Protonenpumpen-Inhibitoren könnten chronische Nierenerkrankung fördern
Baltimore – Die Verordnung von Protonenpumpen-Inhibitoren war in zwei Kohorten mit einer erhöhten Rate von chronischen Nierenerkrankungen assoziiert. Die Studie in JAMA Internal Medicine (2016; doi: 10.1001/jamainternmed.2015.7193) stellt den unbedenklichen Einsatz der Medikamente erneut infrage.
Protonenpumpen-Inhibitoren (PPI), die die Salzsäure-Produktion in den Belegzellen der Magenschleimhaut komplett blockieren, werden aufgrund ihrer guten Verträglichkeit sehr häufig verordnet. In den letzten Jahren wurden die 1990 eingeführten Medikamente jedoch mit Gesundheitsstörungen in Verbindung gebracht.
Dazu gehören Hüftfrakturen, ambulant erworbene Pneumonien, Clostridium difficile-Infektionen, aber auch ein Magnesiummangel und eine akute interstitielle Nephritis. Die letzten beiden Faktoren könnten, wenn sie unter einer Dauertherapie häufiger auftreten, die Nieren auf Dauer schädigen, vermutet ein Team um Morgan Grams von der Johns Hopkins University in Baltimore. Die Forscher haben dazu zwei Datenquellen ausgewertet.
Bei der ersten Kohorte handelt es sich um 10.473 Teilnehmer der „Atherosclerosis Risk in Communities“ oder ARIC-Studie, die über einen Zeitraum von fast 14 Jahren regelmäßig untersucht wurden. In dieser Zeit erkrankten 56 von 322 Teilnehmern, die zu Beginn der Studie PPI eingenommen hatten, an einem chronischen Nierenversagen.
Grams ermittelt eine Inzidenzrate von 14,2 Erkrankungen pro 1.000 Personenjahre. Unter den 10.160 Teilnehmern, die keine PPI eingenommen hatten, kam es zu 1.382 Erkrankungen: Inzidenzrate 10,7 pro 1.000 Personenjahre. Die Hazard Ratio (HR), die das erhöhte Risiko misst, war sowohl in der Auswertung der Rohdaten (HR 1,45; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,11-1,90) als auch in einer adjustierten Analyse, die Verzerrungen ausschließen soll (HR 1,50; 1,14-1,96), signifikant erhöht.
Nach den Berechnungen von Grams könnte die Nutzung von PPI über 10 Jahre das Erkrankungsrisiko von 8,5 auf 11,8 Prozent (Differenz 3,8 Prozentpunkte) erhöhen. Die PPI-Anwender hatten auch ein höheres Risiko als Patienten, die mit H2-Blockern behandelt wurden. H2-Blocker blockieren die Magensäureproduktion weniger stark als PPI.
Die Ergebnisse der zweiten Kohorte bestätigen den Befund: Unter 1.921 von 16.900 Versicherten des Geisinger Health System aus Pennsylvania kam es während sechs Jahren zu einem chronischen Nierenversagen. Die Inzidenzerate beträgt laut Grams 20,1 pro 1.000 Personenjahre und war damit höher als bei den 231.851 Nichtanwendern von PPI, von denen 28.226 am chronischen Nierenversagen erkrankten, was eine Inzidenzrate von 18,3 pro 1.000 Personenjahre ergibt. Auch hier war die Hazard Ratio in der Rohanalyse (HR 1,20; 1,15-1,26) und in der adjustierten Analyse (HR 1,17; 1,12-1,23) signifikant erhöht. In dieser Kohorte erhöhte sich das 10-Jahresrisiko auf eine Nierenerkrankung von 13,9 auf 15,6 Prozent (Differenz 1,7 Prozentpunkte).
Grams fand auch Hinweise auf eine Dosis-Wirkungs-Beziehung, die in epidemiologischen Untersuchungen für eine Kausalität spricht: Patienten, die die PPI zweimal täglich einnahmen, hatten ein höheres Risiko (adjustierte HR 1,46; 1,28-1,67) als Patienten, die die Mittel nur einmal täglich einnahmen (adjustierte HR 1,15; 1,09-1,21).
Einen Beweis, dass die Einahme von PPI die Nieren schädigen, liefert die Untersuchung zwar nicht, sie sollte, so Grams, für Ärzte jedoch Anlass sein, die Verordnung der Medikamente in jedem Fall kritisch zu überdenken. Experten gehen davon aus, dass (in den USA) bis zu 70 Prozent aller PPI-Verordnungen nicht notwendig sind. Die FDA hat in den letzen Jahren mehrfach auf mögliche Risiken in der Verordnung von PPI hingewiesen. Themen waren Hüftfrakturen, Hypomagnesiämie und Clostridium difficile-Infektionen.
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