Medizin

Radiologie: Was sind die Zeichen häuslicher Gewalt?

  • Dienstag, 28. November 2017
Aufnahmen einer 21-jährigen Frau mit Nasenbeinfraktur sowie Weichteilschwellung der linken Gesichtsseite (oben). Eine Überprüfung der elektronischen Krankenakten ergab ähnliche Verletzungen 9 Monate zuvor in einem anderen Krankenhaus (unten). /RSNA
Aufnahmen einer 21-jährigen Frau mit Nasenbeinfraktur sowie Weichteilschwellung der linken Gesichtsseite (oben). Eine Überprüfung der elektronischen Krankenakten ergab ähnliche Verletzungen, die 9 Monate zuvor in einem anderen Krankenhaus diagnostiziert wurden (unten). /RSNA

Boston – Gewalt durch Intimpartner ist vermutlich häufiger als angenommen. Viele Opfer verschweigen die Ursachen ihrer Verletzungen. Es gibt jedoch bestimmte Muster, die Ärzte misstrauisch machen sollten. Eine auf der Jahrestagung der Radiological Society of North America in Chicago vorgestellte Studie zeigt, worauf geachtet werden sollte.

Anlass für die Studie von Bharti Khurana, einer Radiologin am Brigham and Women's Hospital in Boston, war der Fall einer jungen Frau, die sich wegen einer akuten Nasen­beinfraktur in der Notfallaufnahme vorgestellt hatte. Die Röntgenaufnahme des Schädels zeigte, dass die neue Fraktur eine ältere geheilte Fraktur überlagerte. Es war für die Frau deshalb nicht die erste Verletzung dieser Art gewesen. In der Krankenakte fand Khurana dann noch einen Hinweis auf eine kürzlich erlittene Handgelenkfraktur. Dieses typische Muster einer wiederkehrenden Verletzung, das auf Gewalt durch Intimpartner hinwies, war vom überweisenden Arzt übersehen worden.

Radiologiebilder einer 76-jährigen Frau, die sich mit rechtsseitigem Sehverlust vorgestellt hatte, nachdem sie von ihrem Ehemann geschlagen worden war. /Elizabeth George, Brigham and Women’s Hospital
Radiologiebilder einer 76-jährigen Frau, die sich mit rechtsseitigem Sehverlust vorgestellt hatte, nachdem sie von ihrem Ehemann geschlagen worden war. Diagnostiziert wurden Frakturen des rechten Orbitabodens und der rechten posterolateralen Kieferwand sowie ein Orbitahämatom rechts. ​/Elizabeth George, Brigham and Women’s Hospital

Die Radiologin wertete daraufhin die Krankenakten von 181 Patienten aus, die an einem Programm zur Unterstützung von Opfern häuslicher Gewalt teilgenommen hatten. Die Patienten waren zu 95 Prozent weiblich und mit durchschnittlich 34,7 Jahren relativ jung. Die am häufigsten durchgeführte Untersuchung war ein Röntgen­thorax, gefolgt von einer gynäkologischen Ultraschalluntersuchung und Röntgen­untersuchungen des Bewegungsapparates.

Für die meisten Frauen war es nicht der erste Besuch in der Notfallaufnahme. Im Durchschnitt waren sie zuvor viermal wegen Verletzungen radiologisch untersucht worden. Wiederholte Verletzungen sind bei häuslicher Gewalt nicht ungewöhnlich.

Es gab auch häufige Verletzungsmuster. Dazu gehörten Weichteilverletzungen (Schwellungen, Hämatome oder Quetschungen) und Extremitätenfrakturen, die häufig die distalen oberen Extremitäten betrafen, also den Unterarm und die Hände. Hier kommt es laut Khurana häufig durch Abwehrversuche zu Verletzungen. Weitere häufig beobachtete Verletzungen waren Gesichtsfrakturen.

Viele Opfer litten unter körperlichen oder psychischen Symptomen, die nicht direkt mit dem Missbrauch in Zusammenhang standen. Viele Gewaltopfer sind obdachlos, sexu­elle Übergriffe sind bei Drogenabhängigen häufiger.

Bei jedem Verdacht auf einen Missbrauch sollten die Radiologen das Gespräch mit dem Patienten suchen und am besten auch den überweisenden Arzt hinzuziehen.

rme

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