Runder Tisch Kinderschutz: Traumasensiblere Medizin gefordert

Berlin – Im Beisein von Königin Silvia von Schweden haben Fachleute aus verschiedenen Bereichen heute Empfehlungen für einen besseren Kinderschutz in Deutschland erarbeitet. Dazu gehört für den Gesundheitssektor die Forderung nach einer „traumasensibleren Medizin“, sagte Tanja Brüning bei der Vorstellung der Ergebnisse des Fachforums Gesundheit beim „Runden Tisch Kinderschutz“ in Berlin.
„Das bedeutet: Wir müssen besser werden in der Detektion der Betroffenen. Wir müssen eine raschere Nachsorge gewährleisten“, so Brüning, die selbst 1. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin (DGKiM) ist. Parallel hatten heute Nachmittag mehrere weitere Fachforen, etwa zu Recht, Jugendhilfe und Innerer Sicherheit, ebenfalls Impulse entwickelt.
Der Runde Tisch kam heute zum zweiten Mal nach 2024 in der Hauptstadt zusammen. Die Vorschläge der Fachforen wurden zunächst symbolisch an Petra Bahr (CDU), Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium, übergeben. Die Ergebnisse sollen nach Abschluss einer Jugendkonsultation veröffentlicht und offiziell an die Bundesregierung übergeben werden.
Zum Gesundheitsbereich führte Brüning aus, die große Herausforderung sei das Missverhältnis zwischen der Größe der Patientengruppe und den insgesamt nur begrenzten derzeit verfügbaren Fachressourcen. Als weitere große Herausforderung im Gesundheitsbereich nannte Brüning die oft nicht auskömmliche Finanzierung, sowohl im ambulanten wie auch stationären Bereich. Hier dürfe keine Zeit mehr verloren gehen.
„Wir brauchen eine patientenbezogene Förderung, sogenannte Kinderschutzpauschalen schweben uns vor“, so Brüning. Zudem würden unabhängige Strukturpauschalen benötigt, etwa für Netzwerkarbeit, Qualitätssicherung und die Umsetzung von Schutzkonzepten.
Darüber hinaus führte Brüning eine gesetzliche Verankerung von Kinderschutzstrukturen im Gesundheitswesen als wichtig an. Es dürfe keine Entscheidung sein, ob man sich dem Problem stelle oder nicht.
In Bezug auf die Detektion von sexuellem Missbrauch komme es darauf an, auch unabhängig von bestehenden Symptomen stärker die Lebensumstände der Kinder zu screenen. Es brauche dann aber auch Standards, was mit diesen Informationen passiere.
Königin Silvia von Schweden betonte in ihrem auf Deutsch gehaltenen Grußwort, dass Begegnungen mit Kindern, deren Rechte oft zu lange, im Verborgenen verletzt worden seien, ihr Leben sehr geprägt hätten. „Sie haben mich gelehrt, dass Kinderschutz kein Randthema ist, sondern ein Prüfstein für den Zustand der Gesellschaft, in der wir leben, und auch unserer rechtsstaatlichen Strukturen.“
Zu den Leitfragen des Runden Tisches sagte die Königin, es gehe darum, was helfe, was es koste und wie man auch bei bei begrenzten Ressourcen die maximale Wirkung erziele. Diese Fragen dürfe man nicht durch die kurzsichtige Brille eines Haushaltsjahres oder einer Legislaturperiode betrachten, sondern es brauche langfristig ein stabiles Fundament. Sie hoffe, dass Erkenntnisse des Fachtages in verbindliche Schritte übersetzt werden.
In einem Gespräch im kleineren Kreis informierte sich Königin Silvia über die Entwicklungen beim Kinderschutz in Deutschland und tauschte sich unter anderem mit Claus und Büdenbender aus.
Die Königin hielt dabei fest, dass bei der Hilfe für Kinder nicht zu viel Zeit verloren gehen dürfe, etwa „weil die Instanzen sich nicht einig sind oder irgendwelche Missverständnisse bestehen“. Wichtig sei, dass Kinder spürten: „Man glaubt mir, man will mir helfen.“
Sie warf auch die Frage auf, ob man nicht zu mehr Einheitlichkeit innerhalb Deutschlands kommen könnte, nachdem Claus berichtet hatte, dass es nun immerhin in drei Bundesländern Landesbetroffenenräte gebe. Zudem stehe in Rheinland-Pfalz die Berufung der ersten Landesbeauftragen für das Thema bevor. Auch ein neues Forschungszentrum, angesiedelt beim Deutschen Jugendinstitut in München, habe auf den Weg gebracht werden können.
