Sanitätsdienst führt Großübung für den Ernstfall durch

Berlin – In der größten Übung seit Jahrzehnten hat der Sanitätsdienst der Bundeswehr die Verlegung und Verteilung von Verwundeten im Bündnisfall geprobt. Zusammen mit einer Vielzahl an zivilen Hilfsorganisationen und Krankenhäusern simulierten sie die Erstversorgung und Verlegung hunderter Soldaten aus dem Baltikum.
Dabei hat die Bundeswehr erstmals die gesamte Rettungskette in einem Szenario trainiert, das sich eng an den derzeitigen sicherheitspolitischen Realitäten orientiert: Bereits im Februar hatte das Heer die schnelle Verlegung seiner mittleren Kräfte nach Litauen geübt, wo bereits im vergangenen Jahr tatsächlich eine Brigade in Dienst genommen wurde. Parallel hatte die Marine Aufklärung und Überwachung in der Ostsee trainiert.
In der vergangenen Woche nun wurde die dreiteilige Übung mit der strategischen Verlegung Verwundeter Soldatinnen und Soldaten aus dem Baltikum nach Deutschland und deren Verteilung auf zivile Gesundheitseinrichtungen erprobt. Am Flughafen Berlin Brandenburg (BER) wurde dazu ein Hub eingerichtet, an dem militärische und zivile Strukturen ineinandergreifen.
Rund 1.000 Soldaten – 200 davon als Verwundetendarsteller – sowie rund 250 zivile Einsatzkräfte, unter anderem vom Roten Kreuz, der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) sowie den Maltesern und Johannitern, waren beteiligt.
MedEvac Airbus in Alarmbereitschaft versetzt
Demonstriert und geübt wurde die Ankunft Verwundeter mittels eines A400M-Transportflugzeugs. Eigentlich hätte ein sogenannter MedEvac Airbus diese Rolle übernehmen sollen, diese wurde jedoch kurz zuvor aufgrund des Irankrieges in Einsatzbereitschaft versetzt.
Die eingeflogenen Verwundeten wurden daraufhin in einer Medizinischen Taskforce (MTF) der DLRG versorgt. Der Bund – bei der Übung durch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) vertreten – stattet die MTF mit Fahrzeugen und Material aus und finanziert die Ausbildung der Einsatzkräfte. Bundesweit werden bisher 61 solcher Einheiten aus jeweils 27 Fahrzeugen und 138 Einsatzkräften vorgehalten.
Daraufhin wurde die Verteilung auf zivile Krankenhäuser, darunter die Charité, das Unfallkrankenhaus Berlin (UKB), das Vivantes Klinikum Neukölln sowie das Bundeswehrkrankenhaus, unter Federführung des Berliner Senats geübt.
„Das ist kein fertiges System, es ist ein Experiment“, erklärte Oberstarzt Ingo Weisel. „Aber es ist ein Katalysator. Dinge, von denen wir vorher dachten, die funktionieren nie, klappen jetzt.“ Dabei sei bereits in den ersten beiden Tagen der Übung die Erkenntnis eingetreten, „dass wir viele Dinge, die wir über lange Jahre im guten deutschen Prozess etabliert haben – wegschmeißen können.“
So habe sich gezeigt, dass der bisherige Verteilmechanismus nicht in der Lage gewesen war, einen Anfall von 200 Verwundeten gleichzeitig abzubilden. Er sei entsprechend der Bedürfnisse angepasst worden. „Ob das eine Blaupause für ganz Deutschland ist, wissen wir noch nicht“, räumte Weisel ein. Die Mechanismen und Zuständigkeiten im föderalen System seien zu komplex, um alles in einer Übung abzubilden.
1.000 Verwundete pro Tag
Und die Bedürfnisse seien groß: Von bis zu 1.000 Verwundeten pro Tag wird im Bündnisfall ausgegangen. Bedenke man die Liegezeiten in den Krankenhäusern entstehe daraus allein in den ersten beiden Wochen ein Bedarf von 35.000 Krankenhausbetten.
„Dieser Hub steht für mehr als die nationale Gesundheitssicherstellung“ erklärte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) bei der Inspektion der Übung am vergangenen Freitag. Er stehe für die zivil-militärische Zusammenarbeit und Deutschlands Rolle in der NATO. In einem tatsächlichen Bündnisfall würde Deutschland die Rolle der zentralen Logistikdrehscheibe des Nordatlantikbündnisses zukommen.
