Augenärzte warnen vor Netzhautschäden durch Sonnenfinsternis

München – Morgen Abend (12. August) kann in Deutschland eine partielle Sonnenfinsternis beobachtet werden. Augenärzte warnen vor bleibenden Netzhautschäden durch das Betrachten mit bloßem Auge oder unzureichenden Hilfsmitteln und raten dazu, dabei unbedingt die Augen fachgerecht zu schützen.
Wer die Sonnenfinsternis beobachten möchte, sollte niemals ungeschützt in die Sonne sehen, hieß es von der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG). Die Augenlinse bündele die Sonnenstrahlen wie ein Brennglas auf der Netzhaut, wodurch die lichtempfindlichen Sehzellen durch Wärme und photochemische Prozesse geschädigt werden könnten.
Der Berufsverband der Augenärztinnen und Augenärzte Deutschlands (BVA) warnt, dass auch eine schmale verbleibende Sonnensichel die Netzhaut irreparabel schädigen kann. „Viele unterschätzen die Gefahr der verbleibenden Sonnensichel bei partieller Sonnenfinsternis“, sagte Christian Richter, Ressortleiter im BVA.
Sogar bei einer fast vollständigen Bedeckung der Sonne darf die zertifizierte Schutzbrille nicht abgenommen werden. Die für das Sehen wichtige Netzhaut könnte dauerhaft geschädigt werden. „Die Schädigung der Netzhaut geschieht schmerzfrei und wird deshalb erst mit Verzögerung bemerkt. Deshalb ist konsequenter Augenschutz mit einer zertifizierten Sonnenfinsternisbrille die einzige sichere Vorsorge.“
„Wenige Sekunden können ausreichen“, sagte Vinodh Kakkassery, Chefarzt der Klinik für Augenheilkunde am Klinikum Chemnitz. „Die Schäden können, müssen sich aber nicht zurückbilden. Eine Therapie gibt es nicht, man kann nur den natürlichen Verlauf beobachten“, so der DOG-Experte.
Betroffene bemerken eine solche Sonnenretinopathie nach Angaben der DOG häufig erst Stunden später, etwa wenn ein dunkler Fleck im Sichtfeld bestehen bleibt. „Wer im Anschluss an die Beobachtung Sehstörungen feststellt, sollte nicht zögern und sich augenärztlich untersuchen lassen. Bei einer spürbaren Verschlechterung des Sehvermögens ist eine zeitnahe Abklärung erforderlich“, unterstrich Richter.
Eine Erfassung von Netzhautschäden nach einer Sonnenfinsternis gibt es in Deutschland nicht. In Großbritannien wurden 1999 binnen weniger Tage mindestens 14 Fälle durch eine Klinikumfrage erfasst. „Die tatsächliche Zahl dürfte aber weitaus höher gelegen haben, und davon müssen wir für Deutschland auch ausgehen“, sagte Kakkassery.
Nur geprüfte Sonnenfinsternisbrillen verwenden
Für die direkte Beobachtung empfiehlt die DOG ausschließlich spezielle Sonnenfinsternisbrillen. „Geeignet sind Brillen nach der Norm DIN EN ISO 12312-2:2015 mit CE-Kennzeichnung“, betonte Kakkassery. Kratzer, Löcher oder Risse machten den Schutz unzuverlässig. „Schon kleine Defekte können gefährlich sein, deshalb sollte man Folie und Fassung vor der Nutzung sorgfältig prüfen“, rät der DOG-Experte.
Gefährlich sind viele vermeintliche Schutzmethoden, die insbesondere im Internet kursieren. „Schwarze Filmstreifen, mit Kerzenruß geschwärzte Gläser, gefaltete Rettungsdecken, gewöhnliche Sonnenbrillen – auch mehrere übereinander –, Röntgenbilder, CDs oder Gletscherbrillen sind kein sicherer Augenschutz“, so Kakkassery. Auch einfache Schweißerbrillen seien nicht automatisch geeignet.
Besonders riskant ist den Fachleuten zufolge der Blick durch optische Geräte. „Ferngläser, Teleskope und Kameras bündeln die Sonnenstrahlen zusätzlich – es drohen schwere Augenschäden“, warnte Kakkassery. Wer solche Geräte nutzt, brauche spezielle Filteraufsätze oder eine zertifizierte Solarfolie vor der Optik. „Eine Sonnenfinsternisbrille allein reicht hinter einem Fernglas oder Teleskop nicht aus“, betonte der DOG-Experte.
Finsternisbrillen ausverkauft, was nun?
Sollten Sonnenfinsternisbrillen nicht mehr verfügbar sein, rät die DOG zu sicheren Alternativen – etwa zur indirekten Beobachtung mittels Lochkamera, bei der man nicht unmittelbar auf die Sonne schaut, sondern nur das Abbild der Sonne betrachtet. „Eine Lochkamera lässt sich mit wenigen Handgriffen selbst bauen“, sagte Kakkassery. Anleitungen böten etwa das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) sowie die Stiftung Planetarium Berlin an.
Für die direkte Beobachtung kommen laut DOG außerdem Schweißgläser der Schutzstufen 12 bis 14 oder zertifizierte Solarfolien infrage, die man im Astronomie- und Teleskopfachhandel erwerben kann. Geeignete Schweißgläser sind in vielen Baumärkten oder im Arbeitsschutzfachhandel erhältlich.
Wer kein geeignetes Material zur Hand hat, kann auf Liveübertragungen etwa bei der europäischen Raumfahrtbehörde (ESA) ausweichen. „Ein Livestream bietet das beeindruckende Erlebnis ohne Gefahr für die Augen“, so Kakkassery.
Der BVA wies darauf hin, dass Eltern einen besonderen Blick auf ihre Kinder haben sollten. Kinder sind besonders gefährdet, da sie die Risiken oft nicht einschätzen könnten und die Schutzbrille leichter abnähmen. Eltern sollten sicherstellen, dass Kinder ausschließlich zertifizierte und unbeschädigte Sonnenfinsternisbrillen verwenden und diese während der gesamten Beobachtung konsequent tragen, so der BVA. Eine lückenlose Beaufsichtigung ist unerlässlich.
Im Gegensatz zu Deutschland gehören Nordspanien, Island und Grönland zu den wenigen Regionen weltweit, in denen eine totale Sonnenfinsternis zu sehen sein wird. In Nordspanien wird sich am 12. August ab etwa 19.30 Uhr der Mond langsam vor die Sonne schieben, bis er sie knapp eine Stunde später für gut eineinhalb Minuten komplett verdeckt und die Beobachter in Dunkelheit hüllt.
In Deutschland etwa wird nur eine teilweise Sonnenfinsternis zu sehen sein – auch wenn die Sonne hier bis zu etwa 90 Prozent vom Mond verdeckt sein wird. Ihren Höhepunkt wird die „Sofi“ in Deutschland je nach Standort des Beobachters zwischen etwa 20.07 Uhr und 20.18 Uhr erreichen.
Die partielle Sonnenfinsternis wird zum Beispiel ab 19.15 Uhr über Berlin und Brandenburg zu sehen sein. Gegen 20.08 Uhr wird sich der Mond zu etwa 85 Prozent vor die Sonne geschoben haben, das ist die maximale Bedeckung, die hier zu sehen sein wird. Erst gegen 20.37 Uhr ist das Naturschauspiel wieder vorbei.
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