Als grundsätzliches Problem machte Claus aus, dass hierzulande oft angenommen werde, man greife zu sehr in die Autonomie der Eltern ein, wenn man Kinderrechte stärke.
Kinderschutz spiegele sich kaum finanziell im Gesundheitssystem
Die Vorständin der WCFD, Astrid Helling-Bakki, erläuterte, dass im Gesundheitswesen Gewalt oft als „von Außen zugetragen“ verstanden werde, nicht als Teil von Gesundheit. Es sei ein Fehlschluss, dass im System stark auf einzelne Symptome oder Krankheiten geblickt werde, ohne deren mögliche Wurzeln zu betrachten: Gewalt sei ein Gesundheitsproblem, sagte sie etwa mit Blick auf Risiken nach frühen Gewalterfahrungen in Kindheit und Jugend. „Das wir das nicht wahrnehmen, ist eine Farce.“
Die Problematik spiegle sich im Abrechnungs- und Diagnosesystem wider. Für den ambulanten Kinderschutz etwa fehlten Abrechnungsformate. Generell sei im Gesundheitswesen „noch ganz viel Luft nach oben“ in Hinblick auf eine Professionalisierung, so Helling-Bakki, die selbst Kinderärztin ist, auf eine Frage des Deutschen Ärzteblattes.
Diese beginne „in den grundlegendsten Ausbildungsformaten der Gesundheitsberufe bis hin zu den Spezialisierungen, den Facharztstandards, aber auch den Qualifikationen in der Kinderschutzmedizin.“ Es gebe diese Möglichkeiten. Im Ausland sehe man, dass Strukturen dafür geschaffen werden müssten.
Viel Handlungsbedarf im digitalen Raum
Auf den unzureichenden Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet und in sozialen Medien wies Büdenbender hin. „Wir brauchen Schutzkonzepte in allen Bereichen.“ Seit dem ersten Runden Tisch zum Thema seien die Herausforderungen nach ihrer Einschätzung eher größer geworden. Auch Claus machte deutlich: Digitale Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sei alltäglich, Kinderschutz müsse konsequent auch im digitalen Raum ankommen.
„Wir müssen dafür sorgen, dass Schutz, Früherkennung und gute Hilfen verlässlich ineinandergreifen und Kinder und Jugendliche nicht auf dem Weg durch die Systeme verloren gehen“, betonte Claus. Kinder und Jugendliche müssten konsequent in den Mittelpunkt gestellt werden: in der Gesundheit, in der Jugendhilfe, im Rechtssystem und in der Bildung.
Betroffene nicht als Opfer stigmatisieren
Juristin Büdenbender betonte auch, dass die Kinderrechte für sie ins Grundgesetz gehörten. In Schweden sei dies bereits seit einigen Jahren der Fall, hieß es auf der Veranstaltung. Wichtig sei ihr aber auch, dass man die Betroffenen nicht als Opfer stigmatisiere. „Wir müssen Räume schaffen, in denen sie sagen können, was sie erfahren mussten, ohne die Scham auf sich zu nehmen.“
Neben individuellem Leid müsse man auch die gesellschaftlichen und ökonomischen Folgekosten sprechen, so Claus. Diese gingen einer Studie zufolge pro Jahr in die Milliarden, die Kosten entstünden im Gesundheitswesen, in der Kinder- und Jugendhilfe, im Bildungssystem, in der Justiz, in den Sozialsystemen und in Form von langfristigen Produktivitätsverlusten.
Zum Abschluss machte Claus deutlich, dass ein politisches Mandat und ressortübergreifende Strukturen das Entscheidende seien, wenn man beim Kinderschutz vorankommen wolle. Andernfalls drohe das Thema immer wieder marginalisiert zu werden.
Königin Silvia von Schweden gründete die World Childhood Foundation vor mehr als 25 Jahren, im Jahr 1999. Ziele sind der Schutz des Rechts der Kinder auf eine sichere und liebevolle Kindheit und das Verbessern der Lebensbedingungen von Kindern, die sexuellem Missbrauch und Gewalt ausgesetzt sind.
Die Stiftung initiierte in den vergangenen Jahren – neben ihrem Engagement in anderen Ländern – mehrere sogenannte Childhood-Häuser in Deutschland. Das sind ambulante Einrichtungen, in denen mehrere Professionen unter einem Dach zusammenkommen, um betroffene Kinder in vertrauter Umgebung zu versorgen: unter anderem medizinisch, mit Spurensicherung und psychosozialer Nachsorge.
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