Kinder psychisch- und suchtkranker Eltern brauchen Unterstützung

Berlin – Kinder psychisch- und suchtkranker Eltern müssen im Gesundheitswesen sichtbarer gemacht werden – durch Nachfragen, genaues Hinschauen und durch gegebenenfalls konsequentes Handeln zusammen mit der Jugendhilfe. Das war die zentrale Botschaft des Fachtags der Medizinischen Kinderschutzhotline (0800/1921000), der gestern digital stattfand.
„Viele erwachsene Patientinnen und Patienten in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung berichten von belastenden Kindheitserfahrungen“, sagte Jörg M. Fegert, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm und wissenschaftlicher Leiter des Fachtags.
Das Aufwachsen mit psychisch oder suchtkranken Eltern gehöre dabei zu den am häufigsten genannten. Diese Erkenntnis sei zentral für die Prävention psychischer Erkrankungen bei Kindern und die traumasensible Behandlung von Erwachsenen, die oft gleichzeitig Eltern seien.
„Frühzeitige Unterstützung und bedarfsgerechte Hilfsangebote können verhindern, was Eltern am meisten fürchten: Handeln gegen ihren Willen“, betonte Fegert. Tatsächlich verfüge das Jugendamt über einen „riesigen Fächer an Hilfen“, die Herausnahme eines Kindes aus der Familie sei nur in Akutfällen nötig.
Negative Kindheitserfahrungen können dem Kinder- und Jugendpsychiater zufolge im Laufe der Lebensspanne zunächst zu sozialen, emotionalen und kognitiven Beeinträchtigungen führen, dann zu gesundheitlichem Risikoverhalten führen, Krankheit, Behinderung und soziale Probleme begünstigen und schließlich zu frühem Tod führen.
Daten zeigen Lage an
Repräsentative Daten aus Deutschland zeigten, dass knapp die Hälfte der Erwachsenen (46 Prozent) mindestens eine Erfahrung von Vernachlässigung, Gewalt, sexuelle Übergriffe oder psychisch oder suchtkranke Eltern berichtet, berichtete Inga Schalinski, Professorin für Klinische Psychologie und Traumatherapie, Universität der Bundeswehr München. Rund 10 Prozent berichteten sogar über vier oder mehr solcher Erfahrungen.
„Diese Erfahrungen wirken oft lebenslang nach und erhöhen dosisabhängig das Risiko für psychische Erkrankungen. Am stärksten ist der Zusammenhang mit Depressionen, gefolgt von Angststörungen, posttraumatischer Belastungsstörung, Sucht-, Ess- und Persönlichkeitsstörungen“, betonte Schalinski.
Auch körperliche Folgen seien belegt: In stark belasteten Gruppen treten chronische Schmerzen deutlich häufiger auf. Einen positiven Zusammenhang gebe es auch für Schlaganfall, COPD und Herzinfarkt. „Die Folgen zeigen sich teils erst im mittleren oder höheren Erwachsenenalter und scheinen sich nicht einfach auszuwachsen“, erklärte sie.
Für die Psychotherapie bedeute das, dass frühe Belastungen bei psychischen und körperlichen Beschwerden im Erwachsenenalter systematisch mitgedacht und biografisch eingeordnet werden sollten. „Je früher Hilfen ansetzen, desto eher lassen sich langfristige Folgen möglicherweise abmildern“, betonte Schalinski.
Ein erhöhtes Risiko, selbst psychische Auffälligkeiten zu entwickeln, haben betroffene Kinder nach Aussage von Sabine C. Herpertz, Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Heidelberg vor allem durch elterlichen Stress, deren emotionale Überforderung und ein erhöhtes Misshandlungspotenzial.
Bei depressiven Eltern zeige sich besonders häufig eine verminderte Sensitivität und emotionale Zuwendung, was bei Kindern vor allem Depressionen und Ängste begünstigen könne. Bei Müttern mit Borderline-Persönlichkeitsstörung spiele eher feindseliges Verhalten eine Rolle, die bei Kindern Verhaltensstörungen, ADHS oder Suchtentwicklung fördern könne.
Studien deuteten zudem darauf hin, dass die Interaktion mit dem Kind für diese Mütter oft weniger belohnend und stärker stressbelastet sei, was Bindung und Erziehung zusätzlich erschwere.
