Fachgesellschaften drängen auf bessere Nachsorge nach Intensivbehandlungen

Berlin/Nürnberg – In Deutschland fehlen flächendeckende strukturierte Nachsorgeangebote für Menschen, die intensivmedizinisch behandelt werden mussten. Darauf weisen die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) hin.
„Intensivstation bedeutet nicht Endstation. Für viele Menschen ist sie der Beginn ihres Weges zurück ins Leben“, sagte Gernot Marx, Präsident der DGAI und Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum Aachen zum Tag der Intensivmedizin am 18. Juni.
„Viele Menschen überleben heute schwerste Erkrankungen und intensivmedizinische Behandlungen. Für einen erheblichen Teil der Betroffenen beginnt damit jedoch ein oft sehr langer Weg zurück in den Alltag und Beruf“, betonte der DIVI-Generalsekretär Alexander Zarbock, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie am Universitätsklinikum Münster.
Viele Betroffene entwickeln der DIVI zufolge nach einer intensivmedizinischen Behandlung das Post-Intensive-Care-Syndrom (PICS). Dieses umfasst körperliche Einschränkungen wie Muskelschwäche, Schmerzen oder Schluckstörungen ebenso wie kognitive Defizite und psychische Belastungen, etwa Angststörungen, Depressionen oder posttraumatische Belastungssymptome. Diese Langzeitfolgen können die Rückkehr in Alltag, Familie und Beruf erheblich erschweren.
Aus Sicht der Fachgesellschaften reichen einzelne spezialisierte Nachsorgeambulanzen für die Versorgung nicht aus. „Erforderlich sind bundesweit etablierte Strukturen mit einem standardisierten Screening körperlicher, psychischer und kognitiver Beeinträchtigungen spätestens drei Monate nach der Entlassung von der Intensivstation“, fordert Zarbock.
Darüber hinaus brauche es gezielt geschulte Hausärzte, PICS-sensitive Rehabilitations- und Physiotherapieangebote, psychoedukative und psychosoziale Unterstützung sowie geförderte Selbsthilfe- und Peer-Support-Strukturen.
„Unser Gesundheitssystem darf diese Patientinnen und Patienten nach der Entlassung nicht aus dem Blick verlieren. Gute Intensivmedizin misst sich nicht allein am Überleben. Entscheidend ist auch, wie gut Betroffene in ihr Leben zurückfinden können“, betonte Uwe Janssens, medizinischer Geschäftsführer der DIVI und Direktor der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital Eschweiler.
Die DGAI rückt zum Tag der Intensivmedizin auch die Bedeutung von Angehörigen in den Fokus: „Früher hat man der Rolle von Angehörigen in der Behandlung deutlich weniger Bedeutung beigemessen. Heute wissen wir, wie wichtig die Interaktion zwischen Patienten und ihren Angehörigen für die Genesung ist“, sagte Hendrik Bracht, stellvertretender Klinikdirektor der Universitätsklinik für Anästhesiologie, Intensiv-, Notfall-, Transfusionsmedizin und Schmerztherapie am Evangelischen Klinikum Bethel sowie zweiter Sprecher des Arbeitskreises Intensivmedizin der DGAI.
Wichtig sei außerdem die psychologische Begleitung von Patienten und deren Angehörigen. Denn für Familien bedeute ein Intensivaufenthalt eine Ausnahmesituation voller Angst, Unsicherheit und Kontrollverlust.
„Psychologische Betreuung von Intensivpatientinnen und -patienten ergänzt die medizinische Behandlung durch die nicht medikamentöse Linderung von Angst, Stress und Schmerzen und hilft dabei, die Ausnahmesituation zu verarbeiten – sowohl den Patientinnen und Patienten als auch den Angehörigen“, sagte die DGAI-Expertin Susanne Buld, Leiterin des psychologischen Teams der Intensivstationen am Universitätsklinikum Würzburg.
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