Primärarztsysteme führen nicht von allein zu kürzeren Wartezeiten

Berlin – Die Einführung eines Primärarztsystems führt nicht von allein zu kürzeren Wartezeiten, einer besseren Versorgung oder finanziellen Einsparungen. Vielmehr kommt es auf die konkrete Ausgestaltung des Systems, insbesondere finanzielle Anreize, sowie die institutionellen Rahmenbedingungen an. Zu diesem Ergebnis kommt eine Vergleichsstudie der OECD.
Primärarztsysteme sind in den OECD-Ländern eher die Regel als die Ausnahme. In 31 der 38 Mitgliedstaaten erfolgt der Zugang zur fachärztlichen Versorgung hauptsächlich über hausärztliche Erstkontakte. Dabei ist meistens eine Überweisung notwendig, um eine fachärztliche Weiterbehandlung zu erhalten.
In 24 dieser 31 Staaten – darunter Großbritannien und Australien – ist der hausärztliche Erstkontakt verpflichtend, während sieben Staaten – darunter Frankreich und die Schweiz – auf Freiwilligkeit in Verbindung mit finanziellen oder anderen Anreizen setzen.
Die vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) geförderte Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass diese Art der Verhinderung ungesteuerter Inanspruchnahme fachärztlicher Termine jedoch nicht automatisch zu kürzeren Wartezeiten führt.
Diese Wartezeiten würden nämlich hauptsächlich von den verfügbaren haus- oder fachärztlichen Kapazitäten sowie der Organisation der Versorgung abhängen – und nicht allein durch eine Steuerung der Patientenwege beeinflusst werden.
Höhere Ausgaben möglich
Die verpflichtende Überweisung von der haus- in die fachärztliche Versorgung – sogenanntes Gatekeeping – könne sogar mit höheren Ausgaben für die Primärversorgung einhergehen, was aber keine eindeutigen Effekte auf die Gesamtausgaben oder deren Wachstum habe.
Eine tiefergehende Analyse der Erfahrungen von sechs OECD-Staaten nach Einführung eines Primärarztsystems zeige die Bedeutung einer ausreichenden Zahl an Hausärztinnen und Hausärzten für eine erfolgreiche Umsetzung eines Primärarztsystems, speziell in ländlichen und benachteiligten Räumen. Deshalb plane beispielsweise Dänemark eine Erhöhung der Zahl seiner Hausärzte um beinahe 30 Prozent bis zum Jahr 2035.
Die Einführung von Gatekeeping-Modellen sei zudem mit einer höheren Arbeitsbelastung von Hausärzten verbunden. „Dies legt nahe, dass die Anreize für die Leistungserbringer auf das Gatekeeper-Ziel abgestimmt werden müssen, um die Patientenströme wirksam umzulenken“, heißt es in der OECD-Analyse.
OECD-Länder wie Frankreich hätten daher zusätzliche Kopfpauschalen eingeführt, um sicherzustellen, dass die Ärzte ihre Gatekeeper-Funktion wahrnehmen. Zudem könnten lange Wartezeiten in Primärarztsystemen dazu führen, dass Patienten die vorgegebenen Behandlungspfade umgehen und auf Selbstzahlerleistungen ausweichen. Dies sei beispielsweise in Polen häufig der Fall.
Gefördert werde dies durch eine hohe Verbreitung privater Kranken(zusatz)versicherungen. Daten aus Italien, Spanien und Schweden würden zeigen, dass privat (Zusatz-)Versicherte häufiger Leistungen außerhalb der vorgesehenen Pfade in Anspruch nehmen.
Insgesamt würden die Auswertungen von politischen Maßnahmen, wissenschaftlicher Literatur und Ländererfahrungen darauf hindeuten, dass Zugangsbeschränkungen und Kostenbeteiligung unter bestimmten Umständen dazu beitragen können, Patienten in effizientere Behandlungsabläufe in der ambulanten Versorgung zu lenken.
„Ihre Wirkung hängt jedoch in hohem Maße von der Gestaltung der politischen Maßnahmen und ergänzenden Faktoren ab, etwa der Ausrichtung der Kapazitäten in der Primärversorgung, Anreizen für Leistungserbringer, der Regulierung des privaten Sektors und der finanziellen Absicherung schutzbedürftiger Bevölkerungsgruppen“, schreiben die Autorinnen und Autoren der Studie.
So müsse bei der Vergütungsstruktur darauf geachtet werden, dass eine Kombination aus Vorhaltepauschalen und einer kontaktabhängigen Komponente gut ausbalanciert wird. Zudem zeige sich die Bedeutung finanzieller Anreize für die Patienten. Diese würden stärker auf drohende finanzielle Nachteile als auf mögliche Vorteile reagieren.
„Die Studie zeigt: Wo die Steuerung von Patientenwegen gelingt, wird sie in der Regel durch verbindliche Regeln und negative finanzielle Anreize für Versicherte unterstützt“, kommentiert der Zi-Vorstandsvorsitzende Dominik von Stillfried die Ergebnisse. „Wer ein Primärarztsystem in Deutschland einführen will, wird sich daher in diesen Punkten festlegen müssen.“
Zudem merken die Autorinnen und Autoren der Studie an, dass systematische Übersichten zu dem Ergebnis gelangt seien, dass das Gatekeeping im Vergleich zu Systemen mit direktem Zugang im Allgemeinen mit einer geringeren Patientenzufriedenheit einhergehe. Diese geringere Zufriedenheit könne wiederum zu schlechteren Gesundheitsergebnissen und einer geringeren Therapietreue beitragen.
Insbesondere in Ländern mit langjähriger vorheriger Tradition einer freien Arztwahl könne die Einführung von Gatekeeping-Beschränkungen zu Unzufriedenheit führen.
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