Ärzteschaft

RKI empfiehlt Abklärung auf Shamonda bei schweren neurologischen Verläufen

  • Freitag, 30. Oktober 2026
/salomonus_, stock.adobe.com
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Berlin – Nach dem ersten dokumentierten humanen Erkrankungsfall mit Shamonda-Virus (SHAV) in Frankreich ruft das Robert-Koch-Institut (RKI) Ärzte in Deutschland zu erhöhter Aufmerksamkeit auf.

Bei unklaren schweren neurologischen Krankheitsverläufen beim Menschen, vor allem aus dem Sommer und Frühherbst, solle auch an eine SHAV-Infektion gedacht und eine entsprechende Abklärung veranlasst werden, heißt es im aktuellen Epidemiologischen Bulletin (2026; DOI: 10.25646/14600).

Das RKI verweist auf den in Frankreich beschriebenen Fall eines stark immunsupprimierten Patienten im Alter zwischen 60 und 70 Jahren, der am 23. September mit neurologischen Symptomen erkrankte und zwei Wochen nach Symptombeginn starb.

Der weltweit erste dokumentierte Fall einer SHAV-Infektion beim Menschen wurde im Fachblatt Eurosurveillance (2026; DOI: 10.2807/1560-7917.ES.2026.31.42.2600883) beschrieben – auch das Deutsche Ärzteblatt berichtete.

Die Symptome des Verstorbenen umfassten zunächst Sehstörungen und Verwirrtheit, später Fieber, Meningismus, pathologische Reflexe, Krampfanfälle und schließlich Koma. In der MRT habe sich im Verlauf das Bild einer schweren Enzephalitis gezeigt. Einen Monat vor Erkrankungsbeginn hatte der Betroffene laut RKI eine allogene Stammzelltransplantation wegen einer T-Zell-Leukämie erhalten.

RKI bietet Diagnostik für humane Verdachtsfälle an

Das Institut betont, dass der Einzelfall keine Rückschlüsse „auf das Ausmaß zoonotischer Übertragungen oder das Risiko für die Allgemeinbevölkerung“ zulasse. Die starke Immunsuppression könnte sowohl die erfolgreiche Infektion als auch den schweren Verlauf mit Todesfolge begünstigt haben.

„Bisher gibt es keine Hinweise auf weitere klinische Manifestationen beim Menschen oder eine Gesundheitsgefährdung der immunkompetenten Allgemeinbevölkerung“, heißt es im Bulletin weiter.

Gleichwohl richtet sich das RKI mit einer konkreten Handlungsaufforderung an die Ärzteschaft: „Wir bitten Ärztinnen und Ärzte um erhöhte Aufmerksamkeit und eine Abklärung auf SHAV bei unklaren Fällen von schweren neurologischen Krankheitsverläufen beim Menschen – vor allem solche aus dem Sommer und Frühherbst.“

Für die Diagnostik steht nach Angaben des RKI das Zentrum für Biologische Gefahren und Spezielle Pathogene 1 (ZBS1) zur Verfügung. Dort könne eine SHAV-Diagnostik zur Abklärung humaner Verdachtsfälle durchgeführt werden. Für serologische Untersuchungen werde Serum benötigt, für die molekulare Diagnostik EDTA-Blut und/oder Liquor. Auch weitere Materialien könnten untersucht werden.

Für Rückfragen und Informationen zum Probenversand verweist das RKI auf Daniel Bourquain am Konsiliarlabor für Hantaviren in ZBS1 (KL-Hantaviren@rki.de). Außerdem sollten SHAV-Nachweise an das zuständige Gesundheitsamt gemäß § 7 Abs. 1 Satz 1 Nr. 50a IfSG gemeldet und an das RKI übermittelt werden.

Virusnachweis bei Patient mit schwerer Enzephalitis

Wie das RKI weiter ausführt, war die initiale mikrobiologische Routinediagnostik bei dem französischen Patienten ohne ursächlichen Erregernachweis geblieben. SHAV-EU1, eine europäische Variante des Shamonda-Virus, sei schließlich mittels Next-Generation-Sequenzierung in einer Liquorprobe nachgewiesen und in einer separaten Liquorprobe per RT-PCR bestätigt worden. Zusätzlich sei das Virus aus Kleinhirn- und Rückenmarksgewebe isoliert worden.

Retrospektive Untersuchungen hätten SHAV-RNA zudem in Serum-, Atemwegs-, Stuhl-, Urin- und Speichelproben nachgewiesen. In postmortalen Gewebeproben des zentralen Nervensystems seien hohe Viruslasten festgestellt worden. Der früheste retrospektive Virusnachweis im Serum deute darauf hin, dass der Mann bereits 83 Tage vor Beginn der neurologischen Symptome infiziert gewesen sei – also noch vor der Stammzelltransplantation.

Wie die Autorinnen und Autoren des Berichts in Eurosurveillance mutmaßen, könnten Durchfall und Appetitlosigkeit, die bei dem Mann im Juni aufgetreten waren, erste Symptome der SHAV-EU1-Infektion gewesen sein, da vergleichbare Symptome auch bei infizierten Rindern beobachtet wurden.

Als wahrscheinlichsten Übertragungsweg wird im RKI-Bulletin eine vektorielle Übertragung durch Gnitzen der Gattung Culicoides im ländlichen Wohnumfeld des betroffenen Mannes in der Region Rhône-Alpes genannt. Dort seien bereits SHAV-EU1-Infektionen bei Tieren nachgewiesen worden. Eine Übertragung durch Bluttransfusionen oder kontaminierte Lebensmittel gelte hingegen als wenig wahrscheinlich.

Dazu passt die Entwarnung des französischen Landwirtschaftsministeriums: „Bislang belegen keine wissenschaftlichen Daten eine Übertragung des Shamonda-Virus durch den Verzehr von Fleisch, Milch oder daraus hergestellten Produkten“, heißt es auf dessen Internetseite. Erzeugnisse von kranken Tieren seien indes „grundsätzlich nicht für den Verzehr bestimmt“, betonte das Ministerium.

Serostudien in Deutschland laufen an

Das Shamonda-Virus ist ein Arbovirus der Gattung Orthobunyavirus aus der Simbu-Serogruppe. Infektionen waren bislang nur bei Tieren nachgewiesen worden. Seit dem Sommer 2026 sind erstmals auch Infektionen in Nutztierpopulationen in Europa – darunter auch in Deutschland – bekannt geworden.

In Deutschland zirkulierten dem RKI zufolge im Sommer zwei genetisch unterscheidbare Kladen, also Viruslinien, des Shamonda-Virus: SHAV-EU1 und SHAV-EU2. Bei Schafen, Ziegen, Alpakas und Pferden sei SHAV-EU1 nachgewiesen worden, bei Rindern sowohl SHAV-EU1 als auch SHAV-EU2.

Das Virus könne bei Tieren akutes Fieber, Durchfall, einen Einbruch der Milchleistung und bei trächtigen Tieren Aborte, Totgeburten oder Fehlbildungen der Nachkommen verursachen. Für SHAV-EU1 seien in Europa auch neurologische Störungen bei Pferden beschrieben worden.

Nach Einschätzung des RKI zeigt der erste dokumentierte Fall beim Menschen, dass eine Übertragung des offenbar in Europa neu auftretenden Virus unter den Bedingungen einer starken Immunschwäche möglich ist. Ob es darüber hinaus zoonotische Übertragungen gibt, sei unklar. Serostudien in Deutschland, mit denen untersucht werden soll, ob Menschen Antikörper gegen das Virus aufweisen, liefen derzeit an.

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