Ärzteschaft

Neue Leitlinie zur medizinischen Versorgung nach sexualisierter Gewalt erschienen

  • Freitag, 9. Januar 2026
/yupachingping, stock.adobe.com
/yupachingping, stock.adobe.com

Berlin – Für die medizinische Versorgung von weiblichen Betroffenen sexualisierter Gewalt ist kürzlich eine neue Leitlinie erschienen. Diese soll eine fachgerechte, traumasensible und rechtssichere Versorgung der Betroffenen gewährleisten, wie es vom Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte (BVF) sowie von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) heißt.

Steigende Betroffenenzahlen verdeutlichen die Wichtigkeit einer angemessenen Versorgung. 2024 gab es mehr als 62.000 polizeilich erfasste Opfer von Sexualstraftaten – über 53.000 von ihnen waren Frauen. Das sind 2,1 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Dunkelziffer dürfte höher liegen und der Umgang damit scheint sich zwischen den Bundesländern zu unterscheiden.

„Obwohl seit 2020 ein bundesweiter Anspruch auf vertrauliche Spurensicherung nach sexualisierter Gewalt gilt, kommen viele Bundesländer ihrer Verpflichtung zur Umsetzung und gesicherten Finanzierung weiterhin nicht ausreichend nach“, kritisierte Cornelia Hösemann aus dem BVF-Vorsitz und Mitglied der Kommission Häusliche Gewalt der Sächsischen Landesärztekammer (SLÄK). Dadurch entstünden regionale Unterschiede und unsichere Zugangswege für Betroffene.

Daher zählt zu den Empfehlungen, dass ärztliches Personal mit den Regelungen der vertraulichen Spurensicherung (VSS) im eigenen Bundesland vertraut sein sollte. Die Leitlinie empfiehlt zudem auch eine VSS, die eine spätere Anzeige ermöglicht, ohne sofort die Polizei einzuschalten.

„Jede Frau, die sexualisierte Gewalt erlebt, hat Anspruch auf kompetente medizinische und psychologische Hilfe – unabhängig davon, ob sie eine Anzeige erstattet oder nicht“, betonte der Leitlinienkoordinator Matthias David.

„Es ist nicht Aufgabe des involvierten medizinischen Personals, den Wahrheitsgehalt der Aussagen der Betroffenen zum Tathergang zu bewerten“, stellte David zudem klar. Die Glaubwürdigkeit von Betroffenen sei nicht in Zweifel zu ziehen. „Bezüglich der Dokumentation ist eine sachlich-neutrale Darstellung des Geschilderten für ein juristisches Verfahren von großer Bedeutung.“

Neben der VSS umfassen die Empfehlungen Handlungsanleitungen für die Erstversorgung, die infektiologische und gynäkologische Untersuchung sowie die psychosoziale Nachbetreuung.

So ist laut BVF etwa eine traumainformierte Gesprächsführung zentral. Diese soll den Betroffenen Kontrolle über den Untersuchungsprozess ermöglichen und ihre Würde und Sicherheit in den Mittelpunkt stellen. Zudem sollte bei der Versorgung möglichst eine weibliche Drittperson anwesend sein.

Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFZA) ist rund um die Uhr unter der Nummer 116016 kostenfrei, anonym und über die Internetseite auch mit Gebärdendolmetschung erreichbar. Auch eine Chat- oder E-Mail-Beratung ist möglich.

Das Hilfetelefon arbeitet mit Dolmetscherinnen, sodass eine telefonische Beratung auch in den Sprachen Türkisch, Polnisch, Russisch, Englisch, Ukrainisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Serbokroatisch, Bulgarisch, Rumänisch, Persisch, Vietnamesisch, Mandarin und Arabisch möglich ist.

mim

Diskutieren Sie mit:

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung