Perspektivwechsel für die Medizininformatik-Initiative

Berlin – Die vom Bundesforschungsministerium noch bis zum Ende dieses Jahres geförderte Medizininformatik-Initiative (MII) hat in den vergangenen zehn Jahren umfassende Strukturen und Prozesse etabliert, um Daten aus der Versorgung für die Forschung zugänglich zu machen.
Sie habe mit ihrer Arbeit ein starkes Fundament geschaffen, um die Gesundheitsforschung „fit für die Zukunft“ zu machen, sagte Matthias Hauer (CDU). Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt würdigte die bisherige Entwicklung der Initiative zur Eröffnung des MII-Jubiläums-Symposiums, das heute und morgen in Berlin stattfindet.
Hauer warf aber auch einen Blick auf die Zukunft: Unter dem Dach des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM) würden die Datenintegrationszentren (DIZ) an den deutschen Universitätskliniken künftig mit dem zentralen Forschungsdatenportal für Gesundheit der Medizininformatik-Initiative verzahnt, sagte er.
Die MII und das mittlerweile verstetigte NUM sollten zu einer leistungsfähigen Forschungsinfrastruktur zusammenwachsen. „Unter dem Dach des NUM hat die MII eine langfristige Perspektive“, erklärte er. Ziel sei es, „ein innovatives Gesundheitsdatenökosystem“ zu schaffen und einen schnelleren Transfer von Forschung in die Versorgung zu erreichen. Damit könne sich Deutschland auch weltweit sehen lassen, so Hauer.
Veränderungen in Sicht
Für die MII und ihre vier Konsortien wird das einen Perspektivwechsel bedeuten. Denn im Zentrum der MII stand in den vergangenen Jahren (2018 bis 2022) der Aufbau von DIZ an den Universitätskliniken, die Forschungs- und Versorgungsdaten sammeln, datenschutzgerecht aufbereiten und standortübergreifend für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung stellen. Bundesweit wurden im Rahmen der MII an allen Universitätskliniken sowie an ersten nicht-universitären Standorten entsprechende Einrichtungen geschaffen.
Ein weiterer zentraler Baustein war das Forschungsdatenportal für Gesundheit (FDPG), das Forschenden als Anlaufstelle dient, um Daten und Bioproben der Universitätsmedizin zu erschließen. Bei der aktuellen Ausbau- und Erweiterungsphase (2023 bis 2026) steht eine erweiterte Zusammenarbeit zwischen den Unikliniken und neuen Partnern, insbesondere aus der regionalen Versorgung, im Fokus.
Zur Erinnerung: Die Medizininformatik-Initiative ist ein deutschlandweites Innovationsprojekt, in dem Universitätskliniken, Forschungseinrichtungen und Partner aus der Praxis eng zusammenarbeiten, um medizinische Daten aus der Versorgung für Forschung und eine verbesserte Patientenversorgung nutzbar zu machen.
Koordiniert wird die Initiative von der Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung (TMF) gemeinsam mit dem Verband der Universitätsklinika Deutschlands (VUD) und dem Medizinischen Fakultätentag (MFT).
Man sei von der Entwicklung und dem Aufbau von Infrastrukturen nun bei der Datennutzung angekommen, skizzierte auch Sebastian C. Semler, Geschäftsführer der TMF und Leiter der MII-Koordinationsstelle, die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre.
Erste Datennutzungsprojekte würden bereits erfolgreich über die Forschungsdateninfrastruktur durchgeführt. Perspektivisch könne die MII mit ihrem Forschungsdatenportal für Gesundheit ein wichtiger Baustein in der Gesundheitsdatenarchitektur des europäischen Gesundheitsdatenraums (EHDS) werden.
Parallel zum zehnjährigen MII-Jubiläum markiert das Symposium damit einen Übergang in eine neue Phase. „Die MII hat sehr erfolgreich gezeigt, dass mit einer kooperativen Zusammenarbeit der Aufbau gemeinsamer Infrastrukturen möglich ist“, sagte Semler am Rande des Symposiums dem Deutschen Ärzteblatt.
Die Datenbereitstellung müsse aber noch besser werden. Das schließe auch die Nutzenden ein. Mit einer Weiterentwicklung der MII könne man ganz wesentliche Grundlagen für den europäischen Gesundheitsdatenraum, für die Hightech-Agenda und die KI-Entwicklung schaffen. „Das sind notwendige Schritte, die unbedingt angegangen werden müssen und die ein zukünftiges Weiterarbeiten auf diesem Feld dringend erforderlich machen“, betonte Semler.
Das Symposium verdeutlicht heute und morgen anhand konkreter Anwendungsbeispiele den praktischen Nutzen der MII-Infrastruktur. In klinischen Use Cases, die teilweise noch bis 2028 gefördert werden, wird durch medizinisch relevante Anwendungsfälle der Mehrwert einer gemeinsamen Nutzung von gesundheitsrelevanten Daten über die Grenzen der Konsortien hinaus in Forschung und Versorgung erprobt.
Ein Beispiel ist das Projekt „Acribis“, das auf die Verbesserung der Risikoabschätzung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen abzielt. Ärztinnen und Ärzte nutzen hierfür sogenannte Risikoscores zur individuellen Bewertung von Patienten. Im Projekt wird die kardiologische Routinedokumentation standortübergreifend strukturiert und standardisiert.
Zudem wird die Infrastruktur zur automatisierten Analyse von Biosignaldaten, etwa aus dem EKG, ausgebaut und in die DIZ integriert. Ziel sei es, die Vorhersage von Krankheitsverläufen zu verbessern und damit Prävention, Diagnostik und Therapie zu unterstützen, wie Sven Zenker vom Universitätsklinikum Bonn erläuterte.
Ein weiteres Projekt ist „Interpolar“, das sich mit der sicheren Medikation beschäftigt. Wenn Patienten mehrere Medikamente gleichzeitig einnehmen, können Arzneimittelwechselwirkungen auftreten. Ziel des Projekts sei es, solche Wechselwirkungen automatisiert zu erkennen und so unerwünschten Wirkungen vorzubeugen, so Daniel Neumann von der Universität Leipzig.
Dazu würden Patientinnen und Patienten mit besonders hohem Risiko für Medikationsfehler identifiziert, um die begrenzten Ressourcen von Stationsapothekern gezielt einzusetzen und den größtmöglichen Nutzen für die Patientensicherheit zu erzielen.
Mit dem Projekt „PM⁴Onco“ werde wiederum eine Infrastruktur geschaffen, die Daten aus klinischer und biomedizinischer Forschung integriere und austausche, so Melanie Börries vom Universitätsklinikum Freiburg. Ziel sei, die Grundlagen für eine personalisierte Medizin in der Krebsbehandlung zu legen.
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