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Patientensteuerung: Krankenkassen legen Konzept für digitales Navigationstool vor

  • Montag, 26. Januar 2026
/VAKSMANV, stock.adobe.com
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Berlin – Angesichts des morgigen fachlichen Austauschs im Bundesgesundheitsministerium (BMG) zur Einführung eines primärztlichen Versorgungssystems haben die Krankenkassen ein Papier vorgelegt, wie ein solches „Navigationstool“ aussehen könnte. Dieses soll Behandlungsbedarfe einschätzen, Patienten in die richtige Versorgungsebene steuern und beispielsweise das Ausstellen von Folgerezepten ohne Arztkontakt ermöglichen.

Vor einem ärztlichen Erstkontakt sollen Versicherte künftig den Krankenkassen zufolge das Instrument nutzen, entweder über eine App oder über Webseite, um die Behandlungsnotwendigkeit richtig einschätzen zu können. Das System solle plattformunabhängig aufgebaut werden, so dass es in bestehende Angebote von Krankenkassen, Arztpraxen oder Terminvermittlungsplattformen integriert werden könne.

Personen, die kein digitales Tool nutzen wollen, sollen den Service auch telefonisch in Anspruch nehmen können. „Hierbei sind auch bestehende Systeme wie 116117 / Terminservicestellen einzubinden“, heißt es in dem Positionspapier.

Bei akuten Beschwerden soll das System erkennen, ob es sich um einen Notfall, einen akuten Behandlungsbedarf, einen nicht akuten ärztlichen oder nicht ärztlichen Behandlungsbedarf handelt oder ob es keinen Behandlungsbedarf gibt.

Entsprechend soll der Versicherte in die richtige Versorgungsebene gesteuert werden. Bereits erhobene Informationen sollen den entsprechenden Leistungserbringern zur Verfügung gestellt werden. Die Einschätzung des Behandlungsbedarfs müsse unabhängig vom Einsatzort standardisiert ablaufen, fordern die Kassen weiter.

Steuerung in richtige Ebene

Je nach medizinischem Bedarf soll die Person an die behandelnde primärversorgende Praxis oder an Fachärzte, Bereitschaftsdienste oder Notfallrettung verwiesen werden. So sollen Versicherte über die Anwendung etwa in bestimmten Fällen auch eine elektronische Überweisung in die fachärztliche Versorgung erhalten, ohne vorher einen Besuch beim Hausarzt abstatten zu müssen. Wer keinen Behandlungsbedarf hat, soll individualisiert aufbereitete Informationen zur Selbstbehandlung oder Hinweise für Anlaufstellen außerhalb der GKV-Versorgung erhalten.

Das Navigationstool soll darüber hinaus bewerten können, ob etwa eine Videosprechstunde ausreicht oder ein Besuch in der Arztpraxis nötig ist. Weiter soll darüber die direkte Terminbuchung ermöglicht werden. Voraussetzung dafür sei, dass im bundeseinheitlichen Terminverzeichnis ein ausreichender Umfang an Terminen zur Verfügung gestellt werde.

Solch eine Anwendung wäre den Krankenkassen zufolge auch zur Förderung der Gesundheitskompetenz vorgesehen, damit Versicherte „vorhandene, wissenschaftlich geprüfte und verständliche Gesundheitsinformationen“ erhalten können.

Anbindung an elektronische Patientenakte

Die Kassen schlagen darüber hinaus vor, dass das Tool perspektivisch an die elektronische Patientenakte (ePA) eines Versicherten angebunden werden soll. Anhand der Daten in der ePA, etwa Versorgungshistorie oder Medikation, sollen Versicherte künftig in der Lage sein, Versorgungsprozesse auch eigenständig abschließen zu können (Genehmigung Digitale Gesundheitsanwendung oder Folgerezepte) oder auf Angebote außerhalb der Versorgung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) verwiesen werden können.

Die während der Nutzung des Navigationstools erhobenen Daten sollen zudem strukturiert in die ePA eingepflegt werden, lautet ein weiterer Vorschlag der Kassen.