„Es geht darum, zu zeigen, dass Übungen dieser Größenordnung eine Bedeutung haben für die Verteidigungsfähigkeit des Bündnisses“, sagte er. Sie sei auch ein deutliches Signal nach außen – an einen möglichen Aggressor.
Ziel sei aber vor allem, Erkenntnisse aus der Übung zu extrahieren sowie rechtliche, organisatorische und technische Schwachstellen zu identifizieren. „Wir schauen uns die Prozesse und rechtlichen Rahmenbedingungen genau an“, betonte Pistorius. „Es geht nicht darum, wann der Ernstfall eintritt, sondern auf ihn vorbereitet zu sein, wenn er eintritt.“
Dazu werde es im Anschluss an die Übung eine umfangreiche Evaluation geben, um Schwachstellen in der zivil-militärischen Zusammenarbeit zu identifizieren, erklärte Generalstabsarzt Almut Nolte, stellvertretende Befehlshaberin und Stabschefin des Zentralen Sanitätsdiensts der Bundeswehr.
Welten prallen aufeinander
Bisher hätten sich beispielsweise Reibungen in der Kommunikation gezeigt, Sprache und Terminologie würden sich zwischen Sanitätssoldaten und zivilen Einsatzkräften unterscheiden. „Da lernen wir noch voneinander“, betonte sie. „Da prallen zwei Welten aufeinander und wir müssen sehen, ob das passt“, hatte zuvor auch Oberstarzt Weisel betont.
Zudem sei deutlich geworden, dass Abläufe stärker als bisher digitalisiert werden müssten, um beispielsweise die notwendige Dokumentation innerhalb der Rettungskette effizienter zu gestalten, ergänzte der Befehlshaber des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr, Generaloberstabsarzt Ralf Hoffmann.
Zudem müsse die Arbeit an einem gemeinsamen Lagebild fortgesetzt werden, um zivil-militärisch übergreifend einen Echtzeitüberblick über personelle und materielle Ressourcen und Kapazitäten wie Krankenhausbetten zu erhalten. Auf ziviler Seite liege zudem bisher ein zu großer Fokus auf dem stationären Sektor.
Im Ernstfall werde der ambulante Bereich künftig stärker eingebunden werden müssen, insbesondere zur Weiterbehandlung von Verwundeten. „Was wir hier üben, ist nur ein erster Aufschlag“, betonte Hoffmann.
Eine weitere Stärkung der zivil-militärischen Zusammenarbeit hatte Hoffmann daraufhin mit der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH) und dem Malteser Hilfsdienst vereinbart. Am Rande der Übung unterzeichnete er für den Zentralen Sanitätsdienst einen Vertrag über eine „privilegierte Partnerschaft“ mit beiden Organisationen.
Sie sieht den Abschluss öffentlich-rechtlicher Verträge zwischen Bundesverteidigungsministerium (BMVg), JUF und Maltesern vor, die die „Grundzüge der mitwirkenden Unterstützung“ definieren. Darin sollen unter anderem Verwendungsauftrag und Verhaltensregeln festgelegt werden. Die Entwürfe dafür befänden sich bereits in Abstimmung.
„Wir werden dadurch keine Kombattanten, wir bleiben eine Hilfsorganisation auf Basis von Freiwilligkeit“, betonte Oliver Meermann, Mitglied des Bundesvorstands der JUH, bei der Unterzeichnung. Die Johanniter hätten im Rahmen der zivil-militärischen Zusammenarbeit bereits 100 Fahrzeuge zur Verfügung gestellt.
Dass es dieses Engagement gebe, heiße aber nicht, dass sich der Gesetzgeber zurückziehen könne, mahnte Malteser-Vizepräsident Albrecht Prinz von Croy. „Wir brauchen klare Richtlinien für den Einsatz unserer Kräfte. So bräuchten die ehrenamtlichen Einsatzkräfte die gleichen Rechte wie ihre Kollegen bei den Feuerwehren, insbesondere ein Recht auf Freistellung durch ihre Arbeitgeber bei Einsätzen. Das Thema Helfergleichstellung müsse weiter diskutiert werden.
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