Psychosomatische Medizin: Mehr Sensibilisierung für traumatisch erlebte Geburten

Berlin – Die Geburt kann insbesondere für Frauen aus Risikogruppen eine potenziell traumatische Erfahrung sein, die mit weitreichenden negativen Konsequenzen für Mütter, Kinder und Partner verbunden sein kann.
Zur Prävention und frühzeitigen Versorgung traumatischer Geburtserfahrungen ist deshalb eine frühzeitige Identifikation von Risikoschwangeren und gewaltbetroffenen Frauen erforderlich. Das gilt auch für geeignete therapeutische störungsspezifische Interventionen.
Darauf wies Kerstin Weidner, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden, gestern im Rahmen einer Pressekonferenz anlässlich des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie hin, der Anfang März in Berlin stattfindet.
„Die Sensibilisierung für traumatisch erlebte Geburten sowie eine fundierte Aus- und Weiterbildung des Fachpersonals sind zentrale Voraussetzungen, um eine traumasensible Versorgung während Schwangerschaft, Geburt und Postpartalzeit zu gewährleisten“, sagte Weidner.
50 Prozent der Frauen erleben ihre Geburt als negativ
Internationale Studien, auf die Weidner sich bezog, zeigen, dass bis zu 50 Prozent der Frauen ihre Geburt als negativ erleben (AJOG 2024; DOI: 10.1016/j.ajog.2023.09.089). Etwa zwölf Prozent entwickelten Symptome einer geburtsbezogenen posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), bei knapp fünf Prozent manifestiere sich das Vollbild einer geburtsbezogenen PTBS (Clin Psychol Rev 2022; DOI: 10.1016/j.cpr.2022.102157), in Hochrisikogruppen bei 16 bis 19 Prozent.
Zu den Risikofaktoren für die Entwicklung einer PTBS zählen nach Angaben der Expertin biografische Trauma- und Gewalterfahrungen ebenso wie psychische Vorerkrankungen oder ausgeprägte Geburtsangst. Auch komplikationsreiche Geburtsverläufe stellen Vulnerabilitätsfaktoren dar.
„Die Forschung und unsere eigene Empirie zeigen jedoch eindrücklich, dass vor allem das subjektive Geburtserleben der Frau eine Schlüsselrolle spielt. Es sind Gefühle der Bedrohung von Mutter und Kind, Kontrollverlust, Hilflosigkeit und Schuldgefühle, die dafür ausschlaggebend sind“, betonte Weidner.
Da schwangere Frauen selbst in der Versorgung kaum frühere Gewalterfahrungen ansprechen würden, müssten Gynäkologinnen und Gynäkologen sowie Hebammen lernen, sensibel Fragen nach traumatischen Erlebnissen zu stellen. Dann sollte eine Geburts- und Traumaanamnese erfolgen und gemeinsam ein Geburtsplan unter Berücksichtigung potenzieller Trigger erstellt werden, empfahl die Expertin.
Als Trigger nannte Weidner zum Beispiel bestimmte Untersuchungstechniken, Liegepositionen, Schreie aus dem Nachbarkreissaal, Blut, Gerüche oder Farben. „All das kann Erinnerungen an frühere traumatische Erfahrungen auslösen und dann unter der Geburt sogar zu einer Dissoziation führen, also dass die Frau plötzlich nicht mehr ansprechbar ist“, erklärte die Psychosomatikerin.
Eigene Untersuchungen hätten indes gezeigt, dass nur weniger als ein Prozent der Gynäkologen Frauen auf Gewalterfahrungen ansprechen würden. Dies sei im Rahmen der Psychosomatischen Grundversorgung, die alle Gynäkologen in Weiterbildung absolvieren müssen, gut möglich.
„Studien zeigen auch, dass Frauen sich genau das wünschen, würden es aber selbst nicht ansprechen“, berichtete Weidner. Eine sehr wichtige Rolle spielten auch Hebammen: In den Hebammenstudiengängen sei die traumsensible Geburtshilfe kein Tabuthema mehr.
Leitlinie in Vorbereitung
Weidner wies abschließend darauf hin, dass unter ihrer Leitung seit Januar 2025 eine S3-Leitlinie „Peripartale Traumatisierung – Prophylaxe, Diagnostik und Therapie“ (PERITRAUMA) erarbeitet wird. Unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) sollen Standards entwickelt werden, wie mit Frauen mit peripatalen psychischen Störungen und traumatischen Geburtserfahrungen umgegangen werden soll.
Unter dem Kongressmotto „Grenzerfahrungen – Wege jenseits des Vertrauten“ veranstalten die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie und das Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DKPM) den Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie vom 4. – 7. März in Berlin.
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