Das Steuerungsinstrument könnte auf einheitlichen und GKV-weit verbindlichen Kernelementen zur Einschätzung des Behandlungsbedarfs und zur Bearbeitung einheitlicher Prozesse basieren, sei aber durch zusätzliche krankenkassenindividuelle Module erweiterbar, schreiben die Krankenkassen in dem Papier.

Diese können etwa Präventionsangebote oder Erinnerungen an Impf- und Vorsorgeleistungen sein. Das Navigationsinstrument sollte zudem im Bereich der Apotheken oder Pflege weiter ausgebaut werden, schlagen die Kassen vor.

Ziel einer solchen Anwendung sei die Entlastung von Leistungserbringern, das Schonen von Ressourcen sowie einen niedrigschwelligen Weg von Versicherten in die Versorgung zu ermöglichen.

Gesundheitswesen in digitale Gegenwart bringen

Die drei Säulen für eine moderne, digitalgestützte Primärversorgung seien ein digitales Navigationstool, die elektronische Überweisung und die elektronische Terminvermittlung, hieß es dazu heute vom GKV-Spitzenverband. „Wir müssen das deutsche Gesundheitswesen endlich in die digitale Gegenwart bringen“, sagte Stefanie Stoff-Ahnis, stellvertretende Vorstandsvorsitzende dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Das sei insbesondere angesichts des Fachkräftemangels und der Finanzierungsprobleme überfällig.

Das vorgeschlagene Instrument biete die Chance, eine neutrale und transparente Terminplattform aufzubauen. „Hierbei geht es endlich nicht mehr um die Frage, ob jemand gesetzlich oder privat versichert ist, sondern lediglich um die medizinische Notwendigkeit“, betonte Stoff-Ahnis.

Stoff-Ahnis zufolge werde es zukünftig bestimmte Versorgungsprozesse geben, die rein digital abgewickelt werden könnten, ohne dass überhaupt noch ein ärztlicher Kontakt erforderlich sei.

Keine eierlegende Wollmilchsau

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, plädierte ebenfalls für eine Neuaufstellung der Verteilung von Patienten. Eine primärärztliche Koordination älterer oder mehrfach erkrankter Menschen sei sicher sinnvoll. „Es aber als eierlegende Wollmilchsau zu verkaufen, wäre verfehlt“, sagte Gassen der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

In Deutschland gebe es die Zweigleisigkeit mit Haus- und Fachärzten und 55 bis 60 Prozent der Versorgung finde in den Facharztpraxen statt – Gynäkologen eingeschlossen. Bei starren Honorarbudgets behandelten Fachärzte dabei bereits rund 15 Prozent ihrer Patienten ohne Vergütung. Das entspreche rund 40 Millionen Arztkontakten.

„Wir müssen das bestehende System optimieren und die Patienten besser steuern – digital und telefonisch und dabei den Terminus Primärarztsystem neu und modern für unsere Bedürfnisse definieren“, forderte Gassen.

Hierzu sollte die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116117 als digitales Instrument ausgebaut werden – womöglich auch per KI-gesteuerten Sprachassistenten, schlägt er vor. In anderen Ländern funktioniere das Primärarztsystem ganz anders. Dort sei die erste Ansprechperson oft kein Arzt, sondern eine Krankenschwester. Und danach werde per Postleitzahl der Hausarzt zugewiesen.

Ein wirkliches Einsparpotenzial sieht Gassen hingegen nicht im geplanten Primärarztsystem. Das liege an den bereits unvergüteten Arzt-Patienten-Kontakten der Fachärzte und daran, dass über eine bessere Steuerung die Versorgung erfahrungsgemäß besser, aber erstmal nicht billiger werde. „Wenn wir unser Gesundheitssystem in der Mannigfaltigkeit, Breite und Angebotssituation erhalten, können wir froh sein, wenn wir die Kosten einbremsen“, so Gassen.

Nach dem geplanten Austausch der Akteure im Gesundheitssystem will Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) morgen gemeinsam mit Gassen Eckpunkte für das geplante Primärarztsystem in Deutschland vorstellen.

cmk/kna

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