Nur marginale Vorteile hausarztzentrierter Versorgung
Köln – In einer groß angelegten Fallkontrollstudie in Thüringen wurden auf der Basis von Routinedaten die Effekte der hausarztzentrierten Versorgung (HzV) hinsichtlich Versorgungskosten, Versorgungskoordination und Pharmakotherapie untersucht. Rund 40.000 Versicherte der AOK PLUS in Thüringen, die in deren HzV-Programm eingeschrieben waren, wurden mit einer Kontrollgruppe von Versicherten aus der Regelversorgung verglichen. Die Ergebnisse, die Antje Freytag, Janine Biermann und Koautoren in der aktuellen Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes (Dtsch Arztbl Int 2016; 113: 791–8; doi: 10.3238/arztebl.2016.0791) vorstellen, sind überraschend: Nur in wenigen Bereichen wurden in der Interventionsgruppe positive Effekte der HzV beobachtet.
In Deutschland sind die Krankenkassen verpflichtet, ihren Versicherten eine Teilnahme an der sogenannten hausarztzentrierten Versorgung (HzV) anzubieten. Teilnehmende Patienten verpflichten sich, einen einzigen Hausarzt als ihren Primärarzt zu wählen und Spezialisten nur nach vorheriger hausärztlicher Konsultation in Anspruch zu nehmen. Rund 3,7 Millionen Patienten nehmen inzwischen in Deutschland an solchen HzV-Programmen teil. Die Initiatoren dieser Versorgungsform gingen davon aus, mit diesem Angebot die Qualität der medizinischen Versorgung verbessern und gleichzeitig die Kosten senken zu können.
Bei den direkten Gesamtkosten, dem Hauptergebnis der Studie, wurden in der Thüringer Studie jedoch keine signifikanten Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollgruppe festgestellt. Für das HzV-Programm waren Kostensteigerungen bei der haus- und fachärztlichen Versorgung zu verzeichnen, wohingegen die Ausgaben bei den Arzneimitteln etwas geringer ausfielen.
Allerdings nahm in der hausarztzentrierten Versorgung die Zahl der Arzneimittelverordnungen pro Patient leicht zu. Anders als erwartet war die Zahl der abgerechneten Krankenhausfälle bei den im HzV-Programm eingeschriebenen Patienten größer als in der Kontrollgruppe.
Positiv bewerten die Autoren den Anstieg bei den Facharztkonsultationen, Hausbesuchen und DMP-Teilnahmen in der Interventionsgruppe; dies deute auf eine intensivere, koordiniertere Gesundheitsversorgung bei älteren, chronisch kranken, multimorbiden Patienten in dem HzV-Programm hin.
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