Politik

Postinfektiöse Erkrankungen: Forschungsjahrzehnt soll schnell anlaufen

  • Freitag, 30. Januar 2026
Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU, rechts) und Annette Peters, Direktorin des Instituts für Epidemiologie, Helmholtz Zentrum München /picture alliance, Metodi Popow
Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU, rechts) und Annette Peters, Direktorin des Instituts für Epidemiologie, Helmholtz Zentrum München /picture alliance, Metodi Popow

Berlin – Zum Verbessern der Lage von Betroffenen etwa mit Long COVID hat Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) heute ein Forschungsjahrzehnt ausgerufen. Verteilt auf zehn Jahre sollen insgesamt 500 Millionen Euro in die sogenannte „Nationale Dekade gegen postinfektiöse Erkrankungen“ fließen. Bär stellte in Berlin einen schnellen Start in Aussicht.

In wenigen Tagen solle ein sogenannter Steuerungskreis zum ersten Mal tagen. Den Vorsitz übernimmt demnach der parlamentarische Staatssekretär Matthias Hauer. Er steht auch dem Strategiekreis der „Nationalen Dekade gegen Krebs“ vor, die ein Vorbild für die aktuelle Initiative war.

„Wir wollen, dass die ersten Maßnahmen auch sofort beginnen können“, sagte Bär. Priorität habe erst einmal „die Förderung unserer klinischen Studien, gerade auch zur Überprüfung von Medikamenten“. Daneben solle zusätzliche biomedizinische Forschung gefördert und die nötige Datengrundlage ausgebaut werden.

Mit Stand 22. Januar waren nach Angaben des Bundesfinanzministeriums im Rahmen der Nationalen Dekade noch keine Ausschreibungen erfolgt. Einen Zeitplan für den Start konkreter Projekte gab es heute zunächst nicht. Grundsätzlich werde bei der Nationalen Dekade verfahren wie bei anderen Vergaben auch – mit einer „wettbewerblichen Mittelvergabe“ und Auswahlentscheidungen auf Grundlage anerkannter Begutachtungsverfahren, sagte Bär auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes.

Die neue Initiative präsentierte die Ministerin mit der Vorstandsvorsitzenden der NAKO-Gesundheitsstudie, Annette Peters, dem Leiter der Koordinierungsstelle des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM), Ralf Heyder, sowie der Medizinerin Maria Vehreschild vom Universitätsklinikum Frankfurt. Sie zeigte sich „sehr dankbar“, dass man so wichtige Forschungspartner habe, die sie in den kommenden zehn Jahren auch mit voller Kraft unterstützen wollten, um in der Sache voranzukommen.

Weitere Partner kämen etwa aus der Gesundheitsforschung, aus der Versorgung, Betroffenenvertretungen und der Pharmaindustrie, so Bär. In einer Mitteilung des Ministeriums von heute sind etwa die Leibniz-Gemeinschaft, das Berlin Institute of Health, die Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG), der Verband Forschender Arzneimittelhersteller, die Helmholtz-Gemeinschaft und das Bundesgesundheitsministerium als Mitbeteiligte genannt. Eine Erweiterung ist möglich.

Auf bestehender Infrastruktur aufsetzen

Gemeinsam werde ein rascher Transfer der Forschungsergebnisse zu den Erkrankten angestrebt, betonte Bär. Mit der Nationalen Dekade fange man nicht bei Null an, sondern könne auf einen bestehenden Wissensschatz und vorhandene Infrastruktur zurückgreifen.

Sie verwies auch auf bereits laufende Phase-II-Studien im Rahmen der Nationalen Klinischen Studiengruppe zu Medikamenten, die bereits für andere Erkrankungen zugelassen sind, Ergebnisse erwarte man bis Ende des Jahres.

„Die NAKO-Gesundheitsstudie ist für unerwartete Herausforderungen initiiert worden“, sagte Peters. „Ihre Stunde ist jetzt gekommen, um in dieser Dekade entscheidend dazu beizutragen, Gesundheit und Krankheit besser zu verstehen.“

Sie verwies auf wiederholt erhobene Gesundheitsinformationen und Bioproben von 200.000 Teilnehmenden, was nun helfen solle, Antworten auf zentrale Fragen zu finden. Es gelte etwa zu verstehen, wer und warum besonders betroffen sei und wie es zu bleibenden Auswirkungen auf den Organismus komme.

Heyder vom NUM kündigte an, dass man die bisherigen Anstrengungen zum Thema Folgen von COVID-19 dank der Dekade deutlich verstärken und auf weitere Infektionskrankheiten ausweiten könne.

Er verwies auf eine bestehende Kohorte von mehr als 7.000 COVID-19-Erkrankten und Genesenen, deren Daten und Bioproben für die Post-COVID-Forschung wichtig seien. Man werde auch sogenannte adaptive Plattformstudien ausbauen können, mit denen sich in klinischen Prüfungen schneller als bisher Erkenntnisse generieren ließen.

Signal an Betroffene: Krankheit werde ernst genommen

Die Betroffenen sollen bei der Initiative in den Fokus genommen werden, sicherte die Ministerin zu. Es werde alles getan, um die bestmögliche Forschung zu ermöglichen, damit Behandlungsoptionen für eine Heilung oder zumindest für eine deutliche Linderung des Leids entwickelt werden können.

Zur Prävalenz postinfektiöser Erkrankungen gibt es bisher nur Schätzungen. Es werden auch eine Dunkelziffer milderer Fälle und dadurch Produktivitätseinbußen angenommen.

„Diese Dekade ist ein Versprechen, dass wir die Komplexität dieser Erkrankungen ernst nehmen. Wir werden in den nächsten zehn Jahren unser Bestes geben, um die Mechanismen zu verstehen“, sagte Infektiologie-Professorin Vehreschild in Richtung der Betroffenen.

Sie bezeichnete die Identifikation von Biomarkern als zentral – ohne diese bleibe die Diagnose oft ein langwieriger, außerordentlich belastender Ausschlussmarathon. Bär ergänzte, es sei „ganz wichtig für die Betroffenen, dass sie nicht als Simulanten abgestempelt werden.“

„Die angekündigten 500 Millionen Euro für die Forschung in dem Bereich waren dringend nötig, aber bis heute ist nicht klar, wie diese eingesetzt werden“, kritisierte heute der Sprecher für Public Health der Linken-Fraktion im Bundestag, Ates Gürpinar.

Die akuten Probleme der Betroffenen würden damit nicht gelöst. Auch die Versorgung müsse ausgebaut werden. „Dort muss Gesundheitsministerin Warken liefern und darf sich nicht hinter der Forschung verstecken.“

Der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte vergangenen Sommer im Spiegel gefordert, dass Deutschland mindestens eine Milliarde Euro über drei oder vier Jahre in die Erforschung dieser Erkrankungen investieren sollte.

ggr

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