Aus den Erfahrungen der Medizinischen Kinderschutzhotline berichtete der Arzt Tobias Heimann. Er schickte voraus, dass psychische Erkrankungen und Substanzmissbrauch nicht automatisch bedeuteten, dass ein Kind geschädigt werde. Entscheidend sei das daraus entstehende elterliche Verhalten; Risikofaktoren sind vor allem emotionale Nichtverfügbarkeit, Unberechenbarkeit, Feindseligkeit, Überkontrolle sowie körperliche oder emotionale Gewalt.
Bei der Kinderschutzhotline wurden Heimann zufolge, 245 Beratungsfälle zu psychisch erkrankten Eltern ausgewertet, wobei es überdurchschnittlich häufig um sehr junge Kinder bis zu drei Jahren ging. Die häufigsten Themen waren Fragen zum weiteren Vorgehen im Jugendhilfekontext, zur Gesprächsführung mit Eltern und zur Einschätzung von Kindeswohlgefährdung.
Besonders häufig riefen Psychotherapeuten an, bei denen Eltern in Behandlung waren, sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Im Vergleich zum Gesamtkollektiv der Hotline spielten bei diesen Beratungsfällen Vernachlässigung und auch emotionale Misshandlung eine deutlich größere Rolle.
Für die Praxis empfiehlt Heimann ein abgestuftes Vorgehen: Zunächst müssten gewichtige Anhaltspunkte für eine Gefährdung erkannt werden, ohne dass schon alles bewiesen sein müsse. Danach sollte geprüft werden, welche Hilfen im eigenen Setting möglich sind, ob auf weitere Hilfen hingewirkt werden kann und ob diese zum Schutz des Kindes ausreichen.
Falls nicht, könne eine Mitteilung an das Jugendamt notwendig werden. „Diese Entscheidungen erfordern eine sorgfältige Güterabwägung zwischen Kinderschutz, Elternkooperation, vorhandenen Ressourcen und möglichen Folgen des eigenen Handelns oder Nichthandelns“, sagte er.
In Erwachsenenpsychiatrien werde oft nicht systematisch erfasst, ob Patientinnen und Patienten Kinder hätten und wie diese versorgt seien, konstatierte Yvonne Grimmer, Professorin für Sozialmedizin an der Hochschule Darmstadt, ZI Mannheim.
„Dabei ist das für den Kinderschutz zentral, denn gerade kleine Kinder sind gefährdet, wenn Eltern psychisch schwer belastet oder stationär aufgenommen sind. Zugleich sind die Hilfen für Kinder psychisch erkrankter Eltern zwar wirksam, werden aber wegen Scham, Angst und Überforderung oft nicht genutzt“, sagte sie.
Präventionsprojekt „Stark im Sturm“ für Kliniken
Hier setze das Präventionsprojekt „Stark im Sturm“ an. Mit wenigen Pflichtfragen solle in Kliniken, Ambulanzen und Tageskliniken früh erkannt werden, ob minderjährige Kinder vorhanden und versorgt sind oder ob sofort weiterer Klärungs- und Schutzbedarf besteht. „So soll verhindert werden, dass Kinder in Krisensituationen der Eltern übersehen oder unversorgt zurückgelassen werden, sagte Grimmer, die das Projekt leitet.
In jeder Behandlungseinheit arbeiteten speziell geschulte Familienbeauftragte und es bestehe eine enge Kooperation mit der Jugendhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie. „Ziel ist, Eltern niedrigschwellig anzusprechen, Kinder mitzudenken und Familien möglichst schon während der Behandlung in passende Hilfen zu vermitteln“, sagte Grimmer.
Zu dem Präventionsangebot gehören auch Angebote wie Elterngruppen, in denen die Patienten die Wechselwirkungen zwischen der Erkrankung und familiärem Alltag erkennen und Wege aus belastenden Teufelskreisen finden sollen, berichtete Sabine Rief, Familienbeauftrage bei „Stark im Sturm“.
Angeboten werde auch eine Kindersprechstunde, die Kinder und Jugendliche allein oder gemeinsam mit den Eltern aufsuchen können. Plakate, Spielzeugkisten und eine kinderfreundlichere Gestaltung der Stationen sollen Rief zufolge signalisieren: „Kinder sind willkommen und dürfen mitgedacht werden.“
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