Ärzteschaft

„Ohne Praziquantel existiert für die Schistosomiasis keine gleichwertige therapeutische Alternative“

  • Montag, 8. Juni 2026

Berlin – Praziquantel als zentrales Anthelminthikum ist im europäischen Markt faktisch nicht mehr regulär verfügbar. Das einzige in der Europäischen Union (EU) zugelassene Humanpräparat zur Therapie der Schistosomiasis und weiteren Trematoden assoziierten Infektionen ist damit aus der regulären Versorgung verschwunden.

Diese Entwicklung wirft Fragen nach Versorgungssicherheit, regulatorischen Alternativen und der gesundheitspolitischen Verantwortung für essenzielle, aber ökonomisch wenig attraktive Arzneimittel auf. Das Deutsche Ärzteblatt sprach mit Viktoria Schneitler vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Düsseldorf.

Viktoria Schneitler /Uniklinik Düsseldorf
Viktoria Schneitler /Uniklinik Düsseldorf

5 Fragen an Viktoria Schneitler, Fachärztin für Innere Medizin und Gastroenterologie (Zusatzbezeichnungen Notfallmedizin und Infektiologie) an der Uniklinik Düsseldorf.

Welche Bedeutung hat Praziquantel in der klinischen Versorgung?
Praziquantel ist weiterhin das einzige kausal wirksame Anthelminthikum bei Schistosomiasis, aber auch bei weiteren Indikationen zur antihelminthischen Therapie essentiell wie der endemischen Echinokokkose.

Auch in Europa bleibt es relevant, vor allem in der Versorgung von Reiserückkehrenden sowie Migrantinnen und Migranten aus Endemiegebieten – aber auch zur Therapie autochthoner Bilharziose-Erkrankungen, beispielsweise auf Korsika. Ohne Praziquantel existiert für die Schistosomiasis und weitere Krankheitsbilder keine gleichwertige therapeutische Alternative.

Wie relevant ist der Bedarf in Deutschland und Europa tatsächlich?
Praziquantel ist auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgeführt ebenso wie in Deutschland. Der Bedarf ist zahlenmäßig begrenzt, aber medizinisch hochrelevant. Betroffen sind insbesondere vulnerable Gruppen wie Geflüchtete, Migrantinnen und Migranten sowie Reiserückkehrende wie weltwärts-Freiwillige oder humanitär Arbeitende.

Zusätzlich bestehen in einzelnen Regionen Europas bereits autochthone Infektionsrisiken. Praziquantel ist damit kein Nischenmedikament, sondern ein essenzieller Bestandteil spezialisierter infektiologischer Versorgung.

Was sind die Konsequenzen einer nicht adäquaten Behandlung?
Unbehandelte Schistosomiasis kann zu chronischer Leberfibrose, portaler Hypertension, gastrointestinalen Blutungen und langfristigen Organschäden führen. Urogenitale Verläufe sind neben einem Risiko für Harnblasenkarzinome mit erhöhter HIV-Transmission, Subfertilität und Schwangerschaftskomplikationen assoziiert.

Bei Kindern drohen Wachstumsstörungen und Entwicklungsverzögerungen. Verzögerte oder fehlende Therapie hat damit direkte individuelle und Public-Health-relevante Konsequenzen.

Warum kommt es aktuell zu diesem Versorgungsengpass?
Der aktuelle Engpass ist primär strukturell bedingt: Der Rückzug des letzten in der EU vermarkteten Präparats Biltricide hat zu einem faktischen Versorgungsstopp geführt. Gleichzeitig bestehen geringe wirtschaftliche Anreize für die Produktion, eine starke Abhängigkeit von wenigen Herstellern sowie komplexe regulatorische Hürden für Re-Importe und Neuzulassungen. Die Bevorratung ist begrenzt, und es fehlen strategische europäische Reservemechanismen.

Welche Lösungsansätze sehen Sie kurzfristig und langfristig?
Kurzfristig können Importarzneimittel, magistrale Rezepturen und Übergangslösungen die Versorgung sichern. Diese sind jedoch kostenintensiv und organisatorisch aufwendig.

Langfristig braucht es eine europäische Strategie für essenzielle, aber nicht marktorientierte Arzneimittel. Diese sollte verpflichtende Lieferketten-Transparenz, zentrale Bevorratung, vereinfachte Re-Zulassungsverfahren sowie eine verlässliche Kostenübernahme von Importpräparaten beinhalten. Nur so kann die Versorgungssicherheit nachhaltig gewährleistet werden.

aha

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