorgungseinrichtungen angeschlossen wird.

Das Konzept hinter der Plattform hat eine breite Allianz aus Wissenschaft und Industrie ausgearbeitet, darunter neben NUM und GBN auch Fraunhofer Gesundheit, die Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung (TMF), der Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa), der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) und der Verband der Diagnostica-Industrie (VDGH).

Besonderen Wert legten die Träger darauf, dass das Projekt ein Meilenstein auch für die Zusammenarbeit zwischen Akademia und pharmazeutischer Industrie sei. Es sei „der Beginn eines gemeinsamen Prozesses, in dem Wissenschaft, Politik, Industrie und Patienten gemeinsam nach Lösungen suchen“, erklärte Heyder.

„Ich finde es gut und cool, dass akademischer Bereich und industrielle Forschung vermehrt strukturiert zusammenarbeiten“, lobte auch Kroemer. Die Plattform werde es der Industrie ermöglichen, neue Therapien und Diagnostika schneller zu entwickeln und in die Versorgung zu bringen.

Die Biobank-Plattform könne für Deutschland ein entscheidender Standortvorteil werden, betonte Matthias Meergans, Geschäftsführer des Bereichs Forschungspolitik beim vfa. Der Industrie gehe es nämlich nicht nur um wissenschaftliche Qualität, sondern auch um Transparenz und Geschwindigkeit des Zugangs zu Proben und Daten. „Die Biobank-Plattform hat das Potenzial, Deutschland im internationalen Wettbewerb deutlich attraktiver zu machen.“

lau

Diskutieren Sie mit:

Deutsches Ärzteblatt bei Google bevorzugen

Wenn Sie Deutsches Ärzteblatt als bevorzugte Quelle festlegen, können Inhalte von uns in Ihren Google-Ergebnissen sichtbarer erscheinen.

Jetzt bei Google bevorzugen

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung