Pakt für Kindergesundheit aufgesetzt

Berlin – Kinderärzte, Politik und Krankenkassen haben gemeinsam einen Pakt für Kindergesundheit geschlossen. Ziel ist es die Gesundheit von Kindern mithilfe von Prävention und einer verbesserten Versorgung zu stärken.
Unterzeichner sind neben dem Präsidenten des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte (BVKJ), Michael Hubmann, dem Vorstandsvorsitzenden der DAK-Gesundheit, Andreas Storm, und dem CSU-Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag, Klaus Holetschek, weitere Fachleute aus Medizin, Politik und dem Gesundheitswesen.
Der Pakt vereint elf Forderungen, die sich in drei Themenschwerpunkte aufteilen: Kinder sollten immer mitgedacht werden, die Verhältnisprävention muss gestärkt und die medizinische Versorgung verbessert werden.
Unter anderem sollen Kinder und Jugendliche stärker an Gesundheitsthemen beteiligt, Kinderschutz und Transparenz im Lebensmittel- und Suchtbereich hergestellt und Kinderärzte als Lotsen im Gesundheitssystem eingesetzt werden.
Bei der Jahrespressekonferenz des BVKJ, die heute in Berlin stattfand, wurden einige Forderungen herausgegriffen und ausführlicher diskutiert. Darunter die pädiatriezentrierte Steuerung der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen, die Stärkung der Verhältnisprävention und der verantwortungsbewusste Einsatz von Antibiotika zur Vermeidung von Resistenzen.
Die Einführung eines Primärarztsystems ist dem BVKJ zufolge erforderlich, um der zunehmenden Knappheit personeller und finanzieller Ressourcen und der Problematik von Fehl-, Über- und Unterversorgung zu begegnen.
„Die Pädiatrie könnte ein Vorbild sein“, sagte Hubmann. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung habe kürzlich Daten zu den Patientenströmen vorgelegt. Diese hätten gezeigt, dass die Mehrzahl der Fälle in pädiatrischen Praxen abschließend hätten versorgt werden können, sagte er. Für ein funktionierendes Primärarztsystem würden nun jedoch dringend Strukturreformen in der ambulanten Versorgung gebraucht.
Um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu stärken, soll dem BVKJ zufolge auch mehr Verhältnisprävention und Kinderschutz im Lebensmittelbereich eingeführt werden. „Wir sehen, dass verhaltenspräventive Maßnahmen nicht den durchschlagenden Erfolg bringen“, sagte Jakob Maske, Bundespressesprecher des BVKJ.
Adipositas sei eine drastisch zunehmende Erkrankungsform, von der vor allem sozial benachteiligte Familien betroffen seien. Dies habe der DAK-Gesundheitsreport kürzlich gezeigt. Kinder würden täglich von Reizen überflutet, durch Werbung, Supermarktplatzierungen und auch durch günstige Preise.
„15 Prozent der Kinder sind übergewichtig, 4,6 Prozent zwischen fünf und 17 Jahren landen sogar im Krankenhaus. Das sind erschreckende Zahlen“, so Maske. Adipositas führe frühzeitig zu Beeinträchtigungen und wirke sich ein Leben lang aus, werde oft sogar an folgende Generationen weitergegeben.
„Abgesehen von den ganzen gesundheitlichen Schäden macht es aber auch einen betriebswirtschaftlichen Schaden“, betonte er. In Deutschland trage Adipositas jährlich zu Behandlungskosten von rund 50 Milliarden Euro bei.
Deswegen lohne es sich, Prävention anzuwenden. „Prävention kostet unter Umständen zwar auch Geld, aber sicherlich keine 50 Milliarden“, so Maske. Gebraucht werde eine Verhältnisprävention mit entsprechenden Rahmenbedingungen.
Es gebe bereits ähnliche gesetzliche Maßnahmen, die etabliert und akzeptiert seien, darunter etwa Rauchverbote, eine Anschnallpflicht und Alkoholgrenzen. Diese seien vielleicht auch bevormundend. „Aber sie schützen die Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen“. Dies müsse man vermitteln.
Der BVKJ setzt sich deshalb für eine Zuckersteuer, eine Mehrwertsteuerreform, ein Werbeverbot für Junkfood und eine Kennzeichnungspflicht von Lebensmitteln ein. Auch die gesunde Schulernährung gehört dazu.
So dürfe Wasser nicht teurer als Eistee sein und gesunde Lebensmittel weniger leistbar als ungesunde, sagte Maske. Eine Herstellerabgabe auf stark gezuckerte Getränke habe sich etwa auch in anderen Ländern schon bewährt. „Wir sollten gleichzeitig die Mehrwertsteuer für ungesunde Lebensmittel anpassen, sodass auch sozial schwache Familien gesunde Sachen einkaufen können“.
Ein verpflichtender Nutriscore für alle Lebensmittel und Warnhinweise wie beispielsweise auf Zigarettenpackungen auch für ungesunde Lebensmittel einzuführen, sind weitere Vorschläge des BVKJ.
Bei der gesunden Schulernährung gebe es zwar Vorreiter, aber es sei nicht üblich für ganz Deutschland, erklärte Maske. Sie sollte für alle Kinder zur Verfügung stehen und sich an den Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) orientieren.
„Es ist Zeit, diese halbherzigen Maßnahmen zu verlassen. Wir sollten alles geben, um Verhältnisprävention einzuführen – in erster Linie für die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen. Aber in zweiter Linie sparen wir dadurch auch Geld“, sagte Maske.
Dem Kinder- und Jugendmediziner zufolge sollte es mutige, evidenzbasierte politische Entscheidungen geben, um langfristig den gesundheitlichen Schaden von Kindern und Jugendlichen abzuwenden.
Antibiotikaverordnungen reduzieren
Diskutiert wurde auch über die Verordnung von Antibiotika in der Pädiatrie. Antibiotika seien eine hervorragende Errungenschaft der modernen Medizin, allerdings würden sie in Deutschland oft zu häufig verschrieben, sagte Tanja Brunnert, Bundespressesprecherin des BVKJ.
„Wir wissen, dass die Resistenzentwicklung der Antibiotika ein gesamtpolitisches, gesamtgesellschaftliches Problem in den nächsten Jahrzehnten werden kann, das uns noch richtig auf die Füße fallen kann“, so Brunnert. „Wir haben eine medizinische, ethische Verpflichtung, in unserem Fachbereich dafür zu sorgen, dass wir zu einem rationalen Umgang mit der Antibiotikaverordnung kommen“.
Problem sei, dass im Praxisalltag oft zu wenig Zeit für Patienten und Eltern bleibe. Es müssten schnelle Entscheidungen getroffen werden, zu einem im pädiatrischen Bereich sehr breiten Spektrum von Krankheiten. Dafür werde ein gutes Know-how gebraucht, so Brunnert. Schnell passiere es in solchen Situationen, dass Antibiotika vorschnell verschrieben würden.
„Wir müssen die Watch-and-Wait-Strategie noch mehr an die Kollegen weitergeben“, machte sie deutlich. Die Kinder würden in diesem Fall untersucht und wenn es gehe, mit einer Antibiotikabehandlung bis zum nächsten Tag gewartet. „Das heißt aber auch, dass wir diese Ressource haben müssen“, sagte sie. Es gehe nur um weitere zwei Minuten – doch diese potenzierten sich im Tagesverlauf. Die Politik müsse an dieser Stelle Freiräume schaffen.
Hinzu komme, dass Eltern teils vehement eine Antibiotikabehandlung für ihr fieberndes Kind einforderten, auch wenn klinisch eindeutig feststellbar sei, dass es sich um einen viralen Infekt handle. „Es ist erforderlich, dass wir eine gute Elterninformation haben“, so Brunnert. Etwa in Form von Apps, Flyern oder kleinen Büchern. Ärztinnen und Ärzte müssten zudem besser in der Gesprächsführung ausgebildet werden, um dies klar kommunizieren zu können.
Auch die Antibiotikaverfügbarkeit sei ein Thema. Wenn entsprechende Medikamente nicht vorhanden seien, müssten breiter wirksame Antibiotika eingesetzt werden, die für die Erkrankung eigentlich nicht die richtigen seien. „Wir haben weiterhin die Forderung an die Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, dass wir mit geeigneten Kindermedikamenten versorgen können, auch wenn es in Infektwellen einen höheren Bedarf gibt“, so Brunnert.
Es müsse eine bessere Organisation aufgebaut und entsprechende Strukturen geschaffen werden. Der BVKJ arbeite bereits eng mit der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) zusammen, um unnötige Antibiotikaverordnungen zu vermeiden.
Gemeinsam habe man schon große Fortschritte gemacht. Darunter hätte die Anzahl der Antibiotikaverhandlungen im Kleinkindbereich halbiert werden können. „Das ist ein großer Erfolg, aber auf dem dürfen wir uns nicht ausruhen“, sagte Brunnert. „Wir brauchen hier ein gemeinsames Engagement nicht nur der Medizin, sondern auch der Politik und Gesellschaft“.
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